Teenagersein in Zeiten des Terrors? Kein Problem für die „Derry Girls“.  

Derry heißt ganz offiziell eigentlich Londonderry und ist katholisch af. Also so richtig. Wenn ihr meint, eure Schulzeit am katholisch-bischöflichen Gymnasium war hart? Geht nach Derry und ihr wisst, was katholische Genügsamkeit wirklich mit sich bringt. Soviel vorne weg: Nonnen verstehen keinen Spaß. Wirklich nicht. Derry ist aber durch etwas ganz anderes außerhalb Nordirlands bekannt geworden. 

Der Ort liegt direkt an der Grenze zur Republik Irland und war bis Ende der 90er einer der Schauplätze des Nordirlandkonfliktes. Inklusive Terroranschlägen und Scharfschützen der britischen Armee sowie parlamentarischen Gruppen auf den Dächern der Stadt und Militärkontrollen im Bus. Da ein normaler Teenager sein? Irgendwie unvorstellbar.   

Für Erin, Clare, Orla, Michelle und James, die Clique in der Netflix-Channel-4-Serie, ist das aber Realität. Und sie zeigen, dass Teenagersein auch in politischen Konfliktherden noch die gleichen kleinen Dramen beinhaltet, wie für dich und mich, die nicht in Zeiten der „Troubles“ groß geworden sind.

Das Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen macht die Serie so spannend, dass ich die erste Staffel (sechs Folgen) an einem Tag gesuchtet habe. Dazu eine gehörige Prise bitterböser schwarzer, britischer Humor (unbedingt im O-Ton mit irischem Akzent gucken!) und fertig ist die perfekte Serie in Zeiten bevorstehenden Brexits und wiederaufflammenden Faible für die 90er.  

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Es geht eben um die 16-jährige Erin und ihre Clique, die allesamt in den 90er Jahren in Nordirland aufwachsen. Trotz düsterer politischer Umstände hat Erin die gleichen Sorgen wie Jugendliche in anderen Teilen der Welt: Sie ist in einen Jungen verliebt, der ihre Gefühle nicht erwidert. Shit happens. Und dadurch verstrickt sie sich natürlich in alle möglichen Kuriositäten in ihrem Schulalltag. 

Natürlich ist es eine erzkonservative, katholische Mädchenschule, die von Nonnen geleitet wird. Auf kuriose Weise landet auch Michelles Cousin James auf der Schule – als einziger Junge, weil auf der Jungenschule kein Platz mehr frei war. Und so entführt uns die ungewöhnliche Clique, zu der später auch noch die geflüchtete Ukrainerin Katya stößt, in ihre ganz eigene Welt. Und das ist ein schillerndes, großartiges Vergnügen, denn sie ist mal vollkommen hysterisch-überdreht, wahnsinnig, mal hoffnungslos romantisch und mal richtig ambitioniert. In hitzigen Dialogen geht es hin und her, so schnell, dass man kaum hinterher kommt. 

Seit 1998 ist im realen Derry eigentlich Ruhe eingekehrt. Damals trafen die britische Regierung und die der Republik Irland sowie alle beteiligten Politischen Parteien im Nordirlandkonflikt ein Abkommen, das den Verzicht auf Gewaltakte beinhaltet. Mit dem Brexit allerdings scheint die Ruhe aber auch in der nordirischen Grenzstadt in Gefahr. Erst im Januar explodierte eine Autobombe in einem Wohngebiet – und schon fühlt man sich zurückersetzt.  

Wie paradox das anmutet und welche Gefahren das für eine ganze junge Generation birgt, auch das zeigt Derry Girls. Denn auch wenn es scheint, dass das Leben dort seinen ganz normalen Gang geht, seine Spuren hinterlässt es bei jedem. Das sieht man in so lustigen Szenen wie dem nachgestellten Einbruch inklusive Geiselnahme in der Wohnung über einem Fish&Chips-Imbiss. Dort sollten die Mädels eigentlich nur sauber machen, nachdem sie das Brett mit den Stellenanzeigen für Nebenjobs dort kurzerhand geklaut hatten – um sich genug Geld für einen Trip nach Paris zu verdienen.  

