Das Leben schreibt manchmal die gruseligsten Geschichten.

An Halloween wird traditionell die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten aufgehoben – Weg frei für den Schrecken aus dem Jenseits quasi. Dabei ist das doch gar nicht unbedingt nötig: Im Hier und Jetzt, ganz ohne Untote, gibt es doch die allergrößten Abscheulichkeiten. Massenmörder, Pädophile und Schweigende – ist jetzt nicht so, als würde die Menschheits-Geschichte hier nicht genug Material produzieren, dass einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Faszinieren uns True-Crime-Stories deshalb so? Weil wir wissen, dass sie tatsächlich geschehen sind und weil es uns reizt, nicht zu wissen, ob unser Nachbar nicht vielleicht auch ein paar Leichen im Keller versteckt hat?

True-Crime hat jedenfalls Hochkonjunktur: Ob als Podcast, Film oder in Serie. Der Grad des Realismus kann variieren: Es sind zwar immer echte Geschichten – wie reißerisch die Inszenierungen sind, kann allerdings variieren. Vor allem Netflix bekommt es ganz gut hin, die sowieso schon dramatischen Kriminalfälle so aufzubereiten, dass sie spannender sind, als jeder Blockbuster-Thriller. Was würde zu Halloween also besser passen, als eine Runde Bingewatchen? Wir haben die besten True-Crime-Serien für euch rausgesucht:

Zu schön zum Morden

Ted Bundy mordete sich in den 70ern durch Amerika. Er wurde dreimal ins Gefängnis gesteckt, entkam zweimal und wurde letztendlich unter medialem und gesellschaftlichem Hype auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Bundys Fall ist in vielerlei Hinsicht faszinierend: Der Massenmörder galt als besonders charmant und gut aussehend – weshalb er leichtes Spiel hatte, Frauen um den Finger zu wickeln, bevor er sie bestialisch ermordete. Aber auch Justiz und Polizei ließen sich gerne von Bundy blenden.

Die vierteilige Doku "Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders" lässt den Killer selbst zu Wort kommen und schaut tief in die Abgründe unserer Gesellschaft, thematisiert Frauenhass und Macht. Netflix' Eigenproduktion ist zwar recht reißerisch aufgemacht, aber so spannend, wie der beste Thriller-Blockbuster aus Hollywood.

Gleich doppelt naiv

Die Geschichte um Jan Broberg Felt und ihren Widersacher Robert Berchtold verwirrt einen zutiefst – und wirft einige Fragen auf. In den 70ern wurde die Jugendliche Broberg Felt von ihrem Nachbarn und Freund der Familie gekidnappt. Und zwar gleich zwei Mal. In dem Doku-Film "Abducted in Plain Sight" weiß man am Ende nicht so wirklich, wer hier die wahren Täter sind. Die Eltern der damals 12-Jährigen Jan kommen zu Wort, das Opfer selbst spricht und alle berichten von einer irgendwie "anderen Zeit". Eine Zeit, in der es für Pädophile noch keinen festen Begriff gab, als man noch an den lieben, netten Nachbarn glaubte, der einem irgendwas von Aliens erzählte und meinte, es sei Teil seiner Verhaltenstherapie, dass er bei der minderjährigen Tochter im Bett schlafen müsse. Eine Zeit in der man den Kidnapper des eigenen Kindes nicht ins Gefängnis stecken lässt, sondern im Prinzip mit ansieht, wie der ganze Schrecken zwei Jahre später noch mal passiert. Say whaaaaaat?! Ja – diese Doku hat es in sich. Naive Eltern, eine ziemlich krude Gesellschaftspolitik und viele die einfach Wegschauen.

Der Film lässt einen etwas ratlos zurück – packend ist er dennoch. Und man stellt sich die ganze Zeit die Frage: Wie verblendet muss eine Familie, eine Stadt, ein Land sein, um einen solchen Täter schweigend zu akzeptieren?

Wenn ein Urteil den Täter hervorbringt

Was macht einen Täter zum Täter? Reicht schon ein entsprechendes Urteil? In der Serie "Making A Murderer" geht es um den Amerikaner Steven Avery. Er wurde 1985 im US-Bundesstaat Wisconsin wegen Vergewaltigung zu lebenslanger Haft verurteilt. 18 Jahre nach diesem Urteil wurde er aufgrund einer DNA-Analyse für unschuldig befunden und frei gelassen. Avery verklagte daraufhin die Verantwortlichen auf 36 Millionen Dollar. Zwei Jahre nach seiner Freilassung wurde er erneut wegen einer Vergewaltigung und Morden festgenommen und verurteilt. Erneut plädiert Avery auf unschuldig und wirft der Justiz vor, ihm diesen Fall anzuhängen, um keine Schadensersatzleistungen zahlen zu müssen.

Diese 10-teilige Serie beschäftigt sich mit schiefgelaufener Justiz, beleuchtet Recht und Ordnung und stellt vor allem Wahrheit und Lüge infrage. Am Ende weiß man eventuell selbst nicht, was stimmt. Gut unterhalten ist man dennoch.

Katholische Mafia?

Im Amerikanischen Baltimore wurde vor 50 Jahren die Nonne Cathy Cesnik ermordet. Der Fall wurde damals mutmaßlich vertuscht. Seit der Tat gibt es allerdings Verschwörungstheorien, dass der Mord an Cathy ein von oben angeordneter Mord war, um andere Vergehen im Dunkeln zu lassen. Cesnik war neben ihrem Leben als Nonne Lehrerin an der örtlichen Schule. Sie soll von sexuellem Missbrauch des Priesters gewusst haben. Musste sie deshalb aus dem Weg geräumt werden?

Die siebenteilige Dokumentation "The Keepers" ist ein langwieriges Puzzle, dessen Thema aktueller ist denn je. Ein katholischer Männerclub, der seine Macht missbraucht, eine Frau, die stört und wertlos genug ist, sie zu ermorden und eine Gruppe investigativ arbeitender Hinterbliebener, die keine Ruhe geben. Scheint, wie ein abendfüllendes Programm.

Sexmord in Italien

Es ist gar nicht lange her, als der Fall um Amanda Knox Schlagzeilen machte: Die amerikanische Studentin soll bei ihrem Studienaufenthalt 2007 im italienischen Perugia zusammen mit ihrem Freund die britische Kommilitonin Meredith Kercher bestialisch ermordet haben. Pikant: Vorher soll es noch sexuelle Handlungen gegeben haben. Die Gerichtsverhandlungen wurden damals medienwirksam und hysterisch beobachtet, jede Einzelheit direkt berichtet. Letztendlich wurde Knox zu 26 Jahren Haft verurteilt, frei gesprochen, wieder verurteil und wieder frei gesprochen.

Im Dokufilm "Amanda Knox" kommt Knox selbst am allermeisten zu Wort. Sie spricht über die schreckliche Zeit als Angeklagte, Gehetzte und unschuldig Schuldige. In ihrem Buch "Zeit, gehört zu werden." (Droemer, 2013) geht es ebenfalls hauptsächlich darum, sich endlich der eigenen Stimme zu ermächtigen. Laut Knox etwas, dass sie während ihrer Inhaftierung nie tun konnte. Die Doku ist packend und zeigt, was eine fiese Mischung aus Hysterie, Presse und gesellschaftlichem Druck anrichten kann.

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Quelle: Noizz.de