In der YouTube-Serie "Shore, Stein, Papier" rollte Ex-Junkie $ick sein Leben als Drogensüchtiger und Krimineller komplett von vorne auf und faszinierte mit seinen Geschichten Tausende von Menschen. Heute nutzt $ick sein Leben als Aufklärung. An Schulen und redet offen über die Zusammenhänge von Mental Health und Sucht. Im Interview sprechen wir mit dem Autor über seine Arbeit, Therapie und wie es ihm heute vier Jahre nach der Serie geht.

Ein tiefer Atemzug und das Knistern von Alufolie. Klänge, die für manche Menschen pures Wohlgefühl und Rausch bedeuten. Für andere eine Folter in Form von schmerzvoller Erinnerung. Es sind genau die Töne, die jede Folge der Videoserie "Shore, Stein, Papier" einleiten und die sich wie ein roter Faden durch die Lebensgeschichte von Protagonist $ick ziehen. Über 350 Folgen lang zerstückelt $ick seine Biografie, die über 25 Jahre von diesen drei Eckpfeilern bestimmt wurde: Shore (Heroin), Stein (Kokain) und Papier (Geld).

"Ich bin 13 Jahr alt. Zwei Tage vor dem Umzug, wird mir gesagt, Übermorgen ziehen wir um. Pack deine Sachen, verabschiede dich von deinen Freunden." So rekapituliert $ick im ersten Teil dieser Reihe das jähe Ende einer ziemlich unbeschwerten Kindheit, voller Freude, Ausflüge und einiger Kleinjungenstreiche zwischen den Hochhäusern am Waldrand in Sindelfingen nahe Stuttgart.

Mit 15 Jahren konsumiert $ick 1988 zum ersten Mal Heroin und bleibt sofort drauf hängen

Mit 30 Jahren hat $ick vier Gefängnis Aufenthalte hinter sich, ist am Ende und bereit für eine Kehrtwende in seinem Leben, braucht aber noch mal weitere zehn Jahre, um tatsächlich die Drogensucht und den unbändigen Haufen emotionalen Ballasts zu bewältigen und tatsächlich fest im Leben zu stehen. "Shore, Stein, Papier" hat ihm dabei essenziell geholfen. Auf die Videoreihe folgte ein Buch und ein pädagogisches Präventionsprogramm, mit dem $ick und seiner Stiftung Stigma e.V. von Schule zu Schule zieht und seine Geschichte teilt.

NOIZZ hat mit $ick gesprochen – über Mental Health, Antidepressiva und Potenz.

Der ehemalige Heroin-Junkie füllt mit seinen Geschichten Konzertsäle und klärt auf

NOIZZ: In deinen Videos und deinem Buch führst du deine Sucht ja ziemlich klar auf diesen Umzug nach Hannover und die Zurückweisung des Freundes deiner Mutter zurück. War dir dieser Zusammenhang schon immer so klar?

$ick: Nein, das war ein langer Prozess. Ich habe aber auch lange geglaubt, so wie ich lebe, so will ich leben. Fast die ganzen ersten zehn Jahre der Sucht und das, obwohl schon nach den ersten fünf Jahren die erste Haft kam und es merklich bergab ging. Trotzdem habe ich bis zur zweiten, dritten Haft total gefeiert, wie ich drauf war. Irgendwann habe ich dann aber natürlich angefangen unter der Art, wie ich gelebt habe, zu leiden. Körperlich und psychisch. Ich habe das Tiefsitzende aber einfach weggeschoben und gesagt: "Nein, nein, ich bin nur süchtig. Ich hab keinen Knacks weg oder eine psychische Störung." Aber dieses Gedankenkarussell und das Nachdenken wird ja immer mehr, je mehr Last dazu kommt. Als ich dann bereit war, etwas zu ändern, war ich psychisch völlig fertig. Ich saß nur rum, hing rum und dazu kamen eben ausschließlich negative Gedanken.

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Wo genau war für dich dann der Wendepunkt erreicht?

