Streaming in der Quarantäne? Für manche die Rettung vor der Langeweile, für mich langsam ein Albtraum. Das Fernsehen hingegen hilft mir durch die Zeit der Isolation – und das aus einem Grund, den ich nie für möglich gehalten hätte.

Netflix, Apple TV +, Amazon Prime – noch vor einem Monat hätte ich mir eine Woche, ja nur einen Tag gewünscht, an dem ich nichts anderes zu tun gehabt hätte, als zu streamen, was das Zeug hält. Unzählige empfohlene Serien, ein Haufen spannender Dokus: Was es doch für ein Segen wäre, sich das alles reinzuziehen – natürlich in die Bettdecke eingekuschelt und mit Popcorn bewaffnet.

Das war vor einem Monat. Meine Meinung hätte sich nicht radikaler ändern können. Seit das Coronavirus um sich greift und die Welt in einen dystopischen Science-Fiction-Film verwandelt hat, verzichte ich weitestgehend auf Streaming. Mit der selbst gewählten Quarantäne scheint mein Streaming-Traum zwar in Erfüllung gegangen zu sein – und trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich durch die Fernsehsender zappe, anstatt meine Lieblingsserie zu bingen.

Warum? Natürlich könnte ich jetzt mit meiner Solidarität zu Menschen argumentieren, die im Homeoffice wichtige Video-Konferenzen abhalten müssen. Das schwache deutsche Netz ist nämlich offenbar nicht dafür ausgelegt, dass die Zukunft digitaler wird und plötzlich viele Menschen auf einmal Daten durch die Leitungen jagen. Aus Solidarität nicht zu netflixen wäre vernünftig – ist um ehrlich zu sein aber nicht der Grund, warum ich zum Fernsehen zurückgefunden habe.

Coronavirus: TV-Nachrichten als vertrauenswürdige Quelle

Was mich zu Anfang der Corona-Krise vor den Fernsehbildschirm zog, waren Nachrichtensendungen. Ich verlor langsam den Überblick darüber, wo auf der Welt das Virus ausgebrochen und wie ich selbst mich verhalten sollte. Doch bei den Tagesthemen und Co. erfuhr ich nicht nur die aktuellsten und professionell verifizierten Corona-News, nach denen ich gesucht hatte, sondern bekam zudem langsam wieder eine Vorstellung davon, was die Welt sonst noch so bewegt. Klar, das Gröbste erfährt man auch im Alltag aus Artikeln, die von Tages- und Wochenzeitungen in die Timeline gespült werden. Themen, die mich besonders interessieren, recherchiere ich auch in den Online-Medien nach. Aber die TV-Nachrichtensendungen kickten mich endlich mal wieder richtig aus meiner eigenen Echokammer: Plötzlich wusste ich wieder, was in der Wirtschaft und im Sport abging.

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Fernsehen: Der Ausbruch aus der Isolation

Irgendwann waren es aber nicht mehr nur die Nachrichten, die mich zur Fernbedienung statt zum Netflix-Account greifen ließen. Es waren plötzlich nicht mehr die Inhalte, die mich vor den Fernseher lockten, sondern das Gefühl: "Ich schaue gerade das, was Tausende andere Deutsche gerade ebenfalls schauen. Wir sind zwar in unseren Wohnungen isoliert – das heißt aber nicht, dass uns nichts mehr verbindet." Ich fühlte mich nicht mehr abgeschnitten. Wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich ein merkwürdiger Gedanken – ich tausche mich ja nicht mit den anderen Fernsehzuschauer*innen aus, wie es auf zum Beispiel auf Streamingplattformen wie Twitch der Fall ist. Trotzdem gibt mir das lineare Fernsehen seit dem Corona-Ausbruch ein Sicherheits- oder gar ein Zugehörigkeitsgefühl.

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Ansprache der Bundeskanzlerin

Das wurde mir spätestens mit der Ansprache von Bundeskanzlerin Merkel zur Corona-Lage klar. Sogar meine Mutter rief mich danach an und fragte, wie ich die Rede fand und was ich davon halte. Der Gedanke vom Fernsehen als verbindendes Element in Corona-Zeiten setzte sich mit diesem Anruf endgültig bei mir fest.

Jetzt, da wir unsere Nachbarn nicht mehr beim Bäcker, unsere Freunde nicht mehr in der Lieblingsbar, unsere Kollegen nicht mehr in der Kantine treffen können, brauchen wir ein neues verbindendes Element: Für mich ist es der Fernseher, der mir das mulmige Bauchgefühl nimmt, kein Teil der Gesellschaft mehr zu sein. Der mir sagt: Die Gesellschaft gibt es noch – sie ist nur im Pausenmodus.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion