Toxische Männlichkeit, Feminismus, soziale Ungerechtigkeit – klingt erst mal nicht nach den Themen, die man mit einer Miniserie über die antike Varusschlacht im Jahr neun nach Christus zwischen Germanen und Römern in Verbindung bringt. Dass der Historien-Epos aus dem Hause Netflix mit stellenweisen "Gladiator"-Vibes tatsächlich ziemlich aktuell ist, hat uns Schauspieler David Schütter näher gebracht.

Hast du dich schon immer gefragt, wozu der Latein-Unterricht gut war? Netflix gibt dir die Antwort mit der Miniserie "Barbaren" – denn ja, kein Scherz: Teile der Serie sind in lateinischer Sprache. Aber keine Panik, es gibt Untertitel, nicht alle sprechen Latein und eine langweilige ZDF-History-Angelegenheit wird die Serie mit David Schütter ("4 Blocks"), Laurence Rupp ("Freud") und Jeanne Goursaud ("Der Lehrer") in den Hauptrollen auch nicht. Auch wenn man das bei dem ersten Blick auf die Handlung vielleicht vermuten könnte, denn es geht um die Varusschlacht.

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Eben jenem historischen Ereignis, das im neunten Jahr nach Christus irgendwo im Teutoburger Wald stattfand und dem römischen Heer unter Führung des Feldherren Varus gegen die germanischen Stämme unter Führung des germanisch-stämmigen Römers Arminius eine historische Niederlage einbrachte. Okay, ich komme schon zur Netflix-Serie. Eben weil die reinen historischen Fakten ein bisschen angestaubt sind, haben Showrunner Arne Nolting und Jan Martin Scharf (beide "Club der Roten Bänder") aus dem historischen Stoff eine Netflix-Serie gemacht.

Hier kannst du den Trailer zu "Barbaren" sehen:

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Und darum geht es in "Barbaren":

Die historischen Fakten sind also eigentlich klar, wir wissen, wer hier gewinnen wird – was kann "Barbaren" also spannend machen? Neben epischen Kampfszenen und ein bisschen Sex bedienen sich die Macher*innen der guten altern Vater-gegen-Sohn-meets-Heldenreise-Story. Das hat schon bei "Star Wars" funktioniert. Darth Vader ist hier der angesehene römische Feldherr Varus (Gaetano Aronica) und Luke Skywalker ist hier Arminius (Laurence Rupp), eigentlich Sohn eines Cherusker-Fürsten, der schon als Kind nach Rom gebracht wurde, um dort militärisch ausgebildet zu werden.

Womit wir auch schon beim spannenden Dreieck von "Barbaren" wären: Im Mittelpunkt stehen drei Kindheitsfreunde Thusnelda (Jeanne Goursaud), Fürstentochter und heimliche Geliebte von Krieger Folkwin (David) und eben Arminius, die durch ein tragisches Schicksal miteinander verbunden sind. Während die römischen Besatzer unter Statthalter Varus die germanischen Stämme erpressen, formiert sich bei den sonst verfeindeten Stämmen langsam Widerstand. Thusnelda und Folkwin beschließen, auf eigene Faust zu handeln und das Imperium zu demütigen – und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Um es gleich zu sagen: Solche antiken Historien-Dramen mit epischen Schlachtszenen sind ja absolut nicht mein Ding. Trotzdem hab ich "Barbaren" bis zum Ende geguckt und habe angefangen, alles rund um germanische Riten und die Varusschlacht an sich nach zu googeln. Ähnlich ging es auch David Schütter als er das Drehbuch von Arne Nolting und Jan Martin Scharf durchgearbeitet hat – was ihn sonst noch überrascht hat und wie ein muskelbepackter Germane auch seine sensible Seite zeigen kann, hat uns der Schauspieler im Interview verraten.

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David Schütter im NOIZZ-Interview: "Dieses Ganze 'Boys don’t cry' ist absoluter Scheiß"

Thusnelda und Folkwin in "Barbaren"

NOIZZ: Ganz ehrlich: Wie viel wusstest du noch von der Varusschlacht, bevor du das Drehbuch in der Hand hattest?

