"Vor mir sah ich schon die Schlagzeilen: Zwei Mädchen in Sri Lanka zu Tode verurteilt – wegen 50 Gramm Marihuana."

Hannah und Lara* sind 2013 einige Monate zusammen in Indien herumgereist. Zwischen Ashrams, Bauernhöfen und billigen Hostels reisten sie durch das Land und lebten von ihrem Ersparten und kleinen Gesten – und dann plötzlich zwischendurch auch mal von Drogen. NOIZZ erzählte Hannah nun die Geschichte, wie sie aus Versehen Drogen-Dealer in Sri Lanka wurde, wo Drogenschmuggel in bestimmten Fällen unter der Todesstrafe steht.

"Eins werde ich an der Geschichte nie vergessen: Als Lara und ich endlich auf dem Festival in Sri Lanka angekommen waren, kam ein schmieriger Typ zu mir und sagte, "Ja Mäuschen, wo glaubst du eigentlich kommen die ganzen Drogen her, die du konsumierst? Die waren alle schon mal in dem Arsch von irgendjemandem drin" und ich merkte, wie wahr das normalerweise war. Außer bei Lara und mir. Dort kamen sie einfach aus einer orangenen Plastiktüte aus der Seitentasche unseres Rucksacks.

Aber ich muss von vorne anfangen. Ich war mit meiner Freundin Lara einige Monate in Indien. Wir reisten mit zwei Rucksäcken, trugen für neun Monate dieselben vier Oberteile und genossen unsere Freiheit. Irgendwann landeten wir auf einer Farm in einem Ashram, wo wir einem Bauern morgens beim Melken halfen und dafür umsonst wohnen und essen durften.

Bei unserer Weiterreise wollte uns der Kuh-Bauer für unsere harte Arbeit Dankbarkeit zeigen und gab uns eine riesige orangene Plastiktüte als Geschenk. Die Tüte war voller Gras und wir hätten nie daran gedacht, sie nicht anzunehmen. Irgendwann probierten wir, es zu rauchen, aber es war vollkommen ungenießbar, also verstauten wir es in einer Seitentasche von Laras Rucksack, bis wir vergaßen, dass es überhaupt da war.

Zwei Monate später wollten wir nach Sri Lanka für ein Festival reisen. Alles ging reibungslos, wir checkten ein, gingen durch die Security, boardeten das Flugzeug und landeten einige Zeit später sicher in Sri Lanka. Wir standen in der Schlange zur Passkontrolle als ein riesiges Schild meine Aufmerksamkeit erregte: "Drogenschmuggeln steht in diesem Land unter Todesstrafe".

Ich stand dort in der Schlange und sah mir gedankenverloren meine Umgebung an. Mein Blick wanderte zu Lara, dann auf ihren Rucksack – und entdeckte eine fette orangene Plastiktüte in ihrer Seitentasche stecken.

Panik auf der Titanic, ich drehte mich panisch zu meiner Freundin um und versuchte ihr stammelnd die Situation zu erklären. "Lara, wir können nicht … guck doch mal auf deine … Gras in deiner Tasche … Wir müssen zurück, jetzt, sofort!" Aber Lara war die Ruhe selbst. "Hannah, reg dich verdammt noch mal ab. Chill. Du musst dich jetzt entspannen. Es gibt jetzt kein Zurück mehr. Mach keine Szene und bleib cool".

Ich habe kein Pokerface so wie Lara. Trotzdem versuchte ich, mich zu beruhigen und nicht so auffällig zu sein. Die Schlange wurde immer kürzer und wir rückten immer näher zur Pass-Kontrolle. Schließlich waren wir dran. Wir zeigten dem Beamten unsere Pässe. Vor mir sah ich schon die Schlagzeilen: Zwei Mädchen in Sri Lanka zu Tode verurteilt – wegen 50 Gramm Marihuana.

Ich wollte nicht sterben. Nicht für eine Tüte voll scheiß, ungenießbarem Gras.

Doch dann geschah das Unfassbare. Der Typ an der Passkontrolle nahm einfach seinen Stempel, drückte ihn auf unsere Pässe, und sah uns genervt an, warum wir nicht schon den Weg für die Nächsten freimachten. So liefen wir mit unserer Einkaufstüte Gras am helllichten Tag aus dem Sicherheitsbereich des Flughafens in Sri Lanka.

Später, als wir auf dem Weg in die Stadt waren, hatten wir eine Realisation. Das, was wir da hatten, musste in diesem Land wohl einiges wert sein. Schließlich war Drogenschmuggel in Sri Lanka offensichtlich nicht der angenehmste und sicherste Beruf. Während in Indien das Gras am Straßenrand wächst, war es in Sri Lanka ein wertvolles Besitztum.

Also entschieden wir uns, ein wenig Profit von dem Gras zu machen. Am Strand fanden wir ein paar Hippie-Touristen, die uns das Gras abnahmen. 50 Gramm vom billigsten Gras hätten mir in Berlin um die 200 Euro eingebracht. In Sri Lanka brachte es uns einige Geldsorgen-lose Tage ein. In Sri Lanka lebten wir plötzlich wie die privilegiertesten Trustfund-Rachels dieser Welt.

Als ich meiner Mutter mein Erlebnis Jahre später bei Kaffee und Kuchen als lustige Anekdote zum Besten gab, bedankte sie sich, die Geschichte erst jetzt gehört zu haben.“

Protokolliert von Luisa Hemmerling

*Namen von der Redaktion geändert

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Quelle: Noizz.de