$ick: Das war dann etwa 2003. Da ist meine Tochter zur Welt gekommen. Ich hab's aber ewig nicht hingekriegt. Obwohl ich ganz klar wusste, dass ich mein Leben komplett verändern muss, war es mir einfach nicht möglich. Gerade in dieser Phase war ich dann schwerdepressiv, hatte immer wieder richtig schwere Rückfälle und das hat mich dann emotional natürlich noch mehr runtergezogen. So war mein Leben wirklich ganz doll anstrengend und nicht lebenswert. Erst nach meiner zehnten oder zwölften freiwilligen Entgiftung seit 2003. Vorher musste man mich verhaften, damit ich entgifte, habe ich es wirklich hinbekommen. Und dann habe ich circa 2005 angefangen, Tagebuch zu schreiben, und hab viel Musik und Rap gemacht, mit den Jungs, die dann auch "Zqnce" und "16 Bars" aufgebaut haben. Jeden Sonntag hab ich eine Geschichte aufgeschrieben und habe das 1,5 Jahr durchgezogen – noch in völlig desolatem Zustand: Auf 15 Milliliter Methadon, auch noch Folien geraucht und gekifft ohne Ende, Pillen gefressen. Und die Jungs haben mich dann 2012 dazu gebracht, dieses Format zu machen und das war dann quasi mein kompletter Cut.

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Zwischen Entgiftung und Rückfall

Weißt du, warum dich Therapien so lange nicht erreichen konnten?

$ick: Erst die letzte Langzeittherapie 2002/2003 im Nettetal, kurz vor der Geburt meiner Tochter, die hat dann etwas gebracht. Da war ich das vierte Mal aus dem Knast und war müde von meinem Leben, hatte keinen Bock mehr darauf und da war es mein Wunsch, das hinzukriegen. Ich wusste aber auch ganz klar: Ich werd nie ein ganz normaler Mensch sein und von morgens um 8:00 bis abends um 17:00 Uhr arbeiten gehen. Das funktioniert für mich nicht und schon dieser Gedanke macht mich wahnsinnig. Und was anderes, als so stumpfe Arbeiten standen ja gar nicht zur Debatte – wie auch? Ich kann mich ja nirgendwo bewerben, was soll ich da auch reinschreiben? "Ich weiß, wie ich deinen Tresor knacken kann und deine Kumpels verarsche."

Also hing viel auch an dieser Alternativlosigkeit zur Kriminalität?

$ick: Ja, in Nettetal kam auch das Thema Kriminalität das erste Mal auf den Tisch, bis dahin ging es immer nur um meine Sucht, aber Dealen und Klauen, das war ja alles genauso mein Leben. Ich wusste nicht, was ich machen will. Deshalb war auch nach den Therapien und Entgiftungen eigentlich immer klar, dass ich weiter mein Geld illegal verdienen werden. Ich habe nicht geahnt, dass das Erzählen genau dieser Geschichte, dann diesen Traum erfüllt und mir so den Arsch rettet.

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Aufarbeitung und Therapie auf YouTube

Glaubst du, dass ein Entzug so ganz ohne Therapie möglich ist?

$ick: Also mein persönlicher Eindruck von einer guten Therapie ist, dass es da nicht unbedingt diesen klassischen gelernten Therapeuten braucht. Der Therapeut ist ja auch gar nicht dafür da, dir eine richtige Antwort zu geben, oder den einen richtigen Tipp. Man kann ja nicht erwarten, wenn man 20 Jahre schon in einem Loch sitzt und nach dem einen Tipp sucht, dass so ein fremder Therapeut, dem man seine Geschichte erzählt, einen mit einem Satz da raus hilft. Das ist in erster Linie ein Mensch, der ist da, hört dir zu, gibt neue Perspektiven, hakt nach und tastet dich emotional ab. Es braucht vor allem genug eigenen Antrieb, die Dinge klären zu wollen. Das ist aber auch der anstrengendste Prozess, sich einzugestehen, dass man es nicht alleine schafft. Therapie kann eine richtige Qual sein. "Shore, Stein, Papier" war letztlich meine Art von Therapie, und zwar die, die dann auch wirklich funktioniert hat.

