Warum unser Teenie-Ich Netflix' „Sex Education“ früher nötig gehabt hätte

Genna-Luisa Thiele

Popkultur, Psycho
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Junge Erwachsene auf der Suche nach Sex, der Spaß macht Foto: Instagram / Netflix

Der Hype ist berechtigt.

Wenn sich Mittzwanziger plötzlich die komplette erste Staffel einer Netflix-Teenie-Serie in einer Nacht am Stück reinziehen und danach begeistert Freundinnen, Kollegen, Cousins und Nichten mit dem „Stoff“ anstecken, muss der Streaming-Dienst den Nerv nicht nur einer Generation getroffen haben.

So passiert mit der neuen Produktion „Sex Education“. Sex sells?

Auch.

Aber die Serie, die der Anbieter selbst mit den Attributen „anzüglich“ und „herzergreifend“ beschreibt, drescht nicht platt auf Schlafzimmer-Klischees ein, sondern behandelt herrlich unaufgeregt alle Themen, die die aktuelle Bewegung zur sexuellen Selbstbestimmung so berühren. Auf eine sexy Art aufklärend.

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Aber erstmal eine kurze Einführung, worum es überhaupt geht:

Dr. Jean Milbourn ist so etwas wie ein Sex-Guru. Ihre Patienten gehen drauf ab, ihr Sohn Otis dagegen ist dadurch eher verklemmt, peinlich berührt und offensichtlich genervt. Bis ihm Außenseiterin Maeve einen Deal vorschlägt. Ihre Devise: Nutz' deine Scham doch als Stärke und mach' ein lukratives Geschäft draus. Und zwar so: Als quasi Teenie-Sex-Therapeut an der eigenen Highschool die Mitschüler zum Thema Sex, Orgasmus und #MeToo beraten.

Das Geniale: Es gibt anscheinend keine Tabus! In den ersten sechs Folgen geht's bereits richtig zur Sache. Kotzen nach dem Blowjob? Läuse nach dem Sex? Kein Orgasmus, noch nie masturbiert, Angst vor Analsex oder Probleme, abzuspritzen? Otis lernt, genau solche schambehafteten Erfahrungen mit einer Engels-Geduld, beißendem Witz und klugem Gespür zu beantworten. Auch ernstere Aspekte wie Abtreibung, Einwilligung und Stalking kommen zur Sprache. Und wenn er etwas nicht weiß, schlägt er heimlich in den Sex-Ratgebern seiner Mutter nach, die es derweil ihrem Handwerker besorgt.

Und wenn du jetzt Angst hast, die Charaktere wären weltfremd oder überzeichnet und das Angucken reine Zeitverschwendung – keine Sorge. Wir haben die Serie auf Bettpfosten und Laken geprüft und sind super angetan. Wir sind damit nicht alleine: Auch in unserer NOIZZ.de-Facebook-GruppeSüchtig nach Seriengeht „Sex Education“ gerade steil. Viele Mitglieder der Community feiern die Schauspieler, Sex-Szenen und anregenden Info-Elemente. Altersunabhängig! Steig' du gerne auch hier mit ein in die Diskussion.

Aber warum ist die Netflix-Serie genau der Stoff, den wir als Jugendliche schon gebraucht hätten? Auf jeden Fall toppen die Infos locker alles, was du auf dem Schulhof im Flüsterton von Freunden über Sex gelernt hast, den spröde-trockenen Sexualkunde-Unterricht sowieso und den soften Versuch deiner Eltern, dich aufzuklären und vor Teenie-Schwangerschaften und Syphilis zu bewahren.

Was genau die Sex-Krankheit mit „S“ mit deinem Geschlechtsteil macht? Siehste. So am Start mit Wissen rund um die „schönste Nebensache der Welt“ sind wir leider oft gar nicht. Auch heute nicht. Als Erwachsene, die es sich gerne besorgen (lassen). Leider sind wir selten so mutig und frei mit unserer Lust, unseren Vorlieben und unserer Sexualität, wie wir tun.

