Seit 30 Jahren sind wir ein Land – und trotzdem wissen wir über manche Dinge im Osten ziemlich wenig. Zum Beispiel darüber, welche Trips in der DDR überhaupt möglich waren. An welchen Stoff kam man trotz harter Drogenpolitik easy und an welchen nicht?

Es gib eine Szene in Leander Haußmanns Kult-Komödie "Sonnenallee", die mir ganz besonders hängen geblieben ist: Da mischen sich Micha, Wuschel und Co. bei einer Hausparty in einer Ostberliner Altbauwohnung 1973 eine ganz besondere "Besatzerbrause" zusammen: Club-Cola, ein Tee aus Schachtelhalm, Tollkirschen, Stechapfel und Engelstrompete, dazu ein bisschen Wodka – und fertig war die "high machende" Plörre Marke Eigenbrau, die natürlich rein gar nichts mit den Protagonist*innen anstellte, außer sie vielleicht ein bisschen paranoid und betrunken werden zu lassen.

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Als unwissender Teenager stellte ich mir aber da schon die Frage: War es damals vielleicht wirklich so, wenn man seinen Spaß haben wollte – nahm man das, was man hatte, experimentierte munter drauflos und schaute, was passierte?

Wenn man heute, rund 30 Jahre nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik, an diesen sozialistischen Staat denkt, fallen einem neben Bananenwitzen und Trabis vor allem lange Schlangen, Mangel und viel Improvisation ein. Also gut vorstellbar, dass Drogen eher einer naturbasierten Kräuterküche entsprachen, oder aber – der starken Chemieindustrie sei Dank – aus Schnüffeln, Klebstoffen und Lacken oder dem besten aus der ostdeutschen Pharmazie bestand.

Doch was warfen sich die "Ossis" wirklich ein?

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Man kann ja viele Klischees haben, oft entsprechen sie der Wirklichkeit aber nur zum Teil. Wenn man den offiziellen Berichten und Zahlen der DDR-Behörden glauben würde, gab es zwischen 1949 und 1990 keine illegalen Drogen im sozialistischen Vorzeigestaat – außer vielleicht Alkohol. Davon hatte man mehr als genug, und er war günstig: Schnaps, Wein und Bier. Das war zwar alles nicht illegal, half aber anscheinend sehr gut dabei, der Realität des DDR-Regimes zu entkommen.

Zwar wurde propagiert, dass Alkoholismus im Sozialismus gar nicht sein kann, weil er ein "Überrest des Kapitalismus" sei. Trotzdem war der Pro-Kopf-Verbrauch der DDR-Bürger*innen vor allem bei harten Getränken extrem hoch: 1988 trank statistisch gesehen jeder 23 Flaschen Schnaps pro Jahr. Das war doppelt so viel wie die westdeutschen Genoss*innen konsumierten. Feucht-fröhlich war es auf DDR-Partys schon mal. Aber das kann ja nicht das Einzige gewesen sein.

Kein harter Stoff für die DDR

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Drogen wie Cannabis und Heroin waren ein Tabu – schließlich gab es offiziell auch gar keinen Zugang zu dem Zeug. LSD und Heroin gab es nicht, geschweige denn eine richtige Drogensubkultur wie in anderen europäischen Staaten. Es existierten auch keine Hinweise auf einen illegalen Markt für die Substanzen oder Rohopium, wie etwa die Kulturwissenschaftlerin Anna Hunger von der Universität Leipzig in ihrem Essay "Der Konsum von Drogen in der DDR und Gründe für den Nichtgebrauch illegaler Drogen" festhält.

Der Arbeiter- und Bauernstaat war isoliert von den Opiaten aus Afghanistan und dem Koks aus Lateinamerika. Wenn mal etwas davon ins Land kam, dann über West-Berlin. Im sozialistischen Menschenbild war Rausch wenig tugendhaft und brachte nichts außer Zerstörung. Nachrichtenberichte der "Aktuellen Kamera" stellten die offiziellen Drogenstatistiken aus der BRD so negativ da, dass der Kapitalismus alleine daran schuld war. Kein Wunder also, dass viele DDR-Bürger*innen ihren ersten Joint zur Wendezeit 1989 rauchten – obwohl es Ausnahmen gab.

Auch wenn viele es nicht glauben, die DDR-Jugend hatte in Städten wie Berlin, Leipzig und Dresden eine sehr rege Subkultur-Szene: Blueser, Punks, Gruftis, Breakdancer und Graffitikünstler*innen grenzten sich vom gewünschten FDJ-Bild einer sozialistischen Jugend ab. Oft spielten sie Konzerte in Kirchen, trafen sich danach zu Hause in Wohnungen, veranstalteten dort Partys und nahmen auch Drogen. Darüber berichtet zum Beispiel Punkerin Angela Kowalczyk in ihren Interviewbänden "Punk in Pankow" und "Wir haben gelebt!" über die Szene in den 1980er Jahren. Was sie sich da allerdings so genau zugeführt haben, bleibt ihr Geheimnis.

Weit verbreitet war in der DDR hingegen der Missbrauch legaler und verschreibungspflichtiger Medikamente

Das war ähnlich wie bei Alkohol: nicht so auffällig und gesellschaftlich toleriert – muss ja einen Grund haben, wieso man das Medikament nimmt oder verschrieben bekommen hat. Besonders häufig und in hohen Dosen wurden Schlafmittel und Tranquilizer, also Beruhigungsmittel, konsumiert. Über Schwarzmärkte in den Ballungszentren der DDR und vor allen in eingängig bekannten Gaststätten auf der Karl-Marx-Allee in Berlin war es auch möglich, aus Kliniken abgezweigte Opiate zu bekommen, wie etwa das Heroin-ähnliche Opiat "Dolcontral".

