Nein, es ist nicht "High School Musical 2.0" und ja, ihr solltet es bingewatchen. Jetzt.

Zehn Jahre. Zehn verdammte Jahre habe ich gebraucht, um die Serie zu entdecken, die der einzige Grund ist, warum Serien überhaupt existieren sollten. Der einzige Grund, warum man sich stunden-, nein, nächtelang vor den Bildschirm hocken sollte, bis die Augen tränen – und trotz grenzwertigen Schlafentzugs auf die nächste Folge klickt. Ich sage nur: "Glee".

Vier Buchstaben, die für mich gleich einer Offenbarung sind, seit Netflix die US-Serie diesen Sommer in sein Programm aufgenommen hat. Halleluja!

Zugegeben, die Story klingt erst einmal abgedroschen: Ein Haufen Außenseiter findet im nicht besonders angesagten Glee Club einer High School, also einer Art AG, in der Songs interpretiert und performt werden, Zuflucht. Mit der Zeit stoßen auch angesagte Cheerleader und einer heißer Quarterback dazu und siehe da: Alle freunden sich miteinander an und haben die Zeit ihres Lebens. Doch wer auch nur die ersten drei Minuten der Serie schaut, dem würde als aller-allerletztes das Wort "abgedroschen" in den Sinn kommen.

Was mich 2009, als die erste Staffel erschien, geritten hat, dieses Heiligtum an Filmkunst nicht sofort durchzusuchten, weiß ich nicht. Vielleicht die Verordnung meiner Mutter, nichts anderes als KiKA zu schauen. Egal. Das Einzige, was zählt, ist, dass ich mir jetzt meine Nächte damit um die Ohren schlagen kann.

Doch die Frage ist: Warum zum Teufel macht das nicht JEDER?

Warum gilt dieses Heiligtum als Abklatsch von "High School Musical", obwohl es so viel mehr zu bieten hat? Warum antworten meine Freunde auf meine Lobpreisungen mit "Ach, diese A-cappella-Serie für Kinder?" Da anscheinend viel zu viele Menschen Nachhilfe in Gleelogie brauchen, kommt hier die Rettung:

Mein Plädoyer für die beste Serie des Universums.

Nicht nur für Musik-Nerds

Erstens: Nein. "Glee" ist nicht nur etwas für musikverrückte Kinder. Die Themen, die die Serie anspricht, sind nicht nur gesellschaftskritisch, sondern klären auch über Dinge auf, die nicht nur Kinder unbedingt lernen sollten – sondern auch die meisten Erwachsenen. Bestes Beispiel: Die Story eines der Hauptcharaktere (und mein persönlicher Liebling), Kurt Hummel.

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Die Serie spielt an einer High School in der öden Kleinstadt Lima, Ohio – sprich: Am Arsch der Welt, wo auch entsprechend konservative Einstellungen herrschen. Besagter Kurt outet sich schon in einer der ersten Folgen als schwul und bekommt nicht nur Probleme mit seinem Selbstbild, sondern erst recht mit einigen seiner Mitschüler.

Wo bitte in "High School Musical" wird dem Zuschauer gezeigt, wie krass sich Mobbing auf die Psyche eines Menschen auswirken kann? Und wie sich Eltern in so einer Situation im besten Fall verhalten sollten? Und Mitschülerinnen und -schüler? Mhmm, wo? WO? Sag ich ja, nirgends. "Glee" macht das und noch auf so emotionale Weise, (ja, perfekt gesungene und choreographierte Song-Performances tragen ihren Teil dazu bei) dass man mitfiebert, als wäre Kurt der eigene beste Freund.

Aufklärung oder was?

Schulzicke Quinns ungewollte Schwangerschaft zeigt ziemlich deutlich auf, wie unaufgeklärt über Sex viele Jugendliche sind. Marleys Essstörung problematisiert übertriebene Schönheitsideale und Becky, die das Down-Syndrom hat, avanciert mit der Zeit zur ausgefuchsten Gegenspielerin – anstatt, wie so oft, als liebes Lämmchen dargestellt zu werden. Lese-Rechtschreibschwäche, Alkoholismus, Rassismus – kaum ein Thema, das "Glee" seine Figuren nicht durchleben lässt, um seine Zuschauer aufzuklären, zu sensibilisieren und ja, auch zu unterhalten.

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Alles weiße Amerikaner?

Zweitens: Zwei weiße Hauptcharaktere und eine paar Freunde of Color tänzeln im Hintergrund rum? Meeep. Nicht mit "Glee". Die Serie macht sich sogar über Filme dieser Art lustig. Im Fokus stehen zwar zunächst Rachel und Finn, beides weiße Amerikaner, im Laufe der Serie wird aber immer wieder Rachels Jüdischsein thematisiert. Dabei bleibt es aber nicht. Oft kommt es zu Dramen zwischen Rachel und der Afro-Amerikanerin Mercedes, die eine Stimme wie Tina Turner hat, aber fast nie die heiß begehrten Soli bekommt. Könnte man es als Spitze gegen Filme wie "High School Musical" sehen, in denen die Glanzauftritte unumstritten immer für die weißen Protagonisten reserviert sind, obwohl die Stimmen ihrer schwarzen Mitschüler oft um ein Vielfaches besser sind? Auf jeden Fall. Denn bei "Glee" ist alles eine Spitze gegen irgendwas. Zyniker und Gesellschaftskritiker welcome.

Bevor ich mich in den Tiefen des unergründlichen Gleeversums verliere und zehn weitere Gründe für die Einzigartigkeit der Serie aufzähle, sei nur noch dies gesagt:

Als allererste Serie, die ich schaue (und ich gucke regelmäßig Netflix leer), hat "Glee" es geschafft nicht vorhersehbar zu sein. Ich wiederhole es für alle verzweifelten Serien-Gucker: NICHT VORHERSEHBAR. Jede Folge schafft es mit einer mehr als unerwarteten Wendung, mich zum Weinen oder Lachen zu bringen – oft sogar beides gleichzeitig. Wie genial kann ein Drehbuch eigentlich sein? Die Antwort könnt – nein – müsst ihr euch selbst anschauen. Tut euch den Gefallen. Schaut. "Glee".

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Quelle: Noizz.de