Ennio Morricone, der König des Soundtracks ist gestorben. "Spiel mir das Lied vom Tod", "Django Unchained", "The Hateful Eight" – ikonische Melodien, alle aus seiner Feder. Höchste Zeit also, spätestens jetzt den Soundtracks von Filmen und Serien die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie eigentlich immer verdient haben.

Diese sich bedrohlich nähernde Mundharmonika-Melodie, bei der man automatisch an Punkt zwölf Uhr mittags, Duell am Salon denkt, kennt wirklich jeder. Das Stück heißt "Man With A Harmonica" und untermalt die ikonische Showdown-Szene in Sergio Leones Western "Spiel mir das Lied vom Tod". Sie stammt aus der Feder des Komponisten Ennio Morricone. Wenn Melodien ein Film sein können, dann ist es dieses Stück alle Male.

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Nun ist Ennio Morricone im Alter von 91 Jahren gestorben. Damit geht auch ein Stück Filmgeschichte von uns. Mich, die ein ausgesprochenes Faible für Filmmusik hat, machte diese Nachricht traurig, denn Morricone hat einige der bewegendsten Stücke komponiert, ohne die viele Filme einfach nicht das Gleiche wären. Diese Kunst wusste auch Quentin Tarantino zu schätzen, der in seine blutigen Filmepen immer wieder Morricone-Stücke kultig verwebte, ehe er ihn für "Django Unchained" endlich exklusiv für einen Soundtrack gewinnen konnte.

Erst im Alter von 87 Jahren bekam der Komponist die begehrte Oscar-Statue – für seinen Soundtrack zu Quentin Tarantinos Western "The Hateful Eight", dessen verschneite Landschaften er stimmungsvoll in Szene gesetzt hatte. Acht Jahre zuvor, 2007, wurde ihm ein Oscar für sein Lebenswerk verliehen. Womit wir auch schon beim Kern der Sache wären: Wie wichtig Filmmusik ist, wird von vielen erst viel zu spät bemerkt.

Ennio Morricone mit Quentin Tarantino, als sie den Soundtrack für "The Hateful EIght" in London aufgenommen haben.

Schon mal "der weiße Hai" ohne Musik gesehen?

Das liegt wohl vor allem daran, dass die meisten Hollywood-Soundtracks zu 80 Prozent aus klassischer Musik bestehen, die dann mit Popsongs und Gesangseinlagen ergänzt werden. Sie wird als schmückendes Beiwerk im Hintergrund gehört, aber kaum wahrgenommen – dabei lenkt und kreiert sie in vielen Fällen Stimmung, Spannung, ganze Handlungen und macht sie deswegen so unglaublich spannend.

Bestes Beispiel hierfür ist das Theme aus "Der weiße Hai" von John Williams, der auch den Soundtrack für "Star Wars", "E.T. der Außerirdische" und "Schindlers Liste" komponiert hat, um nur ein paar zu nennen. Wenn du dir die obige Szene ohne Ton anguckst, wirkt sie vollkommen unspektakulär, fast schon klinisch konstruiert. Mit der Musik aber, entfaltet sie etwas Bedrohliches und dein Kopfkino geht los. Genau das ist das Faszinierende an Filmmusik. Sie löst in dir noch mal so viel mehr aus. Und ich wage die steile These aufzustellen, dass wir viele Filme und Serien nur so geil finden, weil der Soundtrack einfach phänomenal ist.

Klar, bei Musikfilmen wie "Bohemian Rhapsody", "Rocket Man" oder "A Star Is Born" ist es offensichtlich, dass Songs und Musik eine tragende und handlungsführende Rolle spielen. Da wird dir die Konnotation mit einem Silbertablett vor deiner Nase serviert. Das ist auch magisch, aber meine Liebe für Soundtracks geht noch viel weiter.

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Musik aus Kindheitstagen

Es gibt einen Grund, wieso Disney-Filme, egal in welcher Generation, egal wann, wie und wo, super ankommen: Sie sind ohne Musik nichts. In jedem Streifen wird gesungen. Das prägt sich ein, man saugt die Melodien auf wie Muttermilch. Das liegt auch an unserem Gehirn: Musik wird im emotionalen Zentrum mit verarbeitet. Mit jeder neuen Melodie katalogisiert unser Gehirn die Tonfolge und was wir damit verbinden. Hören wir später noch mal etwas Ähnliches, freut sich unser Gehirn, weil es nichts Neues lernen muss, und schüttet zur Belohnung erst mal die gleichen Glückshormone aus, die auch ein Schuss Heroin auslösen würde. Geil, oder? Deswegen macht Musik unterbewusst unglaublich viel mit uns und auch deswegen haben Soundtracks eine unglaubliche Macht.

Eines meiner ersten prägenden Soundtrack-Ereignisse abseits von Disneysong-Mitgesinge war Phil Collins Bearbeitung des "Tarzan"-Soundtracks. Den Film fand ich als Kind so lala, aber die Songs und Melodien haben mich richtig berührt. Wenn ich jetzt noch "Dir gehört mein Herz" höre oder die englischsprachige Version "You'll be in my heart", sehe ich den ganzen Film vor mir. Auch der erfolgreichste Disneystreifen der letzten Jahre "Frozen" hat seinen Hype vor allem seinem Soundtrack zu verdanken. "Let it Go" ist einfach ein Ohrwurm und der perfekte Song für Elsa.

