Eine Spurensuche von einem Nicht-Fan (Bitte hasst mich nicht!). 

ACHTUNG: Dieser Text enthält Spoiler!

Heute, also diesen Sonntag, 19. Mai 2019, wird es vorbei sein. Ein für alle Mal. Ja, Hardcore-Fans werden wissen, wovon ich rede – es geht natürlich um "Game of Thrones". Das Epos, basierend auf den Werken des Autors George R.R. Martin, wird nach acht Staffeln in die Serienjagdgründe geschickt. Westeros brennt.

Und dass, obwohl die Serie hypererfolgreich ist. Sie zahlt die teuersten Gagen (etwa 2,5 Millionen Dollar bekommen die Hauptdarsteller pro Folge), hat 47 Emmys abgeräumt, ist die meistgesehene HBO-Serie weltweit und wird in 173 Ländern ausgestrahlt. 

Ich bin kein Fan der Serie.

Mich lässt sie kalt. Manchmal schaue ich mit, wenn mein Freund sich, jede Woche brennend auf eine neue Folge, den Kampf um Westeros reinzieht. Aber irgendwie kriegt sie mich nicht. Dafür Millionen andere. Über keine Serie wird im Netz so viel geredet, ist die Angst vor Spoilern so groß. Über die erste Folge der siebten Staffel etwa gab es direkt nach der Ausstrahlung 2,4 Millionen Tweets.  

Aber warum denn nur? Wenn mich jemand fragt, wie ich die Serie zusammenfassen würde, dann wohl so: Verschiedene Stämme streiten sich um einen Thron, bekriegen sich, betreiben Inzest, haben pornösen Sex, manchmal wird wer vergewaltigt und dazwischen gibt es noch Drachen und ein paar normale Dialoge und so was wie Freundschaft.

ZEITmagazin-Kolumnistin Sophie Passmann hat sich für eine ähnlich treffsichere Analyse des Stoffs ziemlich unbeliebt gemacht. Ich bitte von gleichartigen Shitstorms abzusehen. Danke.  

Es ist nun mal so: Ich finde GoT, wie es so liebevoll abgekürzt wird, nicht per se scheiße. Ich raffe einfach nur nicht, was so toll daran und anders sein soll, dass es für viele die beste Serie aller Zeiten ist. Die Schlachten seien so krass, die Intrigen, und überhaupt, die Charaktere! Einfach alles an der Serie füge sich zu einem perfekten Gesamtbild zusammen. Angeblich ist Arya Starks Tötungs-Liste sogar die Inspirationsquelle Nummer eins für Taylor Swifts millionenfach verkaufte Hitalbum "Reputation" aus dem Jahr 2017 gewesen.  

Ich brauche den Rat von einem Experten 

Weil ich es noch immer nicht verstehe, mich popkulturelle Phänomene aber ganz wahnsinnig machen, habe ich mir schließlich Rat bei einem Experten geholt. Professor Dr. Claus-Peter H. Ernst ist Wissenschaftler an der Frankfurt University of Applied Sciene sowie der SRH Hochschule Heidelberg. Man mag es glauben oder nicht, er beschäftigt sich ganz wissenschaftlich mit dem ganzen Hype um die Drachenserie. Indem er etwa Tweets und Posts auf Facebook auswertet und Nutzerverhalten, während eine Folge auf HBO läuft. 

Natürlich ist er auch selber glühender GoT-Verehrer. Er ist als erstes ganz besorgt, dass er mir etwas verraten könnte – was mir natürlich pupspiepsegal ist. Ich bin ein eher sachlicher, emotionsloser Gucker. Wobei wir aber schon bei einem sehr wichtigen Punkt wären, warum das Gegrabbel um Westeros alle ganz kirre macht: Die große Angst vor Spoilern.  

Bitte, keine Spoiler!

"Man kann ja kaum noch ins Büro gehen, ohne irgendwas zu erfahren, weil alle sich darüber austauschen. Am liebsten will man es direkt schauen, wenn es rauskommt", sagt mir Ernst. Und ja, er hat Recht. Wenn ich montags in die Redaktion gehe, sind alle super aufgeregt, und immer schreit jemand: "Ey, nichts verraten, ich muss noch gucken!" In den sozialen Netzen kann man den Spoilern auch kaum entkommen. Das führt dann zwar zu lustigen Memes, kann die Serienfans aber auch ganz schön stressen.  

Das liegt natürlich auch ein wenig daran, dass die Serie bereits seit mehr als acht Jahren über unseren Bildschirmen flimmert. "Gerade gegen Ende hin können wir beobachten, dass die Angst vor Spoilern zumindest bei den Nutzern auf Facebook, Twitter und Co. stärker wird", erklärt mir Ernst.

Ich frage mich, ob der Hype vielleicht auch künstlich aufgebaut wurde. Zum Teil gibt der Wissenschaftler mir da Recht: "Es ist eine Vermischung von Realität und Kunst, die durch die sozialen Netzwerke stattfindet. Wir sind näher dran an der Serie, an ihren Figuren und Schauspielern. Es gibt eine riesige Fanbase." 

Was passiert in Westeros und was im Netz?

In einem Moment kämpfen Jon Schnee, Daenerys Targaryen und Cersei Lennister noch um Westeros, lassen Drachen fliegen und legen alles in Schutt und Asche. Einen Augenblick später posten die Darsteller im echten Leben irgendwas auf Instagram. Am besten noch etwas von hinter den Kulissen. Als etwa Masie Williams zum Ende der 55 (!) Nächte dauernden Drehorgie zur großen Schlacht von Westeros ein Bild ihrer blutverschmierten Sneakers postete, waren alle aus dem Häuschen. Wird Arya es etwa als einzige schaffen? 