Denn auch in Nordirland träumt man von der großen, weiten Welt. Allerdings passiert den eskalierend-trotzigen und genauso trinkwütigen Girls ein kleines Missgeschick und sie setzen die Wohnung der Imbissbesitzerin kurzerhand in Brand. Um ihre Schuld zu vertuschen, stellen sie mit ihren Müttern eben einen Einbruch mit Kidnapping nach – scheint schon vorstellbar in Derry. Dumm nur, dass sie dabei von der Imbissbesitzerin erwischt werden.  

Am eindrucksvollsten merkt man das historische Unterfutter der Serie aber in der vorletzten Folge der ersten Staffel. Dort plant die Familie von Erin einen Urlaub in der Republik Irland zu machen – um einer Demonstration der Protestanten in Derry zu entgehen. Denn die sorgt garantiert wieder für Ärger und Gewalt. Stattdessen geraten sie aber in einen noch viel größeren Schlamassel. Auf dem Weg nach Irland bemerken sie, dass ein Mitglied der radikalen und für viele Terroranschläge in Nordirland verantwortlichen IRA in ihrem Kofferraum hockt. Wenn sie ihn über die Grenze schmuggeln, riskieren sie es, für viele Jahre ins Gefängnis zu wandern.

Die ganze Familie diskutiert so amüsant über dieses ernste Thema, das man als Zuschauer selbst hin und hergerissen ist, welche Tragweite dieser Konflikt eigentlich hat. Und auf einmal wird einem als junger Mensch der in einer Zeit aufgewachsen ist, in der es nur die EU gab und man sich an die Troubles in Nordirland nur noch dunkel als Tagesschaumeldung erinnern kann, klar, in was für einer privilegierten Zeit wir doch leben. Und das all das mit dem Brexit wiederkommen könnte.  

Was die Serie darüber hinaus noch so toll macht, ist der wirklich großartige Soundtrack. Einen kleinen Vorgeschmack darauf hat Channel 4 selbst in einer Spotify-Playlist zusammengetragen. Die perfekte Mischung aus 90er Chart-Hits à la Ace of Base, Vanilla Ice, Right Said Fred und Co. All das an 90er-Nostalgie, was gerade wieder hoch kocht. Musikalisch als auch stilistisch. Derry Girls gibt uns einen kleinen Eindruck davon, woher die heutige Bricolage kommt.

Durchbrochen wird dieser bunte Mix vom Titelsong der Serie. Der ist zwar nicht minder ein Charthit in den 90ern gewesen, hat aber noch eine tiefere Bedeutung. Es ist Dreams von den Cranberries. Die nordirische Band hatte mit Zombies, ein Song über den Nordirlandkonflikt, ihren weltweit größten Hit. 

Dreams hingegen ist zarter und es könnte keinen Liedtext geben, der das Leben der Teenager in Derry besser auf den Punkt bringt: 

Oh my life is changing everyday  

In every possible way 

And oh my dreams 

It's never quite as it seems 

Never quite as it seems 

Ja, alles verändert sich – in Derry vielleicht noch radikaler als im verwirrenden Leben eines jeden Teenagers sonst. Nicht umsonst endet die erste Staffel eher nachdenklich. Die Familie sitzt vorm Fernseher, eigentlich bestens gelaunt – und sieht die Nachrichten: 12 Tote bei einem Bombenanschlag in Derry. 

Bei uns war die Serie des britischen Channel 4 in Zusammenarbeit mit Netflix erst seit Ende Dezember 2018 verfügbar. Gut ein Jahr später als der britische Serienstart. Spätestens jetzt aber sollte diese wundervolle und witzig erzählte Serie die Herzen aller Serienjunkies erobern. Sie schafft es, das Geschichte nicht langweilig ist. Und zeigt, welche Auswirkungen sie aufs Jetzt hat oder haben kann.

Und das Beste: Seit dem 5. März läuft auf Channel 4 und auf den englischsprachigen Netflix-Diensten die 2. Staffel der Sitcom. Hier gibt’s schon mal den Trailer:

Wir können also sehr bald weitersuchten.

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Quelle: Noizz.de