Etwas peinlicher wird es dann, wenn ich von dem ersten Soundtrack erzähle, den ich mir jemals gekauft habe. Ich war 14 und fand Michael Bully Herbigs "Traumschiff Suprise" – please don't judge me – megawitzig. Das lag auch am Soundtrack, der einfach genau auf dem gleichen Humorniveau war. Musik kann Filme erweitern – aber auch einfach nur unterstützen. So wie beim vollkommen durchgeknallten Song "Space Taxi":

Musikalisch wirklich nicht wertvoll, keinesfalls vergleichbar mit Morricone, Williams oder Hans Zimmer, aber – auch dieser Film wäre ohne seinen albernen Soundtrack nichts. Als Teenager habe ich mich dann im wahrsten Sinne des Wortes in den Soundtrack von "500 Days of Summer" verknallt, sodass er jetzt noch mein ganz persönlicher Soundtrack gegen Herzschmerz ist – und darüber hinaus wohl den schönsten, stimmungsvollsten Score der Filmgeschichte entdeckt: Simon & Garfunkels Vertonung der "Reifeprüfung".

Ihr wisst schon der Streifen aus 1967, in dem der junge Dustin Hoffman von der reifen Anne Bancroft als Mrs. Robinson verführt wird. "April Come She Will" spricht so tief aus dem Herzen, dass man glaubt, den Film in diesem Moment 101-prozentig verstanden zu haben. Und mal ehrlich: Jeder findet Simon & Garfunkel zwar irgendwie gut, aber dieses kongeniale Zusammenspiel aus Film und Musik, darüber reden wir viel zu wenig. Ähnlich schön und nah dran ist vielleicht nur Sufjan Stevens Soundtrack zu "Call Me By Your Name".

In Zeiten von Netflix haben Soundtracks ihren großen Auftritt

Ganz still und heimlich ändert sich aber was in der Wahrnehmung von Filmmusik und das liegt an – Trommelwirbel – Netflix, Amazon Prime und Co. Bei den Streamingdiensten gibt es ganze Projektgruppen, die sich nur damit beschäftigen, die besten Komponisten und Musiker zusammenzusuchen, die die Welt zu bieten hat. So kommt es immer häufiger vor, dass wir irgendwann mal einen Song bei Spotify hören oder im Radio und denken: "Hey, den kenn ich doch irgendwo!"

Ja, weil er im Hintergrund von "To All The Boys I've Loved Before", "Sex Education" oder "13 Reasons Why" kam. Für die Münchner Bands HAERTS zum Beispiel war der Einsatz ihres Songs "Your Love" in der Szene von "13 Reasons Why" in der Zach und Hannah sich ihre Liebe gestehen, ein echter Karriereboost. Weil eben auch hier der Song Emotionen aufpusht. Ohne diesen kraftvollen Song wäre die Szene nur halb so krass gewesen.

Und auch in Staffel zwei der Kultserie "Fleabag" hat ein Stück, sogar eines aus der sakralen Kirchenmusik, einen ganz großen Auftritt und wird immer dann eingespielt, wenn Phoebe Waller-Bridge zwischen Moral und Herz steht. Auch das ist eine Stärke von Filmmusik: Sie erweitert deinen musikalischen Horizont und zeigt neue Perspektiven. Sonst beschäftige ich mich in meiner Freizeit wohl eher selten mit Chorgesängen.

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Der Soundtrack zu Amy Sherman Palladinos Amazon-Prime-Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" zeigt hingegen wunderbar, wie Musik einen auch mit in eine völlig andere Zeit nehmen kann. Obwohl die erste Staffel 2017 produziert wurde, fühlt sich alles in der Serie so an, als sind wir selber im New York der 1950er-Jahre. Das liegt nicht nur an den wundervollen Kostümen und Settings, sondern eben auch an der Musik, die wir hören, die den Zeitgeist, den Spirit dieser Ära einfängt. Neben biederen Pop-Chansons hören wir spannenden, aufregenden Jazz, der damals noch Underground war.

Sphärisch wird es jedoch im Soundtrack zur deutschen Netflix-Erfolgsserie "Dark". Hier kann man sogar so weit gehen, dass die überakzentuierte Musik von Ben Frost die Handlung antreibt und die Nuancen zwischen den einzelnen Charakteren einfängt. Das geht manchmal so weit, dass man die musikalischen Einlagen fast schon irritierend-störend findet. So wie sich auch die Protagonisten in "Dark" zwischen den Zeiten und Dimensionen unbehaglich fühlen. Musik lässt uns näher dran sein, Teil werden der fiktiven Welten – zumindest emotional.

Soundtrack können auch persönlich sein

Für Serienfans, die in einem Soundtrack nicht nur das perfekte, cineastische Erlebnis suchen, sondern auch eine perfekt kuratierte Playlist, finden dies in der Hulu-Serie "Normal People". Neben den populären Stücken wie Orla Gartlands "Did it to Myself", das einfach perfekt Mariannes Verhältnis zu Connell beschreibt, ist der schwere, ambivalent Score von Stephen Rennicks die ideale Vertonung unserer Millennials-Gefühlswelt.

Auch deswegen liebe ich Soundtracks so sehr: Man entdeckt ungeahnte Facetten und auch Teile von sich selbst, die man sonst niemals gesehen hätte. Und auch wenn Ennio Morricone nicht noch ein weiteres Meisterwerk für uns komponieren kann, so gibt es noch genug Soundtracks für uns zu entdecken. Worauf wartet ihr noch?

Quelle: Noizz.de