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Die Macher von „Sex Education“ wissen das anscheinend. Deshalb sind die Rollen in der Serie nicht die supertaffen, sexuellbefreiten Menschen voller Vertrauen in sich und ihre Sex-Fähigkeiten, sondern Menschen wie du und ich. Die Sex wollen, aber manchmal nicht wissen, wie man den Sex kriegt, den man will. Die unsicher sind, was sie befriedigt. Die verzweifeln, weil sie mit der Verurteilung im nahen Umfeld nicht umgehen können. Wenn der Orgasmus nicht kommt oder man zwei Menschen liebt oder mehrere potenzielle Partner attraktiv findet. Wenn die eigene Lust anders ist als die der Mitmenschen – langsamer, verrückter, härter, Gender-fluid.

Das macht die Charaktere so nahbar. Es ist superleicht, sich mit ihren Schwierigkeiten zu identifizieren, aber auch mit der teils sehr lustigen, sehr emotionalen Art, sie zu überwinden. Und der Cast ist wirklich großartig: weitestgehend unbekannt, jung und aufstrebend oder älter und schon lange im Business. Otis und Maeve, Dr. Jean, Eric, Adam und Jackson, Ruby und Jacob, Aimee, Anwar und Ola. Wie die Namen der Rollen schon verraten, sind die Schauspieler*Innen divers, wobei der Background nur in sinnvollen Szenen im Fokus steht.

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Männer und Jungs dürfte es überraschen, dass die männlichen Hauptrollen endlich mal nicht Schwarz-Weiß gedacht sind. Adam ist ein gutes Fallbeispiel für toxische Maskulinität, dessen schlechtes Vorbild sein Schuldirektor-Vater ist. Jackson ist DER Profi-Schwimmer der Schule, zerbricht insgeheim aber fast an dem Druck und will ausbrechen. Otis ist schlau, irgendwie beliebt und andere Mitschüler finden ihn ein bisschen schräg. Seine Unsicherheit macht ihn sympathisch, obwohl er gerne cooler wäre.

Auch weibliche Zuschauer können sich freuen, weil viele starke Frauen in der Serie porträtiert werden, die widersprüchlich handeln und sich trotz ihres Strebens nach (sexueller) Unabhängigkeit auch verletzlich und romantisch zeigen. So wie wir eben. Ein Paradebeispiel: Die rebellische Schülerin Maeve, die in einem Trailer lebt, weil ihr Vater sie früh verlassen hat und die Mutter ihr Drogenproblem nicht in den Griff kriegt. Sie liest feministische Literatur und hört Punkrock, verliebt sich aber so halb in den auf den ersten Blick aalglatten Spitzensportler Jackson. Ach, und ihren Mittelfinger-Mood teilen wir oft.

Die LGBTQ-Community wird sehr schön differenziert dargestellt. Die Situationen, in denen sie aufgrund ihrer Sexualität straucheln, werden aber ohne Kitsch gezeigt. Etwa als der schwule Eric (Achtung, Mini-Spoiler) wegen seiner Drag-Queen-Verkleidung eines Abends von einem Autofahrer ins Gesicht geschlagen wird, was ihn mehr traumatisiert, als er zugeben mag. So gutmütig, stolz und feinfühlig, wie Eric zu seiner Homosexualität steht, geht Anwar (ja, es gibt tatsächlich weitaus mehr als eine schwule Rolle, props for that) damit wesentlich anders um. Er ist der fiese Schwule, der mit Schlagfertigkeit unter der Gürtellinie versucht, sich selbst zu schützen. Ein durchaus realistischer Mechanismus.

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So voyeristisch oder unangenehm Porno, wie Sex oft nur über unsere Laptop-Bildschirme flirrt, sind die Szenen aus „Sex Education“ ein richtiger Kick. Mehr davon, Netflix!

Quelle: Noizz.de