Falsche Bärte, Offenbacher Rap und fiktive Stadtteile.

Vorneweg möchte ich sagen, dass ich „Dogs of Berlin“ sehr unterhaltsam finde. Das liegt aber weniger an der mitreißenden Story (spannend wird es erst ab Folge fünf), noch an den überaus durchdachten Handlungssträngen (Achtung, Sarkasmus!), sondern viel mehr an der völlig überzeichneten Stereotypisierung der einzelnen Charaktere.

Natürlich haben die Neonazis ihr eigenes Vereinshaus mit roten Nazi-Fähnchen, natürlich ist der Clan-Chef der Tarik-Amis der Stärkste und Bärtigste, natürlich füttert die Marzahner Alki-Hartz-V-Mutti ihren Kindern zerkrümelte Butterkekse zum Frühstück.

Das alles ist in Kombination miteinander so schön Klischee, dass man mit keiner größeren Charakter-Wandlung oder Überraschungen rechnen muss – durchaus entspannendes Netflixen also. Ist die ursprüngliche Erwartungshaltung, die sich in den Monaten vor dem Start der Serie aufgebaut hat, erst abgelegt, lässt es sich sehr schön berieseln. Und so schlimm wie dieser Twitter-User „DoG“ beschreibt, ist es wirklich nicht:

Im Gegenteil, wer sich drauf einlässt, wird gut unterhalten.

Charaktere, die in den ersten Folgen noch flach wirken, gewinnen nach und nach an Farbe. Dennoch: An das Level anderer in der Hauptstadt spielender Serien wie „Berlin Station“, „Beat“ oder „4 Blocks“ ranzukommen, bietet „Dogs of Berlin“ leider viel zu viel Stoff zum Lästern. Wir haben 20 Aspekte rausgesucht, die durchaus vermeidbar gewesen wären – denn hey, konstruktive Kritik und so!

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Achtung, es könnte der ein oder andere SPOILER vorkommen.

1. Berlin geht vor die Hunde

Dass in einer Serie, die „Dogs of Berlin“ heißt, die ein oder andere Vierbeiner-Metapher vorkommen würde, stand außer Frage. Die unnötigen Hundeanspielungen haben mich zwischenzeitlich aber echt daran zweifeln lassen, ob ich nicht aus Versehen beim nicht jugendfreien Remake von „Wuff“ gelandet bin.

Ständig kackt irgendein Köter auf die Straße. Ob Nazi-Boxer, verwaister Beagle oder Türsteher-Schäferhund – gefühlt jede Rasse hat ihren Auftritt. Ja, selbst ein gepunkteter Zwergdackel. Die einzige Erklärung, die ich für die anhaltende Hundemanie von Netflix und Co. habe, ist der chinesische Kalender. Nächstes Jahr schreiben wir übrigens wieder das Jahr des Schweins – „Pigs of Berlin“, anyone?

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2. Ludar, Späti, Ulf & Eva: Was zur Hölle haben sich die Macher eigentlich bei der Namensgebung der Charaktere gedacht?

Ein Luder namens Ludar, ein zwielichtiger Wettbüro-Angestellter, der Späti heißt und ein Mutter-Sohn-Nazi-Duo, die auf den Namen Ulf und Eva hören: Das mit den Namen üben wir noch mal, Netflix.

3. Welcher Berliner (Bulle) sagt heute noch „Wachtmeister“?

Meine Verwunderung über den seltsamen Dialog zwischen LKA-Mann Kurt Grimmer und den beiden offensichtlich komplett dämlichen Polizeibeamten am Tatort zu Beginn der ersten Folge fand ihren Höhepunkt in der ständigen Wiederholung des Wortes „Wachtmeister“, denn kam dieses Wort nicht schon in den Achtzigern aus der Mode? Dann die Auflösung, der Typ heiß so! Aua.

