Nach „Bandersnatch“ hinterfrage ich aktuell meine eigene Existenz.

Die fünfte Staffel von der Netflix-Serie „Black Mirror“ ließ Fans wie mich in ungeduldiger Erwartung zappeln. Als endlich herauskam, dass die erste Folge davon am 28. Dezember erscheinen sollte und „Bandersnatch“ heißen würde, dachte ich in meiner naiven Vorfreude, dass ich bereit wäre.

Denn „Black Mirror“ hat mich bereits alles erleben lassen, von unausweichlichen Hetzjagden durch Roboterhunde, Mord-Eskapaden und Casting-Show-Zynismus war ich schon überall dabei – als Zuschauer. Doch bei der neuen Folge „Black Mirror“ bin ich viel mehr als nur Zuschauer. Ich werde Teil des Filmes. Und darauf komme ich momentan immer noch nicht klar.

„Bandersnatch“ spielt im Jahr 1984. Stefan ist ein junger Programmierer, der bei seinem Vater wohnt und von einer Firma den Auftrag bekommt, ein Spiel zu programmieren, dass auf dem Lieblingsbuch seiner Mutter basiert. Das Buch heißt „Bandersnatch“ und ist eine interaktive Geschichte.

Während der Erzählung kannst du selber entscheiden, wie die Story ausgeht, indem du dich zwischen verschiedenen Verläufen entscheidest. Stefan bekommt ein paar Monate, um das Spiel zu programmieren. Während seiner Arbeit an dem Spiel beginnt er, den Verstand zu verlieren.

Er versteht nicht mehr, was Realität ist, und was nicht.

Seitdem ich den „Bandersnatch“ gesehen habe, weiß ich das ebenfalls nicht mehr. Denn der Film ist anders als jeder andere Film, den ich je gesehen habe. Anstatt dich einfach hinzusetzen und den Film zu schauen, wirst du während des Spiels aufgefordert, für die Hauptfigur Stefan Entscheidungen zu treffen.

Vorsicht: SPOILER.

Sobald eine Entscheidung ansteht, bekommst du unter dem Film zwei Entscheidungsmöglichkeiten aufgeführt, zwischen denen du dich entscheiden musst.

Sugar Puffs oder Frosties? Foto: Netflix / Promo Netflix

Am Anfang ist das noch ganz harmlos, du entscheidest, welche Cornflakes Stefan zum Frühstück essen soll. Die Wahl liegt zwischen Sugar Puffs und Frosties, ich habe die Frosties gewählt. Nachdem du dich entscheidest, geht der Film nahtlos mit deiner Entscheidung weiter. Genial.

Später werden die Entscheidungen immer schwerer. Du entscheidest dich, ob Stefan ein Business-Angebot annehmen soll, ob er Medikamente nehmen soll, vom Balkon springen, oder ob er seinen Vater umbringen soll.

Das Ganze wird ziemlich abgefuckt, als Stefan merkt, dass du ihn kontrollierst.

Er geht zur Psychologin und erzählt ihr, dass er das Gefühl habe, jemand habe ihm seine Cornflakes ausgesucht. Stefan verkrampft sich, wenn du dich für ihn entscheidest, sich am Ohr zu kratzen und dreht später komplett durch. Er sagt, er hätte die Kontrolle über alles verloren und komme nicht mehr klar. Am Ende erzählst du ihm sogar, dass du von Netflix kommst, und Stefan dreht am Rad, weil er nicht checkt, was Netflix ist.

Seine Psychose fühlt sich an wie meine eigene Schuld

Zwischendurch wollte ich den Film oft ausschalten, weil es so wehgetan hat, Stefan wehzutun. Und für mich war alles nur ein Spiel, doch für Stefan war alles echt. Dabei ist doch Stefan selbst ja gar nicht echt! Doch irgendwann vergisst du das, während du vor deinem Bildschirm sitzt und siehst, wie Stefan mit sich hadert, weil du ihm befiehlst, seinen Computer zu schrotten.

Als der Abspann des Filmes beginnt, und ich zum ersten Mal wieder die Welt außerhalb meines Bildschirms registriere, brauche ich ein paar Sekunden, um klar zu kommen. Ich greife zu meiner Teetasse und fühle mich, als wäre es nicht meine Entscheidung, die Tasse zu greifen. Ich nehme mir etwas Zeit, um im Klaren darüber zu sein, dass ich mich noch in genau demselben Stuhl wie vor 90 Minuten befinde, als alles noch normal schien. Ich fühle mich albern, aber muss mir trotzdem sagen: „Meine Welt ist keine Simulation, ich treffe meine eigenen Entscheidungen“. Nach einigen Minuten finde ich mich dann wieder in der Realität ein.

Trost finde ich im Internet

Ein Ausflug auf Twitter offenbart mir: Ich bin in meinem Zustand nicht alleine. Ich entdecke mit diesen ganzen fremden Menschen eine Gemeinsamkeit: Eigentlich wollten wir alle nur Stefan helfen, ein gutes Videospiel zu programmieren.

Stattdessen ruinierst du unwillkürlich sein ganzes Leben.

Immer wieder schön, wie das Internet eine Herberge für alle deine Emotionen bildet.

Im Nachhinein denke ich, dass es nicht ganz normal ist, wie stark „Bandersnatch“ in meine Psyche eingreifen konnte. Der Film hat mich nicht in seiner Welt gefangen, sondern hat seine Welt an meine angebunden. Deswegen fühlte sich der Film so echt an. Es ist ein bisschen wie die ersten Sekunden nach dem Erwachen aus einem Traum, in denen du für ein paar Momente reflektierst, ob der Gedanke an deinen Traum eine reale Erinnerung ist oder doch nur ein Traum.

„Black Mirror“ hat mich abermals dazu gebracht, meine eigene Existenz zu hinterfragen. Das ist zwar unheimlich intelligent und innovativ gemacht, aber nichts für psychisch labile Köpfe. Wenn ihr also „Bandersnatch“ schaut, seid nicht high, mental angeknackst oder in einem sensiblen Headspace. Denn sonst wird euch der Film komplett weghauen. Das klingt vielleicht jetzt nach einem lustigen kleinen Trip, wird es aber nicht mehr sein, wenn ihr den Film zu Ende geschaut habt. Denn „Bandersnatch“ ist schon im normalen Zustand eine Herausforderung.

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Quelle: Noizz.de