Endlich die Lieblingsfilme deiner Kindheit bingen – mit Disney+ ist für viele ein Traum wahr geworden. Doch scrollt man durch alle angebotenen Filme, bleibt einem manchmal das Lachen im Hals stecken – denn Disney ist nicht so harmlos, wie man glaubt.

Endlich hat der Streamingdienst Disney+ auch in Deutschland seine Pforten geöffnet – und für alle Fans war der Erscheinungstag wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Nein, ehrlich: GENAUSO wie Weihnachten und Geburtstag. Bestes Beispiel: Ich. Schon am Vorabend freute ich mich darauf, durch die Filme meiner Kindheit zu scrollen und schon mal in imaginäre Wochenpläne einzutragen, welcher Film, wann geschaut wird – was ich am nächsten Morgen auch direkt tat. Den Wecker hatte ich extra früh gestellt, um vor der Arbeit noch ausgiebig Disney+ erkunden zu können.

Und ich wurde nicht enttäuscht: "Findet Nemo", "Fluch der Karibik", "Highschool Musical", "König der Löwen", "Das Dschungelbuch" – muss ich noch mehr sagen? All die Filme, die meine Kindheit so sehr prägten und die ich seit Ewigkeiten nicht schauen konnte, waren auf einmal nur noch einen Klick entfernt. Und das war erst der Anfang: Ein fettes Angebot aus "Marvel", "Star Wars" und sogar "National Geographic" entlockte mir weitere Begeisterungsschreie, die mit großer Sicherheit die Nachbarn weckten. Kurz: Ein Angebot, das mich Netflix und Co. prompt vergessen ließ.

Nur ein kleiner Ausschnitt des traumhaften Angebots von Disney+

Disney+ ist kein Ersatz für Netflix

Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen – dem Problem, das der neue Streamingdienst mit sich bringt – muss ich noch eines klarstellen: Nein, Disney+ ist kein Ersatz für Netflix. So toll das Angebot aus Eigenproduktionen und Kindheitsklassikern auch ist: Es stellt nur eine (dringend nötige) Ergänzung zu dem Angebot dar, das die Serien-Plattform bietet. Für Familien mit Kindern könnte es durchaus eine Alternative zu den herkömmlichen Anbietern sein – echte Bingewatcher aber würden alleine mit Disney+ nicht auf ihre Kosten kommen. Ganz ohne aber auch nicht. Mit mehr als 28 Millionen Abonnenten ist Disney+ zwar auch schon richtig gut im Rennen – es ist erst vier Monate alt – mit den weltweiten Netflix-Abos (167 Millionen) kann es aber noch nicht mithalten.

Doch jetzt zum weniger spaßigen Teil des eigentlich wunderbaren neuen Anbieters. Scrollt man durch all die beliebten Disney-Klassiker, gelangt man leider nicht nur zu Filmen wie "Vaiana" oder "Die Eiskönigin", die für starke Frauenrollen stehen. Schnell fallen auch die alten Prinzessinnen-Filme, wie Schneewittchen oder Cinderella ins Auge. Und so sehr sie auch zu beliebten Evergreens geworden sind – sie propagieren absolut sexistische Geschlechter-Stereotype, die einfach überkommen sind.

Sexistische Prinzessinnen-Filme – kein Warnhinweis

Schneewittchen schmeißt den Haushalt der sieben Zwerge, kocht vergnügt vor sich hin, fällt am laufenden Band naiv auf böse Tricks rein und wird am Ende vom Prinzen gerettet. Eigene Klugheit und Stärke? Fehlanzeige. Na klar, der Film ist ein Produkt seiner Zeit, in der das Frauenbild alles andere als emanzipiert war. Und ihn aus dem Sortiment zu kicken würde seiner großen Beliebtheit nicht gerecht werden und für viel Furore sorgen. Trotzdem stellt Disney+ ihn gleichberechtigt neben Filme wie Vaiana, obwohl der eine für junge Mädchen geradezu diskriminierend und der andere empowernd ist. Es ist sogar nachgewiesen, dass Mädchen, die solche Prinzessinnen-Filme konsumieren, sich auch später eher Geschlechter-stereotypisch verhalten.

