Er ist Deutsch-Türke. Schwul. Und er raucht Gras.

Nach sechs Folgen Dogs of Berlin kommen mir Zweifel, ob ich die Zeit nicht lieber mit dem neuen Kollegah-Album hätte verbringen sollen“, wird auf Twitter über Deutschlands neueste Netflix-Eigenproduktion gerichtet. Die Hauptstadt-Serie rund um kriminelle Clans und Neonazis treibt mindestens die halbe Republik und wenigstens ganz Twitter in den Klischee-Wahnsinn.

Uns passt es nicht, dass die Nazi-Oma Eva heißt und der abgeranzte Wettbüro-Betreiber auf den Namen Späti hört. Berliner und stolze Zugezogene regen sich mit einer Entrüstung über die Umbenennung von Kreuzberg in Kaiserwarte auf, als hätte die Bundesregierung gerade die Ehe für alle kassiert. Und die Storyline des jungen Ausländers, der sich mit Rap aus seinem Problemviertel kämpfen will, ist auch – ja ja – wirklich sehr flach gedacht.

Keine Frage: „Dogs of Berlin“ ist an den meisten Stellen extrem stereotyp, zu plakativ. Und trotzdem zieht die Krimi-Serie Tausende vor die Bildschirme. Nicht wenige scheinen bis zum Ende durchzuhalten – das ergeben jedenfalls Stichproben im Kollegen- und Freundeskreis. Auch die Reaktionen im Netz deuten darauf hin.

Abgesehen von den überspitzen Szenen und unglaubwürdigen Namen, muss man Ideengeber, Drehbuchautor und Regisseur Christian Alvart („Tschiller: Off Duty“, „Abgeschnitten“) eines lassen: Er hat einen Charakter aus dem Boden gestampft, den nicht nur das deutsche Fernsehen dringend benötigt: Erol Birkan, gespielt von Fahri Yardim.

Der Polizist des Berliner Drogendezernats übernimmt zusammen mit Ex-Nazi Kurt Krimmer (Felix Kramer) die Leitung der SoKo „Rote Karte“ – die den Mord am deutsch-türkischen Fußball-Nationalspieler Orkan Erdem aufklären soll. Er ist Deutsch-Türke. Schwul. Und er raucht Gras.

Die Genialität der Rolle liegt dabei nicht darin, dass es „endlich mal einen schwulen Ermittler gibt. Und dann ist er auch noch Türke!“ – nein. Das Großartige an Birkans offen-homosexueller Liebesbeziehung ist, dass sie ganz leise und unaufgeregt am Rand stattfindet – und gerade so gar nicht das Klischee der stereotypen Schwulen bedienen möchte.

Die beiden Männer führen ein schon fast langweiliges Leben. In einer schönen Wohnung in Berlin. Keine Sensibelchen, die sich am Wochenende in Darkrooms rumtreiben. Keine Shopping-Addicts, die sich feminin von einem Rollkragen-Regal zum nächsten schlängeln.

Warum Fahri Yardim genau der Richtige für diese Rolle ist, wird im NOIZZ-Interview vor Serien-Start klar:

NOIZZ: Wie hast du auf die Sexualität der Rolle reagiert?

Fahri Yardim: Unaufgeregt. Es klingt immer blödsinnig, das Selbstverständnis auszusprechen. Ich mochte daran aber, dass in diesem – teilweise auch sexuellen Feuerwerk unserer Serie – ausgerechnet die Homosexuellen das biederste Paar sind. Ein liebevolles Pärchen, mehr nicht.

Eine grandiose Klatsche ins Gesicht als derer, die immer noch den stereotypen Schwulen vor Augen haben. Kannst du das aus deiner persönlichen Perspektive noch mal beschreiben?

Fahri: Homosexualität war für mich nie ein Aufreger. Ich verbinde damit keine Angstgefühle. Ich hatte ehrlicherweise aber auch zu Hause niemanden, der mir zwanghaft mitgeteilt hat: Entweder du bist ‘ne Hete, oder du verpisst dich! Stattdessen bin ich in ein liberales Selbstverständnis von Sexualität reingewachsen.

Es ist eine gewisse Freude, an einer Normalisierung beteiligt zu sein. Und ich find’s erfrischend, dass wir nicht in irgendwelchen Darkrooms mit fiesen Lederpeitschen hängen mussten. Übersexualisiert und fetischisiert. Sondern, dass die beiden eine schöne Wohnung teilen und biedere Gespräche über harte Arbeitstage am Frühstückstisch führen.

Empfindest du Männern der Kategorie #nohomo trotzdem eine gewisse Empathie gegenüber?

Fahri: Meine große Schwäche ist ein bedingungsloser Humanismus. Ich glaube, dass, wenn du alles verstehst, du alles verzeihen kannst. Nichts Menschliches ist mir fremd.

Wenn du in ein unerschütterliches Weltbild hinein geboren oder erzogen wurdest, kann es sein, dass du dich von der Abweichung fürchtest. Ich habe erst einmal Verständnis für Leute, die ein Abwehrverhalten an den Tag legen, wo sie Gefahr wittern. Auch wenn sie noch so irrational ist. Dennoch würde ich ihrer Angst niemals einen Handlungsauftrag erteilen. Und ihr immer eine andere Vorstellung entgegensetzen.

Angst habe ich vor Spinnen. Wobei, das wurde mir verboten. Weil meine Tochter noch mehr Angst vor Spinnen hat, wurde ich zum Mutigen befördert, der sie fangen und aus dem Haus geleiten muss.

Erol Birkan baut zu Hause sein eigenes Gras an, als Polizist – ein deutliches und relevantes Statement. Wie stehst du zur Legalisierung von Cannabis?

Fahri: Wird Zeit, dass es entkriminalisiert wird. Zudem habe ich sicher auch einen Hedonisten in mir und will behaupten: Lass den Menschen die Freiheit, darüber zu entscheiden, wie sie sich schaden wollen – bis zu einem gewissen Grad. Die Legalisierung wird bestimmt eh bald kommen. Ist schon nicht mal mehr hip, diese Gedanken zu teilen.

Wann warst du das letzte Mal stoned, während du Netflix geguckt hast?

Fahri: Ich höre Rolling Stones nur, wenn keine Serie läuft. Wäre mir sonst zu laut.

Welche Art von Netflix-Gucker bist du denn im Allgemeinen?

Fahri: Ein schlimmer Netflix-Gucker! Ich gucke alles durch die Bank. Ich mochte Comic-Serien nie besonders, aber dann kam „BoJack Horseman“! Und ich liebe „Ozark“! Oh, war ich verfallen! Die habe ich sofort weginhaliert. Und diese wunderbaren Dokus! Bingen ist mein Joint.

>> 20 Dinge, die mich an „Dogs of Berlin“ leider wirklich nerven

Quelle: Noizz.de