In Zeiten von Chemnitz und AfD hilft nur noch eins: Humor.

Ein dunkelhäutiges Mädchen steht in einer Plattenbauwohnung in Berlin. Sagt ein Neonazi zu seinem Neonazi-Kumpel: „Wenn die hustet, sind wir alle tot.“

Was wie ein schlechter Witz klingt, ist eine Szene aus der Webcast-Serie „Familie Braun“ vom ZDF. Das sollte euch aber nicht abschrecken, ganz im Gegenteil:

Diese Mini-Serie in acht Kapiteln ist das beste, was das ZDF jemals als Eigenproduktion in Auftrag gegeben hat.

Denn sie schafft das Unmögliche. Das bitter ernste Neonazi-Problem dieser Republik mit schwarzem Humor nicht flach und albern, sondern anspruchsvoll, bissig und mit Moral darzustellen.

Die Serie ist zwar drei Jahre alt, an Aktualität und Brisanz hat die ZDF-Produktion aber nicht verloren – eher das Gegenteil ist der Fall. Die beiden Hauptfiguren, die Kumpels Thomas Braun (Edin Hasanovic) und Kai Stahl (Vincnet Krüger), leben in einer Ostberliner Plattenbausiedlung und sind – oh Wunder – Neonazis. Der Clou: Die beiden sind YouTuber und haben ihren eigenen neonazistischen Webcast. Ja, echt jetzt.

Dementsprechend ist auch ihre Wohnung eingerichtet. Eine überdimensional Hitler-Briefmarke der Reichspost schmückt ihre Wohnzimmerwand, es gibt Hakenkreuze, wo man nur hinblickt und natürlich wird auch nur richtig schön deftig deutsch gekocht. Schöne heile, braune Welt.

Gäbe es da nicht ein Problem:

Thomas hat ein Geheimnis. 2009 hatte er einen One-Night-Stand mit einer Geflüchteten aus Eritrea. Das Ergebnis dieser Nacht ist die mittlerweile 6-jährige Lara (großartig: Nomie Laine Tucker). Pech für Thomas, dass ihre Mutter nun wieder nach Eritrea abgeschoben wird. Nun muss er sich als rechtsgesinnter Neonazi um das dunkelhäutieg Mädchen kümmern. Passt ihm irgendwie nicht so in den Kram.

Noch schlimmer trifft es seinen besten Freund Kai. Der will nämlich gar nichts mit dem Mädchen zu tun haben. Für ihn ist sie „Ungeziefer“. Und das wird auch offen kommuniziert. Hier fängt die Realsatire an: Lara übernimmt in ihrer kindlichen Naivität einige Verhaltensweisen der Nazi-YouTuber.

Zum Beispiel will sie sich am Fasching zuerst als Hitler verkleiden. Klar ihre Ersatz-Eltern stehen ja darauf. Natürlich weiß Thomas, dass das bei den Lehrern nicht gut ankommen wird. Und so wird die Hakenkreuzfahne kurzerhand zum Marienkäfer-Kostüm umgenäht.

Man merkt: Die neue Lebensaufgabe Familie lässt auch Neonazis nicht kalt. Nur eine von vielen Szenen, die vorführen, dass auch in Schläger-Nazis ein Kern Mensch steckt. Und dass das nicht die Endstation seien muss. Das ist nur schwer in Worte zu fassen, aber beim Zugucken doch ganz schön witzig – ohne peinlich zu werden.

Die Serie hat 2017 sogar einen Internationalen Emmy in der Kategorie „Bestes Kurzformat“ gewonnen. Was das alles mit dem Hier und Jetzt zu tun hat? Nun ja, wer sich anguckt wie Lara in den Alltag der beiden jungen Neonazis, Repräsentanten der hoffnungslosen Nachwende-Generation, tritt und ihr Leben gehörig umkrempelt, spürt, dass dieser zunächst absurde Plot gar nicht so lebensfremd ist.

Alle weiteren Folgen von „Familie Braun“ gibt es in der ZDF-Mediathek und auch auf YouTube.

Quelle: Noizz.de