Wir haben mit dem "4 Blocks"-Macher über sein neustes Serienbaby gesprochen – und was an "Freud" so besonders für den Wiener war. Dabei hat er uns einen spannenden Einblick hinter die Kulissen der Netflix-Serie gegeben.

Also, wer bis jetzt noch kein Problem mit Bingewatching und Netflix – oder wahlweise irgendeinem anderen Streamingdienst – hat, wird es meiner Prognose nach in den nächsten Tagen entwickeln. Womit soll man sonst seine Freizeit neben Homeoffice, Heim-Yogaeinladen und essen sonst füllen? Dank Netflix-Party wird das sogar noch zu einem virtuellen Gruppenerlebnis. Kein Wunder also, dass neue Inhalte gerade jetzt mit Spannung erwartet werden.

So wie etwa die Mysteryserie "Freud". In der Miniserie mit acht Folgen geht es, wie der Titel schon vermuten lässt um den jungen Sigmund Freud (Robert Finster). Der war da noch lange von seinem Legendenstatus als Begründer der Psychoanalyse entfernt. Die Handlung spielt in Wien 1886, Freud ist da frisch von einer Studienreise aus Frankreich zurückgekehrt. Er ist begeistert von der Hypnosetechnik und strebt nach Anerkennung. Allerdings stoßen seine Theorien und Thesen unter Kollegen auf Ablehnung. Zusammen mit dem kriegstraumatisierten Inspektor Alfred Kiss (Georg Friedrich) und dem stadtbekannten Medium Fleur Salome (Ella Rumpf) wird Freud Teil von Verschwörung und Mord.

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Einen kleinen Vorgeschmack gibt dir der Trailer von "Freud":

Die Serie stammte aus der Feder von Showrunner Marvin Kren. Der dürfte vielen bekannt sein durch die von Kritikern und Publikum gleichermaßen gefeierten Serie "4 Blocks" über rivalisierende Clans in Neukölln. Mit der Mysteryserie über den berühmten Psychoanalytiker begibt sich der österreichische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent nun auf neues Terrain. Im Telefoninterview hat er uns erzählt, wie er an die Serie mit einer gehörigen Portion Gruselfaktor herangegangen ist.

Achtung, dieses Interview enthält Spoiler.

Marvin Kren im NOIZZ-Interview: "Der Horror ist kein Selbstzweck"

NOIZZ: Mit "Freud" machst du nach "4 Blocks" etwas ganz anderes – wie war es für dich, eine Mystery-Serie umzusetzen?

Marvin Kren: Nach "4 Blocks" war das für mich eine willkommene Abwechslung. Da war ich im Sud von Neukölln und in einer für mich sehr fremden Welt. Mit "Freud" bin ich zwar in neue Felder eingetaucht, aber es war auch etwas Verwandtes für mich – weil es mit Wien zu tun hat. Dass man dort auch mit einer realen Figur gearbeitet hat, die es wirklich gegeben hat, die auch unser Leben, Denken, die Wissenschaft, Kunst und Literatur beeinflusst hat und damit dann frei umgeht, war einerseits ein total bescheuertes Wagnis. Aber auch superreizvoll.

Inwiefern?

Marvin Kren: Ich glaube tatsächlich, dass Streamingdienste wie Netflix das überhaupt erst möglich gemacht haben. Im klassischen Denken von öffentlich-rechtlichen Sendern vor fünf, sechs Jahren solche Inhalte nicht wirklich denkbar gewesen wären – dass man, im besten Sinne des Wortes, "Schindluder" mit so jemand bekanntem wie Freud betreiben darf. Das war bis dahin immer nur den Amerikanern oder Quentin Tarantino vorbehalten gewesen, frei mit der Geschichte umzugehen.

