Der Stuntman war schon Double für Daniel Craig, Tom Hiddlestone und Orlando Bloom.

Vladimir "Furdo" Furdik ist Stuntman, Schauspieler und Choreograph von Action-Szenen. Er spielte seit der vierten Staffel "Game of Thrones" den Nachtkönig – den geliebten wie gehassten Bösewicht. Viele seiner Fans, auch aus der Slowakei, wussten lange nicht, dass der gefürchtete Charakter von einem Mann aus der Slowakei porträtiert wurde. Aus diesem Grund sind viele Einheimische zu Recht stolz darauf, dass einer der größten Schurken der Fernsehserien aus Bratislava stammt und derzeit in der Tschechischen Republik lebt. Dabei kam er durch Zufall zu seinem Traumjob als Stuntman.

Der 48-Jährige hatte ursprünglich als Reiter im Filmgeschäft angefangen, hatte aber viel mehr auf dem Kasten. Seitdem war er schon Stunt-Double für berühmte Schauspieler wie Daniel Craig, Tom Hiddlestone und Orlando Bloom. Er hat auch mit großen Regisseuren wie Guy Ritchie und Ridley Scott zusammengearbeitet. Star-Allüren hat er trotzdem nicht. Tatsächlich sieht er seinen Beruf für einen Beruf wie jeden anderen auch. Und das, obwohl er aus schwindelerregenden Höhen in die Tiefe springt, sich mit Feuer anzündet und vor der Kamera mit schweren Schwertern kämpft.

Unser NOIZZ-Kollege aus der Slowakei, Martin Kalinčák, hat Vladimir Furdik beim Y-Games Festival in der Kunstgalerie Refinery Gallery in Bratislava persönlich zu einem Interview getroffen. Im Gespräch verrät der Stuntman Details über seine Arbeit am Set von großen Produktionen, wie man überhaupt ein Stuntman werden kann und erzählt von einem schrecklichen Unfall.

NOIZZ-Redakteur Martin Kalinčák im Gespräch mit Vladimir Furdik Foto: Lucia Bencikova / NOIZZ.sk

Du bist einer der wenigen Slowaken, die es geschafft haben, in Hollywood durchzustarten. Wie ist das für dich und deine Freunde, mit weltberühmten Stars zusammen zu arbeiten?

Vladimir Furdik: Für mich ist das normal. Ich betrachte sie als Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Ich sehe sie nicht als herausragende Persönlichkeiten. Ich treffe sie seit Jahren und sie sind wirklich normale Leute. Natürlich empfinden es meine engen Freunde anders. Sie sagen, ich hätte sehr viel Glück gehabt, mit solchen Stars zu arbeiten, aber für mich sind sie nur meine Kollegen.

War es ein Glücksfall, dass du Stuntman geworden bist, oder bist du eines Morgens aufgewacht mit dem Ziel, Stuntman zu werden?

Vladimir Furdik: Mein Leben hat mich zu einem Stuntman gemacht. Wo ich jetzt bin, war einfach Glück. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und traf die richtige Person, um Stuntman zu werden.

Es ist gefährlich, als Stuntman zu arbeiten. Wie sehr sorgen sich deine Familie und Freunde um dich – und hat es jemals einen Punkt erreicht, an dem du von deinen Liebsten gebeten wurdest, aufzuhören?

Vladimir Furdik: Überhaupt nicht. (lacht) Manchmal schickt mir meine Frau Nachrichten, dass ich auf mich aufpassen soll, aber niemand sagt mir, dass ich aufhören soll.

Bei all den herausfordernden Szenen deiner Karriere sind keine Unfälle passiert, die dich zum Nachdenken gebracht haben, vielleicht doch einen anderen Beruf auszuüben? Du riskierst ja praktisch immer dein Leben, wenn du am Set bist…

Vladimir Furdik: Doch, ich habe mich schon einmal gefährlich verletzt. Ich habe mir den Schädel gebrochen, als ich von einer acht Meter hohen Wand gefallen bin. Aber selbst dieser Vorfall hat mich nicht überzeugt, dass es der richtige Zeitpunkt ist, die Arbeit als Stuntman aufzugeben.

Hat dieser Schockmoment echt nicht ausgereicht?

