Die neue Netflix-Doku-Serie "La Línea" zeigt Polizisten vier Folgen lang bei ihren Ermittlungen gegen den Castaña-Clan an der spanischen Küste. Aber ist der andalusische Ort La Línea wirklich, wie Netflix behauptet, (nur) "eine Hochburg des Drogenschmuggels"?

Hash. Tabak. Koks. Mit einer Einwohnerzahl von rund 62.000 kennt man La Línea de la Concepción – wenn überhaupt – als scheinbar unauffälligen Küstenort mit kilometerlangen Stränden. Dass hier der "Drogen-Hotspot" Europas sein soll, wo der Castaña-Clan herrscht, merkt man während des Spanienurlaubs in Andalusien erst einmal nicht. Dabei kommen etwa 40 Prozent aller Drogen in Spanien hier ins Land, wie "Der Spiegel" berichtet.

Jetzt will die Netflix-Dokumentation "La Línea: Im Schatten der Drogen" das Geheimnis um das südspanische Schmuggel-Phänomen lüften.

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Von Küstenstadt zu "Drogen-Hotspot"?: Netflix-Doku klärt auf

Wie verwandelt sich eine Stadt in ein Zentrum des Drogenschmuggels? Obwohl ich eher selten Dokus schaue, mache ich bei "La Línea" eine Ausnahme, denn ich habe eine persönliche Verbindung zu der Stadt: eine Freundin, die im benachbarten Gibraltar lebt. Wir gucken uns die Serie in einer Watch-Party an – zusammen mit einem Freund, der seine Masterarbeit über La Línea und Gibraltar geschrieben hat.

Laut Netflix gilt als erstes: "Location, location, location." Knapp 30 Kilometer von der spanischen Stadt entfernt liegt Marokko, der größte Hasch-Produzent der Welt. Um den Rausch über die Straße von Gibraltar zu schmuggeln, bedarf es nur ein paar Schlauchboote. Gleich in den ersten paar Minuten der Serie sieht man, wie eines von ihnen vollbeladen an ein paar stehpaddelnden Jugendlichen vorbei rast. Auch Tabak wird so vom afrikanischen Kontinent auf die iberischen Halbinsel transportiert. Und dann gibt es noch das Kokain, das in Schiffscontainern aus Südamerika über die Hafenstadt Algeciras Europa erreicht.

Zweiter Faktor: Die Arbeitslosigkeit in La Línea liegt im Schnitt bei 32 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in manchen Teilen noch höher – bei 70 bis 80 Prozent.

Viele haben keine Grundschulausbildung, geschweige denn einen Hochschulabschluss. Dadurch ist die Verlockung groß, als Späher, Schmuggler oder Dealer schnell Geld zu verdienen. Die meisten arbeiten für die Castaña-Brüder Antonio und Francisco Trejón. Über die Zeit sind aber auch andere Drogenschmuggler herangewachsen. Oft als Polizisten verkleidet, klauen die sogenannte "Paleros" von den Geheimvorräten des Castaña-Clans und versuchen, die Drogen selbst zu verkaufen. Dadurch ist die Gewalt in der Stadt eskaliert.

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Von Anfang an sind meine zwei Watch-Party-Genoss*innen der Netflix-Serie gegenüber negativ eingestellt. Dabei hat meine Freundin aus Gibraltar einmal selbst während eines Klassenausfluges in La Línea de la Concepción erlebt, wie Männer mit Kisten in den Armen an ihr und ihren Mitschüler*innen vorbeigerannt sind. Ein paar Minuten später tauchte die Polizei auf und fragte die Kinder nach den Männern.

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Die Empörung der beiden beruht darauf, dass der Fokus der Netflix-Doku nicht unbedingt die wahre Gemeinschaft von La Línea darstellt: Die Einwohner*innen wüssten zwar von dem Drogenschmuggel in der Stadt, aber das normale Leben ginge für sie trotzdem weiter. Sprich, die Menschen gingen in den Laden, zur Arbeit – selbst an den Strand, ohne sich gleich Sorgen zu machen, dass sie dem Castaña-Clan in die Quere kommen.

In der Netflix-Doku kommt diese Perspektive nur einmal kurz zur Geltung – und zwar erst in der vorletzten Folge. In einem Interview erzählt eine Einwohnerin: "Es ist bedauerlich, dass im Fernsehen nichts über unsere Strände, die Fischerei oder unsere Gastfreundschaft kommt, sondern nur Berichte über Drogen und Arbeitslosigkeit."

Irgendwie ironisch, dass Netflix dieses Aussage zwar mit in die Doku nimmt, selbst aber nicht nach ihr handelt. Und so bleibt die Doku streckenweise zwar interessant, stellt aber nur eine Seite der Medaille nach. Eine vertane Chance.

  • Quelle:
  • Noizz.de