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Genau das ist das Problem an Disney+: Es bietet uns einen Rundumschlag der Disney-Kinderfilmgeschichte ohne zu sortieren oder einzuordnen, welche Inhalte nicht mehr zeitgemäß sind. Und das bei den Prinzessinnen-Filmen nicht einmal mit einem Warnhinweis, der vorm Anschauen des Filmes auf seine Problematik hinweist. Eltern sind also auf sich allein gestellt, die Filme herauszupicken, die ihren Kindern keine schädlichen Stereotype in die Köpfe pflanzen – oder beim Schauen des Filmes mit ihren Kindern darüber zu diskutieren, sodass aus dem Filmabend eine kleine Lektion in Medienkunde wird. Das mag in manchen Familien funktionieren – aber sicherlich nicht in denen, die ihre Kinder einfach vorm Fernseher parken. Disney+ könnte also dafür sorgen, dass Kinder überholte Stereotype lernen.

Rassismus pur und ungefiltert

Ein fast noch erschreckenderes Beispiel ist der Rassismus in manchen Disney-Produktionen – einige Filme stammen sogar noch aus den 40er Jahren. Doch auch diese Filme kann man sich ganz einfach mit einem Klick anschauen. Zum Beispiel den tragischen Film-Klassiker "Dumbo" aus dem Jahr 1941. Besonders häufig wird dabei diese Szene kritisiert:

Hier trifft Dumbo auf eine Gruppe Krähen, die in Schwarzem Slang sprechen und singen und deren Anführer – und jetzt alle festhalten – Jim Crow heißt. Für alle, die die rassistische Figur des "Jim Crow" nicht im Geschichtsunterricht durchgenommen haben:

Singender Sklave "Jim Crow"

Jim Crow war in den USA des 19. Jahrhunderts die Bezeichnung für den lächerlichen Stereotyp eines tanzenden, singenden Schwarzen, häufig eines Sklaven, der seinen Herren trotz harter Arbeit liebt. Die Figur wurde in Unterhaltungsshows von Weißen gespielt, die sich schwarz anmalten, also Blackfacing betrieben und sich über Schwarze lustig machten. Heute steht der Begriff für das umfassende System zur Aufrechterhaltung einer Rassenhierarchie in allen Bereichen der amerikanischen Gesellschaft.

Eine "Jim Crow"-Zeichnung aus dem Jahr 1900
Noch 1963 war die sogenannte Rassentrennung in den USA die Regel: Hier werden minderjährige Protestant*innen mit Hunden und Wasserwerfern angegriffen.

Himmelschreiender Rassismus in einem Kinderfilm? Nichts, was heutzutage auch nur ansatzweise hinzunehmen ist. Scheinbar denkt das auch Disney+ und schreibt als Warnung vor den Film: "Diese Sendung wird in ihrer ursprünglichen Form gezeigt und könnte überholte kulturelle Darstellungen enthalten."

Disney+ kommt seiner Verantwortung nicht nach

Vielen ist diese kurze Warnung angesichts des extrem rassistischen Hintergrundes – zurecht – viel zu lasch. Sollte man entsprechende Szenen aus alten Filmen herausschneiden oder die Filme gar ganz von der Plattform nehmen? Auf diese immer wieder aufkommende Frage gibt es natürlich keine richtige Antwort. Was man jedoch sagen kann, ist: Filme wie Schneewittchen oder Dumbo vermitteln wertvolle Lektionen wie Liebe, Freundschaft, den Umgang mit dem Tod und Enttäuschungen. Sie sind zurecht zu Klassikern der Filmgeschichte geworden – was ihre Fehler aber nicht entschuldigt. Doch ihre diskriminierenden Inhalte könnten eventuell sogar eine Chance bergen: Schaut ein Kind einen Film wie "Dumbo" gemeinsam mit seiner Familie, kann daraus eine lehrreiche Geschichtsstunde werden, die dem Kind wertvolle Lektionen beibringt. Voraussetzung dafür ist natürlich immer, dass die Eltern selber genügend sensibilisiert sind.

Fest steht aber auch: Disney+ tut zu wenig dafür, dass die betreffenden Filme gekennzeichnet sind – und kommt in dem Punkt seiner Verantwortung nicht nach.

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Quelle: Noizz.de