David Schütter: Fast nichts – ich kannte den Begriff "Varusschlacht", den Hermann oder eben auch Arminius. Und sonst hatte ich, wenn ich ehrlich bin, keine Ahnung mehr. Ich kann behaupten, jetzt mehr zu wissen als vorher!

NOIZZ: Eine Rolle mit Lerneffekt also für dich! Du spielst Folkwin – erkennst du dich selbst in ihm auch ein bisschen wieder oder ist er ein ganz anderer Typ als du?

DS: Es gibt schon Parallelen. Besonders in der Impulsivität und Ungeduld. Also manchmal einfach zu handeln, ohne groß über die Konsequenzen nachzudenken. Ich bin darin aber im Laufe der Zeit besser geworden – denn wenn du so handelst, vor allem verbal sehr impulsiv bist, zieht das oft auch ein paar kleinere Probleme mit sich.

NOIZZ: Folkwin verkörpert auf den ersten Blick einen starken Mann. Je mehr man aber von ihm kennen lernt, desto mehr bemerkt man, dass er auch sehr verletzlich sein kann und emotional handelt.

DS: Ja, das war mir ein großes Anliegen, dass man Folkwin so sieht. Es ist mir ein großes Anliegen, auch zu zeigen, dass Sensibilität ein sehr wichtiger Teil von Maskulinität ist.

Szene aus "Barbaren"

NOIZZ: Findest du solche komplexeren Darstellungen sollten öfter in Serien vorkommen?

DS: Ich finde einfach, wir zeigen das noch viel zu wenig. Das spiegelt auch nicht die tatsächliche Wahrheit wider. Ich kenne Männer, die sich überhaupt nicht schämen zu weinen – das ist überhaupt nichts Falsches dran, im Gegenteil, es ist sehr schön. Umso wichtiger, dass wir die Fahne für so etwas hochhalten, gerade auch in einer sonst so brutalen Serie wie "Barbaren". Dieses Ganze "Boys don’t cry" ist absoluter Scheiß.

NOIZZ: War es denn auch etwas anderes für dich, in so epischen Schlachtszenen mitzuwirken?

DS: Ja, das war schon eine ganz besondere Erfahrung. Wir hatten auch so wahnsinnig gute Stuntmänner und -frauen, von denen ich gar nichts wusste. Um dich herum standen 60 Leute, von denen ich dachte, es seien Komparsen, aber in Wirklichkeit waren das alles ausgebildete Stuntleute. Du konntest die Kamera einfach auf die draufhalten, auch wenn der Take längst vorbei war, sie konnten das Kampfgeschehen einfach weiterlaufen lassen – Dreck flog umher, ab und zu hast du die Kamera vergessen. Du wirst eins mit diesem Getümmel und deinem Kostüm. Wahnsinn war das.

NOIZZ: Was hast du bei der Vorbereitung zu "Barbaren" gemacht? Geschichtsbücher gewälzt und germanische Historienfestivals besucht?

DS: Mir hat tatsächlich die ganze Körperlichkeit viel geholfen. Mit seinem Körper verbunden zu sein – so ein Reit- und Stunttraining ist ja auch sehr intensiv, da nimmst du deinen eigenen Körper auf eine ganz andere Weise wahr. Die größte Herausforderung war aber nicht zu der Rolle zu kommen, sondern wegzukommen vom Digitalem sowie der Technik und hin zur Natur. Auch wegzukommen von der Tatsache, dass wir Geschichte drehen und im Moment zu bleiben und im Jetzt zu sein. Das war mir sehr wichtig. Ansonsten hatten wir auch – ich nenne sie immer "germanische Berater" –, Historiker vor Ort, die uns immer beratend zur Seite standen. Das waren echt wahnsinnige Jungs, die konnten sogar auf Altgermanisch singen! Ich habe das nicht hinbekommen, mit dem Singen tue ich mich immer etwas schwer.