Wer in der Nationalen Volksarmee (NVA) war, konnte sogar an Crystal Meth kommen: Bis 1988 belieferten die Temmler-Werke die NVA mit den "Muntermach-Pillen" Pervetin, die auch Hitler schon seiner Armee im Zweiten Weltkrieg gab. Auch DDR-Leistungssportler verwendeten es als Dopingmittel. Als rezeptpflichtiges Medikament verschwindet Pervitin erst Ende der 80er-Jahre vom ostdeutschen Markt. Obwohl die Droge schon damals in Zeiten des Kalten Krieges in Tschechien illegal produziert wurde, kam sie damals nicht aus dem sozialistischen Bruderland in die DDR.

Die Grenzkontrollen waren so krass, das einfach nichts durchkam – außer die Stasi wollte es. Über welchen Drogenfundus die Stasi verfügte, sieht man gut in Serien wie "Deutschland 83, 86, 89". In der gerade auf Amazon Prime angelaufenen dritten Staffel, die zur Wendezeit spielt, kann man zumindest sehen, wie HVA-Agent Martin Rauch ein paar Magic-Mushrooms von der RAF untergejubelt bekommt. Schmuggel aus dem Westen war zumindest also in den Endzeiten der DDR nicht ganz so unwahrscheinlich.

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Eine eher subkulturelle, aber besonders unter Heranwachsenden verbreitete Variante des Drogenkonsums war der eingangs erwähnte Missbrauch von Schnüffelstoffen. Gemäß einiger Blog- und Foreneinträge war der wohl beliebteste Riech-Kick der Fleckentferner "NUTH". Den konnte man wohl fix Mutti aus der Waschküche stehlen, und er bestand aus chlorierten Kohlenwasserstoffen, die einen einfach ein bisschen benebelten. Gesund war das natürlich nicht.

Gab es in der DDR denn kein Cannabis?

Gras im Garten – in der DDR nicht so unüblich.

Ob ihr es glaubt oder nicht: THC-haltiges Weed war in der DDR eigentlich nicht zu bekommen. Ich sage "eigentlich", denn es gibt eine Ausnahme: der Nutzhanf. In der DDR arbeiteten fast elf Prozent aller Menschen in der Landwirtschaft, und es wurde auch Hanf angebaut. Um Fasern daraus zu gewinnen, Samen, Öl, Mehl. Im Gegensatz zum heutigen Nutzhanf, der in der EU maximal einen Wirkstoffgehalt von 0,3 Prozent haben darf, trumpfte der DDR-Hanf mit ein bis zwei Prozent Cannabidiolen auf. Regelmäßig wurde auf den Feldern für den individuellen Eigenbedarf geklaut – und anschließend geraucht. Manch eine*r baute es sich auch selbst im Kleingarten oder auf dem Balkon an.

Das Zeug soll wohl ziemlich ungenießbar gewesen sein, aber wenn man eben nichts anderes hat, wird man erfinderisch. Rauchen gehörte in der DDR sowieso zum Volkssport, Nikotin bekam man ziemlich easy – sogar feine Zigarren aus Kuba.

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Trotzdem ging der Run auf die Drogen erst so richtig nach der Wende los

Der Mauerfall brachte auch die Drogen ins Land.

Tatsächlich muss man also sagen, dass die Bürger*innen der DDR im Großen und Ganzen ziemlich abstinent waren, von Alkohol und Tabak einmal abgesehen. Keine LSD-Hippies in den Siebzigern, nur die Ost-Berliner*innen hatten manchmal das "Glück", an ein bisschen Hasch oder Gras zu kommen. Dass es keine harten Drogen in der DDR gab, heißt aber nicht, dass die Menschen dort nicht wussten, dass es Derartiges gibt.

Diese erschreckende Erkenntnis entlud sich in den frühen Neunzigern. Plötzlich gab es auch im Osten all das, was es vorher nur im "Goldenen Westen" gab: Koks, MDMA, LSD und Heroin inklusive. Vor allem in der Techno-Szene des wiedervereinten Berlins zeigte sich das. Aber nicht nur Subkulturen und Party-Szenen nutzten die Drogen.

Als sich die wirtschaftlichen Probleme in den neuen Bundesländern verschärften und aufgrund der Treuhand-Privatisierung Millionen Menschen ihre Arbeit verloren, wollten viele einfach nur vergessen. Sie probierten Drogen aus. Das erste Mal in ihrem Leben. Ein exemplarisches Beispiel ist hier Chemnitz: Der Ex-Industriestandort war besonders stark von den Veränderungen der Wendezeit betroffen. Seit den Nullerjahren gilt die Erzgebirgsstadt als Crystal-Meth-Hauptstadt Europas, wie die "Berliner Zeitung" berichtet.

Das "European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction" zeigte 2017, dass im Vergleich von 60 Städten in der EU in Chemnitz die meisten Rückstände von Methamphetamin im Abwasser gefunden wurden.

Es ist die Schattenseite der Wende, die viele Menschen in noch tiefere Abgründe gerissen hat, als es die Arbeitslosigkeit alleine getan hat. Neben all der Freiheit.

  • Quelle:
  • Noizz.de