"Sex and the City" hatte Kultstatus – umso gespannter schauen alle auf Darren Stars neues Werk für Netflix. Das heißt "Emily in Paris" und wurde schon als heißer Nachfolger gehandelt. Doch jetzt sind viele enttäuscht. Ich finde: zu Unrecht. Die Serie ist nämlich viel zeitgemäßer, als Carrie Bradshaw es jemals war.

Ich lasse die Bombe lieber gleich platzen: Ich konnte mit "Sex and the City" nie so richtig was anfangen, geschweige denn es zum Kult erheben. Nicht, weil es mit zu sexuell aufgeladen war, es war mir oft einfach ein bisschen zu doof. Punkt.

Außer Carries Outfits, die habe ich geliebt. Dass sie angesagte Kolumnistin war, hatte auch einen Pluspunkt. Aber sonst? Geguckt habe ich es trotzdem. Mehr als 20 Jahre, nachdem die erste Folge "Sex and the City" über unsere Bildschirme flimmerte, hat sich Schöpfer Darren Star an einer neuen "Frauen-Serie" (wenn man dieses Genre so nennen mag) versucht. Sie heißt "Emily in Paris".

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Titelgebende Emily (Lilly Collins) hat nicht nur genau so coole Outfits wie Carrie, sie ist zudem eine ehrgeizige Marketingmanagerin Anfang 20 aus Chicago, spezialisiert auf Instagram und Co. Als ihre Firma eine französische Marketingagentur für Luxusmarken namens "Savoir" erwirbt, wird ihr ein Traumjob in Paris angeboten – weil ihre Chefin, die den Job eigentlich übernehmen sollte, plötzlich schwanger wird mit 40 (Zitat aus der Serie: "Sie hatte anscheinend sehr viel 'Ich bin dann mal weg'-Sex ...").

Hier kannst du den Trailer zu "Emily in Paris" sehen:

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Nun soll eben Emily die Social-Media-Strategie für die französische Agentur komplett überarbeiten. Ihr neues Leben in Paris ist natürlich aufregend – aber auch ganz schön frustrierend. Denn: Sie kann kein Wort Französisch (im Flieger lernen, hat leider nicht geklappt). Obendrauf macht ihr Freund in Chicago auch noch Schluss mit ihr, weil er keinen Bock auf Fernbeziehung hat und sie wieder in die USA zurückbeordern möchte – worauf Emily natürlich keinen Bock hat. So muss sich die Neu-Pariserin durch einen Dschungel manövrieren: Arbeitskollegen von ihrem Können überzeugen, neue Freunde gewinnen und ziemlich viele romantische Abenteuer.

Ist "Emily in Paris" ein "Sex and the City"-Abklatsch?

Aus New York wird Paris, statt angesagter Kolumnistin haben wir es hier mit einer Influencerin und Werbetexterin zu tun, Mister Big wird zum sexy Franzosen Gabriel – diese Analogie könnte man ziehen, sie geht aber nur auf, wenn man vielleicht die Inhaltsangabe von "Emily in Paris" liest. Bis auf eine Hommage-Szene, in der Emily verzweifelt am Laptop sitzt und einen Text zum Vagina-Zäpfchen "Vaga-Jeune" bastelt, denkt man in keiner Minute an "Sex and the City".

Das finden eingefleischte "Sex and the City"-Fans natürlich richtig mies und sehen in Emily eine seichte, unselbstständige, naive junge Frau, die Carrie nicht das Wasser reichen kann. Aber mal ehrlich: Erstens soll sie das überhaupt? Hätte Darren Star die Kultserie der Nullerjahre kopiert, wäre ihm mangelndes Einfallsreichtum vorgeworfen worden.

Zweitens ist es nicht viel mehr so, dass Emily in Wirklichkeit gar nicht so viel anders ist als Carrie Bradschaw, aber wenigstens dazu steht, dass sie ist, wie sie ist? Klar, als "Sex and the City" 1998 startete, war das revolutionär. Vier Freundinnen, die offen über Sex im TV reden? Bis dahin gab es so was nicht. Die Serie war unterhaltsam, bediente sich aber auch ziemlich vielen Klischees.

Und wenn ich noch einmal lese, dass Carrie emanzipiert hoch zehn war, kotze ich im Strahl. Carrie hatte vielleicht Ambitionen dazu, und in Karrieredingen setzt sie das eventuell um – aber abgesehen davon rennt sie einfach sechs Staffeln lang einem Mann nach, der sie zeitweise absolut scheiße behandelt hat. Auch die Vorstellung von dem, was sexuell abenteuerlich und cool ist, war und ist voller Plattitüden.

Da ist mir eine Emily, die zu doof ist, den richtigen Adapter für eine französische Steckdose zu finden, um ihren Vibrator zu benutzen, allemal lieber. Das und ihr Verhalten gegenüber französischer Männer kommt vielleicht etwas bieder rüber, aber mal ehrlich: Sind wir nicht alle eher so, als der Typ Samantha? Emily repräsentiert die Durchschnittsfrau, die eigentlich ein langweiliges Durchschnittsleben führt und mit einer verträumt-romantischen Vorstellung nach Paris geht.

"Emily in Paris" ist vielleicht ehrlicher als Carrie Bradshaw jemals zu sich selbst war

Emily (Lily Collins) und ihr Schwarm Gabriel (Lucas Bravo)

Wer sich über die Culture-Clash-Klischees zwischen Französ*innen und Amerikaner*innen aufregt, hat das Prinzip Satire nicht verstanden. Klar, natürlich ist es nicht so, dass in Frankreich Mittagspausen drei Stunden lang gehen, jeder den ganzen lieben langen Tag lang nur Wein trinkt. Natürlich ist nicht jeder Boss oder jede Chefin in einer französischen Agentur wie Meryl Streep in "Der Teufel trägt Prada". Und ja, es ist Humbug, dass jeder Mann in Paris jede Frau anflirtet, wenn sie bei drei noch nicht auf einen Baum geflüchtet ist oder jeder eine Affäre hat.

Andersherum geht nicht jeder Ami einfach so in ein fremdes Land, ohne die Sprache zu können. Aber in jedem Klischee steckt etwas Wahres drin, und sie werden in den zehn Folgen so liebevoll dekonstruiert, dass man Darren Star gar nicht böse sein kann. Und wie es im wahren Leben ist, weiß auch Emily, dass sie oft einen feministisch-modernen Anspruch propagiert, ihn in ihrem eigenen Leben aber nicht immer umsetzen kann. Zum Beispiel wenn sie dann doch mit dem reichen Neffen des Designers Pierre Cadault anbandelt – der eigentlich einer ihrer Kund*innen ist.

Okay, der nackte Franzosen-Daddy, der am Tag schon Champagner schlürft, ist definitiv eine Stereotypen-Bombe.

Ähnlich geht es auch Emilys Freundinnen Mindy, die sich in Paris versucht, von den Wurzeln ihres superreichen chinesischen Vaters zu befreien und Camille, die Erbin eines Champagner-Gutes, die zufällig auch die Freundin von Emilys Crush Gabriel ist. Alle machen ständig Fehler, die ihren eigenen Prinzipien eigentlich entgegenstehen.

Das wissen sie. Heißt es, dass sie beim nächsten Mal etwas anders machen? Vielleicht. Aber das ist das Leben. Und so ist "Emily in Paris" für mich besser als "Sex and the City" – weil es echter ist und, ja, auch ein bisschen süßer. Ich kann eine zweite Staffel kaum erwarten.

"Emily in Paris" hat zehn Folgen, die du ab sofort auf Netflix streamen kannst.

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  • Quelle:
  • Noizz.de