Folkwin (David Schütter) im Kampf

NOIZZ: War vielleicht auch gerade der Kontrast zwischen dem sehr Körperlichen und der sensiblen Seite das besonders Reizvolle an Folkwin für dich?

DS: Total! Ich habe das nicht direkt so gelesen. Aber ich durfte es dann so spielen und das war sehr reizvoll. Auf der anderen Seite – und das ist mir so richtig erst im Nachhinein aufgefallen – fand ich es wahnsinnig faszinierend, wie aktuell diese Geschichte ist. Die Unterdrückung schwächerer Völker, Zwangshochzeiten – zu sehen, wie sehr wir uns in all den tausend Jahren weiterentwickelt haben und in manchen gesellschaftlichen Bereichen aber überhaupt nicht, ist schon aufregend. Allein der Fakt, dass es immer noch Privilegien gibt, in die du nur hinein geboren werden kannst! Wie aktuell diese Fragen heute noch sind und wie wichtig es ist, noch zivilen Ungehorsam stattfinden zu lassen, sehen wir zum Beispiel in der Black-Lives-Matter-Bewegung. Ich finde es auch wichtig und mutig, dass wir in "Barbaren" die Frauenrolle in eine bestimmte Machtposition gestellt haben. Es fühlt sich gut an, dass in dieser ganzen Männerwelt Thusnelda so einen großen Anteil daran hat, dass am Ende das römische Heer besiegt wird.

NOIZZ: Als ich die Serie geschaut habe, hatte ich auf einmal eine Menge Fragen in meinem Kopf: Wie haben Germanen überhaupt gelebt, welches Frauen- und Männerbild hatten sie – auch, wie sich Liebe dort zeigt. Hat dich das auch überrascht?

DS: Na ja, ich finde, die Liebe ist dort sehr spannend – da geht es nicht darum, wer küsst wen. Liebe ist immer unmittelbar verknüpft mit Machtstrukturen. Auf einen Kuss folgt immer ein Schlag. Auch ähnlich spannend ist, welche Rolle Propaganda schon damals gespielt hat. Alleine der Begriff "Barbaren": Die Römer nutzen den Begriff, um die Germanen als Bürger zweiter Klasse zu verallgemeinern. Es kommt ursprünglich aus dem Altgriechischen und bedeutete "Stotterer", also jeder, der nicht deine Sprache gesprochen hat. Die antiken Griechen nannten zuerst die Römer so. Das ist auch eine gewisse Art zu diffamieren. So was findet auch heute statt: Was wir als "Terrorist" bezeichnen, nennen andere "Freiheitskämpfer".

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NOIZZ: Das Thema "Varusschlacht" ist für eine deutsche Produktion natürlich nicht ganz unproblematisch … das Kaiserreich und Nationalsozialisten haben darum einen Gründungsmythos kreiert, der fast schon zum Kult wurde. Hat dieses problematische Spannungsverhältnis für dich eine Rolle gespielt?

DS: Man darf diesen Leuten keinen Platz geben und dazu gehört unter anderem sie sich nicht Kultur, Religion und Geschichte aneignen zu lassen. Natürlich hat es für mich schon eine Rolle gespielt, dass ich wusste, es gibt Rechte, die gehen zur Hermannstatue und sehen das als ein Götzenbild. Aber ich sage da ganz klar: Die können sich ficken. Wir werden nicht euer Symbol sein, auf dass ihr euch für eure Herkunft oder eure Genetik beziehen könnt. Ich kann es nicht anders sagen. Am Ende sind die ganzen Rechten, die "Barbaren" einschalten, ganz enttäuscht: Frauen spielen eine ganz entscheidende Rolle, ihr germanischer Krieger ist viel zu sensibel.

Von "Barbaren" auf Netflix gibt es sechs Folgen, die du ab dem 23. Oktober streamen kannst.

  • Quelle:
  • NOIZZ