Inzwischen wissen wir, dass sie es geschafft hat und sogar den Nachtkönig getötet hat. "Ich glaube, diese Serie hat das Potential noch ziemlich lange in unserem Bewusstsein zu sein, weil sie ein ganzes Universum aufgebaut hat", so Ernst und weiter, "die Schauspieler werden auf ewig mit diesen Rollen verbunden bleiben".

Also eine Art popkultureller Mythos, der da geschaffen wurde.  

Langsam komme ich der Faszination also auf der Spur. Aber was jetzt wirklich anders als an anderen süchtig machenden Serien wie zum Beispiel "House of Cards" sein soll, raffe ich noch immer nicht ganz. Erstaunlicherweise zieht Ernst sogar eine Parallele zur Netflix-Erfolgsserie im Weißen Haus: "Beide Serien sind in erster Linie einfach sehr anders zu dem, was wir kennen." Sie seien sehr komplex und folgen keinem einfachen Entweder-oder-Muster. Verschiedene Handlungsstränge seien miteinander verwoben. "Quality TV" nennt das Ernst.  

"Man will ja immer auf der Seite der Guten sein und fiebert mit ihnen. Aber bei 'Game of Thrones' gibt es kein eindeutiges Gut und Böse. Vielmehr sind die Charaktere vielschichtig und weisen verschiedenste Charakterzüge auf", sagt Ernst. Auf einmal ertappe man sich als Zuschauer dabei, wie man eigentlich etwa auf der Seite von Tyrion Lennister ist, dann aber in seine Abgründe schauen muss. "Das ist einfach menschlich und fasziniert", so Ernst.

Aber rechtfertigt das auch all die Gewalt, Vergewaltigungen, Mord und Totschlag in der Serie? 

Erst vor kurzem hatte Schauspielerin Jessica Chastain (die übrigens nicht in GoT mitspielt) kritisiert, wie mit einem sensiblen Thema in der Serie bewusst Provokationen und falsche Botschaften gesetzt werden. Als Beispiel nannte sie die Vergewaltigung von Sansa Stark in der fünften Staffel, die nun dazu genutzt werde, sie als starke, erwachsene Frau zu präsentieren. Eine rabiate Szene, die auch Ernst problematisch findet.

Darüber hinaus greift die Serie in den Handlungssträngen immer wieder Extreme auf. Etwa die inzestuöse Beziehung der Geschwister Jamie und Cersei Lannister. "Die Welt bei 'Game of Thrones' ist sehr freigeistig", holt Ernst weit aus. Freigeistig? Was ist daran bitte freigeistig … "Dinge, die in der Realität nicht den gängigen Sitten und Normen entsprechen", erklärt er.  

Historische Aspekte werden gemischt mit Science-Fiction-Elementen und geben Einblicke in uns fremde Welten. "Konfliktfelder werden zudem fiktionalisiert", so Ernst. Also Dinge, mit denen wir hoffentlich niemals in Berührung kämen – wie eben Krieg, Folter und Prostitution. "Die Welt in 'Game of Thrones' ist schlimm. Aber sie hat ihren Reiz", bringt es Ernst auf den Punkt. Besser hätte ich das auch nicht sagen können. 

Aus dem gleichen Grund gucken wir übrigens zum Beispiel auch Horrorfilme, wie mir der Forscher weiter erklärt. Je vielschichtiger Personen und Handlungen sind, desto eher kann man sich eben auch irgendwie in ihnen wieder erkennen. Außerdem sei in der Serie für jeden etwas dabei. Es gebe sowohl starke männliche und weibliche Charaktere, Liebesbeziehungen, Action und aufwendige Special-Effects mit Drachen und Feuer. "Niemand fühlt sich komplett ausgeschlossen", sagt Ernst. 

Am Faszinierendsten fände er aber – und da spricht eindeutig der Fan in ihm –, dass man überhaupt nicht vorhersehen könne, was passiere: "Allianzen werden geschmiedet und wieder gebrochen, im Hintergrund passiert immer irgendwas. Das macht es kompliziert." Auch deswegen sei die Furcht vor Spoilern so groß und die letzte Staffel dem entsprechend spannend. Es ist noch vollkommen offen, wer am Ende auf dem Thron von Westeros landet.  

"Game of Thrones" kommt mir inzwischen vor wie ein vielschichtiges Shakespeare-Drama mit Drachen.

Ich liebe Shakespeare. Aber die Drachenkönigin hat mich noch immer nicht rumgekriegt. Die Serie rund um die Buchvorlage von George R.R. Martin hat die Messlatte von dem, was im Fernsehen machbar ist, sehr viel höher gelegt als alles andere. Vielleicht sind mir die Folgen auch einfach zu lang. 

Es gebe eben nur ein einziges "Game of Thrones", sagt mir Ernst. Entweder hassen oder lieben, was anderes gibt es nicht, so die Meinung der meisten Fans. Durch meine Spurensuche nach der Faszination und dem Hype um diese Serie bin ich aber, glaub ich, mehr denn je in einen Zwischenzustand gekommen.

Wer landet am Ende wohl auf dem Eisernen Thron von Westeros, Herr Ernst? "Zur Serie würde es passen, dass es jemand wird, wen man eigentlich nicht erwarten würde. Ich tippe auf Sansa Stark. Sie ist zwar keine aktive Kämpferin, hat sich im Laufe der Jahre jedoch vielleicht am meisten weiterentwickelt, verschiedene Herausforderungen gemeistert und gezeigt, dass sie das Spiel der Throne beherrscht." Aber wenn ich während dieser Suche nach Faszination eins von der Serie gelernt habe, dann dass nichts sicher ist.

Und da wären wir wieder: Wir wissen erst was passiert, wenn es passiert. Also happy finales letzte Folge schauen! 

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Quelle: Noizz.de