Zwar vom selben Macher, aber wer hier "Stromberg 2.0 in weiblich" erwartet, hat leider verloren.

+++ Spoiler-Alarm +++

Was ist das typisch Deutscheste, was du dir vorstellen kannst? Neben Kartoffeln und Socken in Sandalen gehört die deutsche Bürokratie und ihre Amtstuben definitiv dazu. Das klingt so sexy wie eine abgestandene Apfelsaftschorle, taugt aber durchaus als Serienstoff. Zeigt zumindest die Joyn-Eigenproduktion "Frau Jordan stellt gleich".

Wie der Titel vermuten lässt, geht es um die gar nicht mal so langweiligen Ereignisse im Gleichstellungsbüro, geleitet von Eva Jordan (Katrin Bauerfeind), eben Frau Jordan. Unterstützt wird sie dabei von ihren drei Kolleg*innen: der etwas schrillen Renate (Mira Partecke), Yvonne (Natalia Belitski), die etwas zu oft raushängen lässt, dass sie auf Frauen steht und Philip (Alexander Khuon), nicht nur Evas Büro-Liebelei, sondern auch der Berufsfeminist, der übers Ziel hinausschießt.

Als würde diese Konstellation nicht schon genug Sprengstoff für genügend Handlungsstränge bieten, geht es bei "Frau Jordan stellt gleich" auch um Machtgewinn, denn Frau Jordan möchte Bürgermeisterin werden. In erster Linie aber, um ihrer Erzfeindin, Stadtdirektorin Sommerfeld, eins auszuwischen. Denn die steht für alles, was wir im Jahr 2019 eigentlich überwunden haben sollten. Sie ist zwar eine Karrierefrau, aber auch nur, weil sie die Vorstellungen der Gesellschaft wie eine Frau zu sein habe, ausspielt.

Hier gibt es den Trailer zur ersten Staffel:

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Ja, deutsche Serien sind nun mal anders als britische oder amerikanische – aber das macht sie nicht per se schlecht. Man muss nur die Goldstücke finden. Netflix hat mit Serien wie "Dark" oder "how to sell drugs online (fast)" bewiesen, dass man auch sexy deutsche Serien machen kann, die trotzdem eine ganz eigene Ästhetik haben und nicht eins zu eins Kopien der US-Erfolgsformate sind. "Frau Jordan stellt gleich" reiht sich darin ein.

Während Ralf Husmann mit "Stromberg" eine durchaus gelungene deutsche Kopie von "The Office" fabrizierte, hat die Joyn-Serie, die ebenfalls aus Husmanns Feder stammte, einen klaren Vorteil: Sie ist eigen. Und der Stoff ist so Alman, dass es kaum auszuhalten ist. Wir befinden uns in einer klassischen Provinzstadt, die Bürokratie herrscht über allem, auch im modernen Gleichstellungsbüro. Allein dieses Wort. "Gleichstellungsbüro". Das klingt als seien Feminismus, Gender-Equality, Toleranz und Diversität eher üble Geschwüre, als Werte, für die es sich lohnt, sich einzusetzen.

Zum Glück gibt es Frau Jordan.

Es ist ja nun mal so: Wir in Deutschland nehmen vieles viel zu Ernst. Sogar unseren Humor. Und verlieren oft im Eifer für die gute Sache, das eigentliche Ziel aus den Augen. Wir werden bitter. Und zynisch. Wir meckern. Auch das zeichnet die Serie nach. Aber sie rüttelt uns wach. Denn auch bei kontroversen und wichtigen Themen wie Geschlechtergleichheit, Rassismus, Toleranz und Co. neigen wir dazu, extrem zu werden. Das muss auch Frau Jordan immer wieder in ihrem Alltag spüren.

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Etwa, wenn sie das Anliegen eines behinderten Kollegen im Rollstuhl nicht ernst nimmt. Der wünscht sich nämlich eine barrierefreie Rampe an einer Bushaltestelle – weil die zum Puff führt. Weil besagter Kollege zwar eine Behinderung hat, sich sonst aber als eher schmieriger und chauvinistischer Zeitgenosse outet, vernachlässigt Frau Gleichstellungsbeauftragte den Mann. Natürlich ein Fehler.

In seiner Rezension zur Serie "Check Check" schreibt Zeit-Autor Daniel Gerhardt über "Frau Jordan stellt gleich", die Serie sei, Zitat: "eine #MeToo-Comedy knapp über Mario-Barth-Level." Das ist nicht nur übertrieben formuliert , sondern auch eine ungerechte Analyse.

Von einem Flachwitze-Niveau à la "Kennste?! Kennste?!" ist die Serie nämlich meilenweit entfernt.

Viel mehr haben Husmann und sein Team klug beobachtet, wozu wir alle nämlich insgeheim neigen: uns Vorurteilen hinzugeben. Und zwar auch, wenn wir uns als aufgeklärte, tolerante Menschen im 21. Jahrhundert verstehen, die weder fremdenfeindlich noch antisemitisch sind und uns selbstverständlich als Feminist*innen sehen. Der Schein trügt.

Die Erfahrung muss auch Frau Jordan machen, wenn sie sich am Ende der ersten Staffel auf einen kurzweiligen Flirt mit Sebastian, seines Zeichens Macho-Mann und Kapitalist, einlässt. Und hier liegt die eigentlich Stärke der Comedy: Sie zeigt, wie reflektierter Feminismus, Toleranz und Diversität in allen Lebensbereichen funktionieren kann. Wenn wir ein gesundes Mittelmaß finden und uns auch auf neue Blickwinkel einlassen.

Dass Bauerfeinds Serienrolle dabei manchmal bitterböse-sarkastisch ist: Geschenkt! Das muss man eben mögen. Aber ich höre ja auch keinen Goa-Techno, wenn ich eigentlich Rockmusik mag. Dass diese Joyn-Eigenproduktion aber viel facettenreicher ist, als andere deutsche Serien der jüngsten Vergangenheit, die Frauen in den Mittelpunkt stellen, wie "Danni Lowinski" oder "Martha macht das schon", sollten auch Sarkasmus-Verachter checken.

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Man braucht zwei Folgen, um mit der Serie warm zu werden. Auch weil die Prämisse irritiert: Darf eine Gleichstellungsbeauftragte so sein? Darf sie ihre weiblichen Reize nutzen, um mit dem weit aufgeknöpftem Blusen-De­kolle­té dem Bürgermeister mehr Budget aus der Tasche ziehen? Darf sie bitterböse, doppeldeutige Aussagen treffen? Ja darf sie, soll sie! Denn auch diese Gedanken beweisen nur eins: dass wir voller vorgefertigter Meinungen sind und uns so manchmal selbst einschränken.

In der Pressemitteilung zum Start der Serie drückte es Hauptdarstellerin Katrin Bauerfeind so aus: "Ich bin für Spätzle und Köfte und Sushi. Zur Not auch zusammen. Wir werden schon merken, ob das schmeckt. Frau Jordan sieht das ähnlich. Deswegen geht bei ihr beim Gleichstellen auch vieles schief. Wie im richtigen Leben. Das ist doch das Beste, was man über eine Serie sagen kann."

Eigentlich eine ziemlich treffende Analyse. Also: Öfter mal ein paar neue Dinge ausprobieren – und vor allem nicht vorher pauschalisieren.

Die erste Staffel von "Frau Jordan stellt gleich" könnt ihr ab sofort komplett beim Streaminganbieter Joyn sehen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de