Serien und Berlinale? Das geht sehr gut zusammen. Bei der diesjährigen Serienauswahl der internationalen Filmfestspiele ist auch Netflix vertreten – und zwar mit der Mysteryserie "Freud". Wie der Name erahnen lässt, geht es um den Psychoanalytiker Sigmund Freud – und es wird deep.

Keine Frage: Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime Video haben in den vergangenen Jahren nicht nur das Filmbusiness gehörig auf den Kopf gestellt, sondern auch unsere Sehgewohnheiten revolutioniert. Serien müssen sich in ihrer Ästhetik und ihren Erzählformen schon lange nicht mehr hinter großen Kinoblockbustern verstecken. Durch die serielle Struktur und Unterbrechungen ergeben sich völlig neue Muster.

Klar, dass das auch an den Filmfestspielen nicht vorbei geht. Bei der Berlinale findet deswegen schon seit nunmehr sechs Jahren neben dem Hauptwettbewerb auch die "Berlinale Series" als fester Programmpunkt statt. Dort wollen die Berlinale-Kuratoren auf die spannendsten und mitunter auch unkonventionellsten Serienproduktionen für das laufende Jahr aufmerksam machen. Dabei zeigt sich seit einigen Zeiten aber auch: Der sogenannte Mainstream ist gar nicht mehr so undivers, wie er sich früher oft gezeigt hat.

In der modernen Serienwelt finden vor allem Nischeninhalte ihren Platz und können sich zu echten Serienhits entwickeln. Im Series-Programm der Berlinale 2020, wo man die Folgen ausnahmsweise mal nicht auf dem heimischen Sofa sondern im Kinosessel auf der großen Leinwand anschauen kann, finden sich einige Perlen. Auch Netflix ist vertreten und zwar mit der ORF-Co-Produktion "Freud".

Hier gibt's schon mal den Trailer:

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Die Mysteryserie mit acht Folgen dreht sich, wie der Name vermuten lässt, um den Wiener Nervenarzt Sigmund Freud, der immerhin als Begründer der modernen Psychoanalyse gilt. Wer Angst vor Grusel, dem Spiel mit dem Unbewussten und Leerstellen hat, ist bei dieser Serie fehl am Platz. "Freud" ist eine Reise in das Unterbewusstsein der Wiener Millieus zum Ende des 19. Jahrhunderts hin, spielt mit Elementen des Horrors und einer düsteren Schauerromantik, wie man sie teilweise ebenfalls aus der Österreichischen Literatur dieser Zeit – etwa bei Freuds Weggefährten und Arztkollegen Arthur Schnitzler – kennt.

Die Serie spielt im Jahr 1886 in der Hauptstadt des Kaiserreiches, in Wien. Sigmund Freud steht da noch am Anfang seiner medizinischen Karriere und wird von den meisten als Spinner abgetan. Eine Seele, die etwas in unserem Körper auslöst? Was für ein Humbug! Diese damals verbreitete Lesart der Nervenheilkunde ist für uns im 21. Jahrhundert natürlich befremdlich, aber das ist einer der interessantesten Punkte an der Mysteryserie: Sie führt den Paradigmenwechsel gekonnt vor, etwas das man sich gar nicht mehr vorstellen kann. Durch die Grusel- und Horrorelemente zeigt sie aber auch, wie unheimlich die Vorstellung eines Unterbewusstseins damals gewesen sein muss.

Willkommen beim österreichischen "Sherlock Holmes" – wieso ist darauf eigentlich noch keiner eher gekommen?

Fleur, das Medium, bei einer ihrer – etwas gruseligen – Sessionen.

Wie gesagt: Für seine kuriose Idee des Unbewussten und den Einsatz von Hypnose wird er von seinen Kollegen belächelt und ausgegrenzt. Sein berufliches Ansehen steht auf dem Spiel, genau wie die Verlobung mit der geliebten Martha – eben weil alle denken: Der Freud, der spinnt. Ablenkung findet er trotzdem: Zum einen mit seinem Freund Arthur Schnitzler, der ihn immer wieder mitnimmt zu kokainberauschten Festen – Kokain war damals noch vollkommen legal und sogar eine Art Lifestylemedizin – der feinen Wiener Gesellschaft. Doch die wird von einer brutalen Mordserie erschüttert – in die auch Freud verwickelt ist.

Gemeinsam mit dem mysteriösen Medium Fleur, die glaubt, eine Verbindung zu den Mordopfern und Tätern aufbauen zu können, und dem kriegstraumatisierten Polizisten Alfred Kiss, versucht Freud die Strippenzieher hinter dem Verbrechen zu entlarven, das bis in die höchsten politischen Kreise Wellen schlägt – quasi ein österreichisches "Sherlock Holmes" mit ein bisschen mehr Nervenkitzel, Psychoanalyse, Traumdeutung und Koks sei Dank.

Die Rolle des Sigmund Freuds übernimmt Robert Finster, der auch schon in der Kultserie "Boͤsterreich" einen Gastauftritt hatte, sonst eher in Fernsehfilmen mitgespielt hat. Außerdem sind in weiteren Rollen Ella Rumpf, Georg Friedrich (der war übrigens genial als irrer Schuft in der ZDF-Serie "Morgen hör ich auf" mit Bastian Pastewka), Christoph Krutzler, Brigitte Kren, Anja Kling und Philipp Hochmair zu sehen.

Mystery made in Austria

Die Seele, wie eine Partie Schach

Im Gegensatz zu deutschen Produktionen pflegen Österreicher ja eher einen derben, düsteren, aber immer auch ur-komischen Ansatz zu pflegen. Das steht auch "Freud" gut und macht es etwas spezieller als die bisherigen deutschsprachigen Netflix-Originals. Regie führt der bereits mehrfach ausgezeichnete Marvin Kren, der gemeinsam mit Stefan Brunner und Benjamin Hessler auch für die Drehbücher sowie auch als Executive Producer verantwortlich ist. Showrunner hinter der Serie ist "4 Blocks"-Macher Marvin Kren.

Besonders einfach haben sie es sich mit dem Stoff nun wirklich nicht gemacht. Man braucht schon eine gewisse Faszination für das Fin de Siecle, das k.u.k. und den ganzen Psycho-Kram. Wer sich mit Freuds Biografie auskennt, wird viele Parallelen entdecken, die Leerstellen sind gespickt mit fiktiven Crime-, Mystery- und Horrorelementen, die nicht zuletzt auch Freuds medizinisches Fachgebiet beleuchten: die (meistens triebgesteuerten) Abgründe der menschlichen Seele.

"Freud" feierte zwar schon auf der Berlinale Weltpremiere, auf Netflix kannst du die acht Folgen der Mysteryserie aber erst ab dem 23. März sehen.

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  • Quelle:
  • Noizz.de