4. Aus Kreuzkölln wird „Kaiserwarte" – WTF?

Der allerschlimmste, größte Fauxpas der gesamten Serie: Die Einführung des fiktiven Problemviertels „Kaiserwarte“, das offensichtlich für Kreuzberg / Neukölln stehen soll und auch dort gedreht wurde. Warum zur Hölle nennt man das Kind nicht beim Namen, sondern gibt Berlinern, die die Serie schauen, das Gefühl, die eigene Stadt nicht zu kennen?

Meine These: Durch ständig zuziehende Möchtegern-DJs sind Kreuzberg und Neukölln so trendy geworden, dass sie im Ausland nur noch als Hipsterviertel bekannt sind und daher nicht mehr als Problembezirk für eine internationale Produktion taugen. Anders verhält es sich mit Marzahn, dass seinen Namen in der Serie behalten darf.

Die echte Kaiserwarte liegt übrigens im Südtiroler Pustertal: Um 1903 herum wurde am höchsten Punkt des Kühbergls ein 18 Meter hoher Beobachtungsturm für Kaiser Franz Josef I. gebaut, der dem Hügel zu seinem Namen verhalf. Klingt nach hartem Pflaster.

5. Nichts gegen Hafti, aber wir dachten 069 ist sein Ding, nicht 030?

Auch wenn ich „Lass die Affen aus dem Zoo“ lautstark mitgrölen kann: Ein Rapper, der so stark mit einer Stadt verbunden ist, wie Haftbefehl mit Offenbach, sollte nicht den Soundtrack für Big B liefern. Ufo's „Ich bin ein Berliner“ wäre authentischer gekommen.

Hafti in „Dogs of Berlin" Foto: Netflix

6. Generell: Rap als einziger Ausweg? Really?

Rap als einziger Weg aus dem Milieu ist echt ein bisschen ausgelutscht, findet ihr nicht? Meine Empfehlungen für eine Fortsetzung: Sneaker-Ticker, Influencer, oben genannte DJs – alles Berufe, die die Generation Z für sich erfunden hat und die mindestens genauso stereotypisch für die Träume pupertierender Boys ist – und über die es noch keine Serie à la „4 Blocks“ gibt, mit der man im Konkurrenzkampf steht.

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7. Hakims Bart ist unglaubhafter als der weiße Rauschebart eines Kaufhaus-Weihnachtsmannes

Warum sieht Sinan-Gs Bart eigentlich aus, wie die schlecht angeklebte Requisite eines Supermarktdetektivs von vor zwanzig Jahren?

8. Die Alexa-Werbung ist so auffällig, es würde mich nicht wundern, wenn wir die Szene demnächst genau so für Amazon sehen

„Alexa, spiel meine Nachrichten ab.“ – Wie viel Amazon wohl für diese Zeile im Drehbuch bezahlt hat? Ich will es lieber gar nicht erst wissen.

9. Wie unecht kann ein Fußballspiel wirken?

Einer der größten Aufreger auf Twitter: Das hart offensichtlich gegreenscreente Fußballspiel in Folge drei.

Hier eine Auswahl der schönsten Tweets:

10. Hat die Fantasie nicht mehr für bessere Kosenamen gereicht?

Ja ja, „Schatz“ ist der beliebteste Kosename der Deutschen – wenn ihr aber schon ein halbwegs spannendes Pärchen wie Erol Birkan und sein Boyfriend erschafft, hättet ihr euch bei diesem kleinen Detail aber auch ein bisschen mehr Mühe geben können, Habibis!

Ich verstehe schon, das Homo-Couple soll so bieder wie möglich wirken, um dem Stereotypen entgegenzuwirken, aber come on!

11. Die schlimmste Strafe der Nazi-Bruderschaft: „Eierspeise“

Auf Seiten des Kaiserwarte-Clans: Prügel und Schüsse. Spritzendes Blut, abgeschnittene Finger, bestialische Morde. Auf Seiten der Marzahner-Neonazis: Tritt in die Eier bei Verrat an der Bruderschaft. Ja ne, is klar.

