„Insatiable“ erfüllt seinen schlechten Ruf – allerdings anders, als erwartet!

Die Diskussionen kochten hoch, als der Netflix-Trailer zu "Insatiable" veröffentlicht wurde. Fatshaming!, lautete der Vorwurf, und die Vermittlung eines vergifteten Schönheitsideals.

Obwohl noch keiner eine einzige Folge geschaut hatte, übertraf man sich mit Fachsimpeleien, und sogar eine Petition gegen die Serie wurde gestartet.

Aber noch mal kurz zurück auf Los: Worum geht's noch mal genau in der Serie?

Im Trailer wird der Plot recht einfach erklärt: Teenager Patty, übergewichtig und unglücklich, wird von ihren Mitschülern gemobbt, hat ein langweiliges Leben zwischen Eiscreme und Couch und träumt vom heißesten Typen der Schule. Dann bekommt sie von einem Obdachlosen eins auf die Fresse, bricht sich den Kiefer, kann drei Monate nichts essen und kommt schlank und schön "zurück" in ihr neues Leben.

In diesem erscheint sie allerdings als Racheengel, der laut Trailer vor nichts zurückschreckt: Menschen anzünden? Mitschülerinnen ins Gesicht schlagen? Alles kein Problem für Patty.

Nun ist die Serie veröffentlicht worden – wir haben uns die ersten fünf Folgen angeschaut, um herauszufinden, was denn nun dran ist am Rummel um "Insatiable".

Wird Fatshaming betrieben? Ja, irgendwie schon, aber ...

Anders, als zur Verteidigung von Netflix behauptet, wird in "Insatiable" Fatshaming betrieben. Allerdings nicht ganz so, wie der Serie vorgeworfen wurde.

Das Problem ist, dass die Netflix-Macher hier versuchen, Satire auf eine Welt auf den Bildschirm zu bringen, dem sie selbst allzusehr auf den Leim gehen. Nur weil das weiße Vorstadt-Amerika, das hier als Setting dient, vollkommen flach gezeichnet ist, macht es die Agierenden vor diesem Hintergrund nicht weniger schlimm.

Zwar drehen die Serienschreiber alles bis zum Anschlag auf: Alyssa Milano als vormals heruntergekommene White-Trash-Mutti ist an Ignoranz kaum zu übertreffen, als sie verzweifelt versucht, endlich auch zur Upper-Class zu gehören. Ihr Sohn vögelt derweil die Frau, die seinen Vater vormals beschuldigte, ihre Tochter sexuell missbraucht zu haben. Und Patty bringt nur mit Worten einen Menschen um und zerstört aus Rache eine mehr oder minder glückliche Ehe, während sie alles daran setzt, endlich das Krönchen eines gewonnenen Schönheitswettbewerbs auf ihrer perfekt geföhnten Mähne setzen zu können.

Klar ist das alles wahnsinnig und schreiend übertrieben – aber nur, weil diese Welt in der sich Patty bewegt zu schrecklich ist, dass man nicht mit ihr tauschen will, macht es die grundlegende Message der Serie nicht weniger schlimm.

Es wird gezeigt, dass Patty vorher fett und deshalb unwürdig war. Nun ist sie schlank, und der Run um sie geht los: Ihre Alkoholiker-Mutter ist eifersüchtig auf Patty, ihr Coach Bob sieht in ihr seine einzige Hoffnung, die Meangirls der Schule sehen in ihr Konkurrenz und der Hot Guy interessiert sich für sie (aber hey – er betont dass er das nur tut weil er sie mag, nicht weil sie jetzt schlank ist!).

Das, was wir lernen, ist Folgendes: Auch in einer absurden, vollkommen übertriebenen Welt ist es die Regel, dass Dicksein das allerschlimmste ist, was einem im Leben passieren kann.

Bedrohlich ist die Serie dennoch nicht – weil sie nicht gut ist

Abgesehen von dem hier erfüllten Vorwurf des Fatshamings, bietet "Insatiable" allerdings nicht sehr viel. So bösartig, wie im Trailer angekündigt, ist hier nämlich gar nichts – vermutlich wäre das die einzige Rettung gewesen: schwarzer Humor.

So bleibt aber Patty und ihre MitstreiterInnen genauso flach wie die Kulissen. Pattys "Wahnsinn" (auf den man sich nach dem Trailer gefreut hatte) ist nichts als eine Aneinanderreihung von unbegründeten Gefühlsausbrüchen: Mal ist sie extrem wütend, dann deprimiert, extrem glücklich, dann rachesüchtig, und das alles in einer Taktung, die einem spätestens nach der zweiten Folge einfach nur auf die Nerven geht.

Alle anderen Figuren haben derweil einen graunevoll uninspirierten gemeinsamen Nenner: Egoismus. Jeder arbeitet nur für sich selbst und zertritt derweil liebend gerne die Herzen seiner Mitmenschen.

Schon klar: Die Welt ist böse – aber wenn jeder nur einen einziges Motiv hat, bleibt die Spannung recht schnell auf der Strecke. Die einzig facettenreiche Figur dürfte Coach Bob sein, der es tatsächlich hinbekommt, ein sehr neues Bild eines männlichen Charakters zu zeichnen: In roten High Heels zeigt er Patty etwa, wie man richtig auf dem Laufsteg läuft, ohne dabei den Bruch mit Stereotypen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Hier sind alle White Trash

Es ist kein Wunder, dass der Medienaufschrei nach der Veröffentlichung der Serie nicht besonder laut war. "Insatiable" ist einfach nicht besonders gut, und der Nachgeschmack, den die Serie hinterlässt, erinnert unangenehm an Ödnis. Wir sind satt, danke.

Quelle: Noizz.de