Vladimir Furdik: Ich erinnere mich nicht so sehr an den Sturz. Ich wusste nichts mehr, als ich damals im Krankenhaus aufgewacht bin. Und als ich nach einem Monat entlassen wurde, wirkte das echt unmöglich für mich. (lacht) Ich habe nicht einmal bemerkt, dass ich eine schwere Verletzung hatte. Nichts tat mir weh, ich war unter starken Schmerzmitteln und ich habe erst nicht begriffen, wie schrecklich das Ganze war. Erst als meine Freunde mir später alles erzählten, dass mein Kopf dreimal größer war als normal (und glücklicherweise kein Foto von mir machten), und dass sie mich einen Monat lang mit Löffeln füttern mussten, wurde mir klar, dass es tatsächlich wirklich ernst sein musste. Ich hatte nur mit wenigen Folgen zu kämpfen. Ich hatte ungefähr sieben Monate lang ein Problem mit der Körperstabilität, meine Hände zitterten, aber damals wie heute denke ich, das reicht nicht, um das Ganze aufzugeben.

Verletzungen sind relativ normal, wenn man als Stuntman arbeitet. Aber ein gebrochener Schädel ist wahrscheinlich nichts, was regelmäßig passiert, wenn du Actionszenen drehst. Wie konnte es dazu kommen?

Vladimir Furdik: Es wurden vier Fehler gemacht, die nicht passieren sollten, aber passiert sind. Und das Schlimmste war, dass sie alle zeitgleich passiert sind.

Wer hat diese Fehler gemacht?

Vladimir Furdik: Ich habe zwei davon gemacht und zwei waren auf der Seite des Produktionsteams. Ein Kamera-Mann stellte seine Kamera dort auf, wo die Matratze sein sollte, die mich absichert. Und die Leute, die mich beschützen sollten, haben Fehler gemacht.

Welche Fehler hast du selbst zu verantworten?

Vladimir Furdik: Ich bin die Leiter einen Schritt zu weit hoch gegangen und runtergesprungen, bevor sie mir das Okay gegeben hatten.

Vladimir Furdik muss viel Verantwortung für sich tragen Foto: Lucia Bencikova / NOIZZ.sk

Wie sieht deine Vorbereitung am Set aus, wenn du als Stuntman für einen Film arbeitest?

Vladimir Furdik: Am Morgen stecken sie mich als erstes ins Kostüm und schminken mich, das dauert meistens lange, je nachdem, wie kompliziert das Kostüm ist. Manchmal dauert es zwei oder drei Stunden. Es dauerte sogar fünf bis sechs Stunden, um zum Nachtkönig zu werden. Dann gehe ich ans Set und frage nach Anweisungen des Regisseurs, des Kameramanns, des Lichttechnikers und verschiedener anderer Personen, die für die gesamte Produktion und die Dreharbeiten verantwortlich sind und die wissen, wie die Szenen am Ende aussehen sollen. Es geht also hauptsächlich ums Warten. Zwei Stunden, manchmal mehr, werden für eine einzelne Szene benötigt, die im letzten Film ungefähr 20 Sekunden dauert. Es ist manchmal wirklich langweilig. (lacht)

Würdest du den Job also vor allem Leuten empfehlen, die sehr geduldig sind?

Vladimir Furdik: Ich würde meinen Job niemandem empfehlen. (lacht) Es finden sich trotzdem immer Leute, die diese Art von Beruf lieben werden.

Wie lange hast du gebraucht, um ein guter Stuntman zu werden?

Vladimir Furdik: Ich bin immer noch nicht gut genug.

Du bist nicht nur Stuntman und spielst den Nachtkönig, sondern arbeitest auch als Choreograph für Action-Szenen. Was können wir uns darunter vorstellen?

Vladimir Furdik: Es ist nichts Kompliziertes. Man bekommt Notizen für eine Action-Szene. Man nimmt sich einen Boxsack, ein Schwert, steht im Fitnessstudio und versucht, die Idee des Drehbuchautors und Regisseurs genauso umzusetzen.

Und dann was?

Vladimir Furdik: Dann baust du die Szene und der Regisseur kommt dazu und sagt dir, dass er sich das ganz anders vorgestellt hat und wir das ändern müssen. Im besten Fall finden wir einen Kompromiss, sodass am Ende alle zufrieden mit der Szene sind.

Wie viele Versuche werden da so gemacht?

Vladimir Furdik: Die "Game of Thrones"-Szenen mit dem Bluthund Sandor Clegane und seinem Bruder auf der Treppe ( Anm. der Redaktion: Staffel acht, Folge fünf, "Die Glocken") mussten wir beispielsweise fünf oder sechs Mal umschreiben.

>> "Riverdale"-Star kritisiert "Game of Thrones"-Fans nach Remake-Petition

Die Rolle als Nachtkönig in "Game of Thrones" hat dir zweifellos Türen im Showbiz geöffnet. Hat dein Mitwirken an diesem Projekt irgendwelche negativen Aspekte für dich mit sich gebracht?

Vladimir Furdik: Ich habe noch nie über so etwas nachgedacht. Nach der sechsten Staffel von "Game of Thrones" verglichen mich die Fans mit dem vorherigen Schauspieler des Nachtkönigs (Anm. der Redaktion: Richard Blake, spielte den Nachtkönig in der vierten und fünften Staffel). Aber es passiert nicht mehr, also keine negativen Aspekte.

Ich frage das, weil viele Schauspieler, die negative Charaktere spielten, werden von Menschen auf der Straße erkannt und kritisiert. Ist dir das noch nie passiert?

Vladimir Furdik: Nein, stattdessen haben mir Leute auf Instagram geschrieben: "Bitte, töte nicht Jon Schnee." (lacht) Aber niemand hat mir jemals gesagt, dass ich böse bin oder mich beleidigt. Das Gegenteil ist passiert: Fans haben mir geschrieben, dass ich die Show nicht verlassen darf, dass ich nochmal zurückkommen soll, weil die ganze Geschichte seit dem Tod vom Nachtkönig wertlos ist.

Das ist doch mal die bessere Alternative.

Vladimir Furdik: Ja. Kit Harrington, der Jon Schnee spielt, hat mir sogar mal geraten, einen Agenten einzustellen, der all die Kommentare auf Social Media liest und beantwortet und dass ich sie besser nicht selbst lesen sollte. Aber ich bekomme einfach keine schlimmen Nachrichten.

Darfst du als Stuntman, der ja auch ein wenig schauspielert, das Drehbuch eines Films oder einer Serie auf irgendeine Weise mitzubestimmen? Schauspieler können ja durchaus vorschlagen, wie die gesamte Szene aussehen soll. Und als Choreograph für die Kampfszenen sind Sie ja auch ein wichtiges Mitglied des Filmteams.

Vladimir Furdik: Wenn ich gute Gründe dafür habe, ja. Ich kann das Skript nicht vollständig ändern, aber ich kann beeinflussen, wie es ausgeführt wird. Aber ich muss wirklich ernsthafte Gründe dafür haben und die muss ich dann gegenüber dem Drehbuchautor und Regisseur rechtfertigen.

Dafür braucht man sicher Erfahrung und muss sich einen Namen gemacht haben, oder?

Vladimir Furdik: Ja, das sind dann starke Argumente.

>> "Game of Thrones"-Star verrät, warum sie "Fifty Shades of Grey"-Rolle ablehnte

Hast du dieses Stadium schon erreicht?

Vladimir Furdik: Nein. Aber im Moment arbeite ich an einem Projekt für Netflix, bei dem das Regie-Team bereits weiß, dass es sich viel wertvolle Zeit spart, wenn es unseren Empfehlungen folgt. Da Regisseure oft nicht viel Zeit in der Produktion haben, ist es einfacher, ihnen zu sagen, wie und wo sie die Kamera aufstellen müssen, aus welchem ​​Winkel sie aufnehmen sollten, was genau abläuft, sodass keine unnötigen Szenen und Bilder aufgenommen werden, die dann eh nur im Müll landen. Am besten ist, man sichert sich da vorher vertraglich ab, um unnötige Komplikationen und Streitigkeiten mit den Regisseuren zu vermeiden. Wenn diese Dinge im Vertrag stehen, muss das Produktionsteam die vom Stuntman vorgeschlagenen Verfahren und Methoden umsetzen. Aber an diesem Punkt bin ich noch nicht.

"Game of Thrones" ist jetzt vorbei. Was steht bei Ihnen in Zukunft an?

Vladimir Furdik: Im Grunde bleibt alles beim Alten. Ich bin immer noch Stuntman und Choreograph und suche immer nach Angeboten. Aktuell bin ich in Budapest und arbeite an einem Projekt für Netflix. Es heißt "The Witcher" und ich arbeite als Choreograf daran. Ich glaube, die Fans werden es lieben. Es sieht wirklich toll aus.

Quelle: Noizz.de