13. Der finger-kotzende Beagle & eine animierte Kobra – fehlt nur noch der Tiger aus „Hangover“

Weil mir die Szene des finger-kotzenden Beagles doch etwas zu gestellt rüber kam, habe ich nachgelesen: Es gibt tatsächlich Fälle, in denen sich Hunde an den Leichen ihrer verstorbenen Herrchen verköstigt haben – meistens aus Hunger, so unrealistisch ist das also gar nicht.

Dennoch: Auch wenn ich euch genaue biologische Details ersparen will, ein Finger, der eine ganze Nacht in der Magensäure eines Beagles verbracht hat, kommt am nächsten Morgen nicht unbedingt im freshesten Zustand raus. Genauso tierisch unnötig wie der kotzende Beagle: Die animierte Schlange, die ihren Gastauftritt im Luxushotel Waldorf Astoria hinlegt. Why tho, Netflix?

14. Die offensichtliche „Matrix“-Trinity-Anspielung von Hannah Herzsprung

Vorneweg: Hannah Herzsprung ist großartig und ich hab mich unfassbar gefreut, sie in der Serie zu sehen – aber ihre Rolle der supersexy Über-Anwältin wirkt so inszeniert, dass man sich unweigerlich fragt, ob die Gute einfach mal kurz ihre dunkelsten „Matrix“-Fantasien ausleben wollte?

Schließlich heißt sie nicht nur Trinity und macht einen auf Agentin, nein, sie trägt zu ihrem ersten Auftritt sogar einen schwarzen Lackmantel, der der der „Matrix“-Hackerin erstaunlich ähnlich ist. Zufall?

15. Schlimmerer Superzoom als Instagram

Mehr muss zu der „interessanten“ Kameraführung wohl nicht mehr gesagt werden.

16. Mehr Figuren als in „Krieg & Frieden“

Tolstoi wäre stolz gewesen: So viele unnötige Charaktere, die den Zuschauer gleich von Anfang an völlig verwirren – und von denen mindestens 50 Prozent absolut keinen Sinn machen, weil ihre Geschichten a) nicht fertig erzählt werden oder b) komplett belanglos für den Rest der lose zusammenhängenden Erzählstränge sind.

17. Die wirklich interessanten Charaktere sind nur Nebenrollen

Katrin Sass brilliert in ihrer Rolle als Nazi-Oma Eva Grimmer. Und Mišel Matičević, der den undurchschaubaren Kovac-Clananführers Tomo verkörpert, spielt seinen libanesischen Rivalen Hakim komplett an die Wand. Rollen mit spannender Geschichte, die leider nur als Nebenfiguren auftauchen – verschenktes Potenzial.

18. Wer war für die Stinktier-Frisur Bou'Pengas verantwortlich?

Auch das Klischee der wilden Fußballerfrisuren wollten die DoB-Macher scheinbar nicht auslassen. Wer die Idee des weiß-blondierten Streifen-Looks des jungen Fußballstars verantwortlich ist, sollte vielleicht über einen Berufswechsel zum Tierpfleger nachdenken.

19. Das LKA besteht nur aus Männern

Ohne hier krass die Feministin raushängen lassen: Warum ist Birkans Kollegin Rafika Masaad eigentlich die einzige ernst zunehmende Frauenrolle des LKAs? Und warum gibt es im gesamten Polizei-Stab neben ihr gerade mal zwei andere Frauen? Ziemlich traurige Quote für eine 2018 produzierte Serie.

20. Das No-go-Area wird durch eine rote Graffiti-Linie abgetrennt

Ja, Film und Fernsehen lebt von Visualität und Bildersprache. Aber ein No-go-Area, das durch ein rotes Graffiti-Strichlein vom Rest des Viertels abgetrennt ist? Mutet ein bisschen nach Sandkasten an, in dem Fünfjährige ihr „Buddel-Revier" mit strikten Schaufel-Linien abtrennen. Symbolik schön und gut, aber ernst nehmen kann man das wirklich nicht.

Quelle: Noizz.de