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In dem Moment, wo wir Autoren und gesagt haben 'Wir dürfen das auch‘ war das ein unfassbares Paradies für uns – weil, Freud eine sehr inspirierende Figur ist mit seinem Ansatz über das Unbewusste. Wien war in dieser Zeit ein unfassbar abenteuerlicher, gefährlicher Spielplatz. Auch das Genre Mystery, welches in gewisser Weise auch durch Freud beeinflusst wurde, da mit reinzuwerfen mit all meinen Erinnerungen, auch über Figuren wie Arthur Schnitzler und Stefan Zweig, [österr. Autoren und Weggefährten von Freud; Anm. d. Red.] war aufregend.

Inspektor Kiss (georg Friedrich)

Gibt es etwas aus der Produktions- und Entstehungszeit, das bei dir besonders hängen geblieben ist?

Marvin Kren: Naja, es war sehr aufregend und eine intensive künstlerische Auseinandersetzung. Wir haben zusammen eine Séance gemacht, also Geister angebetet, wir waren zusammen beim Psychoanalytiker, bei Hypnotiseuren. Es war ein unfassbarer gemeinschaftlicher kreativer Prozess. Man verbringt viel Zeit miteinander und weiß dann genau, worum es in den Rollen geht. Wenn das dann im knallharten Dreh aufgeht und funktioniert, sind das jedes Mal Glücksmomente.

Wie du mit Horror im Film umgehst, hast du in deinen Filmen "Blutgletscher" (2013) und "Rammbock" (2010) bereits gezeigt. War es schwieriger, dass jetzt auch in die Serienform zu packen?

Marvin Kren: Das hat sich organisch ergeben. Dass "Freud" in den Mystery-Bereich gehen sollte, war von vornherein klar. Dass es dann aber horrorhafte Spitzen bekommt, hat sich dann vor allem aus der Arbeit mit den Figuren entwickelt. Fleur hat ein großes Trauma und das wiederholt sich in ihr – das hat mit ihrer Kindheit zu tun. Die Bilder, die sie aus ihrer Kindheit hat, sind einfach unfassbar grausam. Deswegen sind ihre Visionen auch sehr horrorhaft. Der Horror ist kein Selbstzweck, sondern er kommt direkt aus der Figur.

Fleur (Ella Rumpf) und Freud (Robert Finster) in der Badewanne

Hattest du für die Serie eine Vision, wie du sie umsetzen wolltest?

Marvin Kren: Ich habe ein Problem: Als Regisseur fühle ich mich oft wie der Hüter des Immunsystems eines Projektes. Deswegen braucht es einerseits eine große Vision, man möchte aber auch vieles vermeiden. Ich hatte in erster Linie große Lust, eine Serie zu machen, die genau in dieser Zeit spielt. Gleichzeitig steckt darin aber eine große Gefahr: Historische Filme und Serien haben oft den Duktus, dass sie langweilig wirken, weil sie zu historisch akkurat sind und man zu sehr Acht auf die Etikette von damals gibt. Dann wird man ganz schnell abstrakt für den Zuschauer, obwohl man einfach nur authentisch sein wollte. Deswegen war meine Herangehensweise für "Freud", dass man schnell vergisst, dass es in der Zeit spielt.

Und wie hast du das angestellt?

Marvin Kren: Dass man sehr schnell ein Gefühl dafür bekommt, dass man die Kostüme nicht als solche wahrnimmt und man denkt: 'Wow, das ist ja alles supergeil!‘ Man verliert das Bewusstsein, dass es historisch ist. Natürlich muss man immer wieder daran erinnern. Aber die allgemeine Atmosphäre sollte keine historische sein, sondern eher eine schöne, unheimliche Stimmung erzeugen.

Sigmund Freud ist dafür aber auch eine sehr dankbare Figur. Seine Ansichten waren für damals sehr progressiv …

Marvin Kren: Absolut. Warum sonst sollte man sonst heutzutage noch über ihn sprechen? Er steht ja dafür, dass wir uns überhaupt erst mit uns selbst auseinandergesetzt haben, in uns hineinsehen. Viele seiner Gedanken und Ideen sind mittlerweile überholt oder werden infrage gestellt. Sein Grundgedanke selbst ist aber noch immer bestimmend für uns. Wir haben versucht, einen jungen, zerrissenen Charakter zu erzählen, der genau dadurch so hochspannend ist. Wir wollten so nah wie möglich an die historische Figur rankommen.

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Wie würdest du Freud denn beschreiben?

Marvin Kren: Jemand, der unfassbar ehrgeizig ist, oft auch von sich selbst eingenommen ist, zugleich hochintelligent ist und mit dem Gefühl ausgestattet ist, mehr als andere zu sehen. Fast wie ein Künstler. Gleichzeitig auch liebestrunken nach seiner späteren Frau Martha Bernays mit der er fünf Jahre lang verlobt war. All das macht einen so spannenden Charakter aus, mit dem sich auch viele junge Frauen und Männer identifizieren können. Weil wir alle wissen, wie schwer es ist erwachsen zu werden und seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Wie habt ihr die passenden Darsteller gefunden?

Marvin Kren: Bei Freud war es mir wichtig, dass er nicht so bekannt ist. Ich wollte einen Schauspieler haben, mit dem ich die Rolle entwickeln kann. Der nicht nur in einem Zeitfenster Zeit hat. Robert Finster war für mich unter allen 35 Schauspielern, die ich gecastet habe, der am interessantesten und mit dem ich den Charakter entwickeln wollte. Ella Rumpf war die Idee meiner Frau. Sie war genau die Richtige für die Rolle. Mit Georg Friedrich wollte ich schon immer einmal zusammenarbeiten. Wenn der seinen Charakter greift, ist er einfach sensationell gut.

Die Serie lief bei der Berlinale im Rahmen des Serienprogramms. Hast du mitgekriegt, wie das Publikum "Freud" aufgenommen hat?

Marvin Kren: Es löst anscheinend etwas in den Menschen aus. Ich bekomme richtige Lobeshymnen, aber auch Kritik von Leuten, die sich irgendwie tief gekränkt fühlen, weil es viel Schauriges und Gewalt zeigt.

Die Serie ist eine Co-Produktion im Auftrag es ORF und Netflix. Hat sich dadurch deine Arbeitsweise verändert?

Marvin Kren: Wenn ich ein Projekt mache, bei dem ich in kreativer Kontrolle bin – also schreibe, produziere und Regie führe –, achte ich mittlerweile sehr darauf, dass ich mit meinen Partnern sehr genau meine Vision umsetzen kann. Zum Glück habe ich dieses Vertrauen auch von beiden Seiten bekommen. Ich habe im Vorfeld natürlich auch darüber nachgedacht: 'Was kommt da jetzt auch mich zu? Muss ich es dem ORF recht machen und auch Netflix?' Bevor es überhaupt zu einer Diskussion kam, war relativ klar für den ORF, wir gehen dieses Wagnis ein.

Und Netflix?

Marvin Kren: Netflix selbst hat die Bücher und den Cast abgenommen und dann gesagt: 'Wir freuen uns auf deine Folgen!' So einfach ist es dann am Ende. Es ist ein relativ freies Arbeiten und das ist sehr super. Ich habe mich sehr viel getraut und bin wirklich All-in gegangen. Dabei vergesse ich aber nie das Publikum. Ich will ja auch unterhalten und Leute positiv abholen in ihrer Wahrnehmung.

Kannst du uns verraten, ob es eine Fortsetzung von "Freud" geben wird?

Marvin Kren: Für mich ist die Geschichte aus erzählt. Es gibt nur einen emotionalen Cliffhanger, aber die Geschichte ist zu Ende erzählt. Aber natürlich: Wenn das jetzt ein großer Erfolg wird, die Leute mehr wollen und was Gutes einfällt, kann ich mir schon vorstellen, noch mal in den Ring zu steigen mit Freud, Kiss und Fleur.

"Freud", eine Miniserie in acht Folgen, kannst du ab dem 23. März auf Netflix streamen.

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Quelle: Noizz.de