Auch nach der YouTube-Serie ist $ick regelmäßig im Stream und teilt seine Erfahrungen

Hätte dir ein offenerer Umgang mit psychischen Krankheiten und Emotionalität als Teenager helfen können?

$ick: Ja, auf jeden Fall. Ein offener Umgang mit psychischen Problemen wäre wünschenswert, und zwar durch alle Schichten durch. Bis zu "Shore, Stein, Papier" habe ich nie einen Umgang mit meinen Emotionen gefunden. Das waren halt Gefühle und 'son Kack. Laber mich nicht voll mit so 'nem Scheiß!' – das war über Jahre meine Haltung. Und auch Weinen ging nur, wenn ich richtig zusammengebrochen bin und wirklich gar nicht mehr konnte. Bis zu dem Punkt, wo alles zusammengebrochen ist, konnte und wollte ich doch nicht heulen! Auf gar keinen Fall.

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Mit Antidepressiva kriegt man keinen Steifen

Nimmst du heute noch irgendetwas, um dein Leben zu meistern? Also Mathadon, Psychopharmaka oder Ähnliches?

$ick: Ich bin kein Kind von Traurigkeit. Ich konsumiere Cannabis, das ist meine Medikation und ich trinke auch gern mal ein Bier. Ich saufe nicht, aber ich verbiete mir auch nicht, mal ein bisschen angetrunken zu sein. Warum auch? Dafür konsumier ich offensichtlich auch viel zu gerne. Aber das kann ich jetzt auch zugeben, weil ich eben einen bewussten, ehrlichen und offenen Umgang damit habe, und das nichts an den Grundpfeilern von meinem Leben rüttelt. Und mit offen meine ich jetzt nicht öffentlich vor den anderen, sondern vor mir. Ich habe nach wie vor ein emotionales Problem. Emotionen wirken einfach ziemlich stark auf mich. Da hilft mir Cannabis extrem nicht davon umgehauen zu werden. Dieser Filter ist für mich viel, viel besser und auch viel besser als meine Erfahrungen mit Antidepressiva und anderen Psychopharmaka. Auf Antidepressiva hab ich gar keinen Bock mehr. Da kriegt man dann als Mann nach ein paar Monaten Antidepressiva auch keinen mehr hoch. Da geht echt gar nichts mehr und das zieht einen ja dann gleich wieder runter. Das geht für mich einfach nicht, das deprimiert mich nur noch mehr. Das habe ich jetzt dreimal erlebt, als ich dachte, diese starken Psychopharmaka, die brauch ich noch, um klar zu kommen. Also musste ich das dann, in Absprache mit den Ärzten, immer wieder absetzten. Aber ehrlich, da geht es mir mit Cannabis viel besser.

$ick als präventive Figur

Wie sehr spielen bei deinen Besuchen an Schulen bei dem Thema Emotionen und mentale Gesundheit denn Scham und Coolness noch eine Rolle?

$ick: Ja wenn wir anfangen mit dem Thema, da siehst du noch, dass es den Kids unangenehm ist. Aber ich glaub ehrlich, dass das mein Talent ist, diese Situationen lockern zu können. Mir ist es aber auch schon passiert, dass ich in so Schulrunden die Tränen in den Augen hatte. Also ich zeige meine eigenen Emotionen ganz demonstrativ und wenn da dann so ein tätowierter Knacki steht und über sein Leben spricht mit Tränen in den Augen, ohne sich zu schämen, dann macht das was mit einem 15-Jährigen. Die, die vorher die größte Fresse auf dem Hof hatten, das sind meistens genau die, die am längsten an mit kleben bleiben.

$ick auf Lesereise

Glaubst du, dass an den Schulen seitens der Lehrer für diese emotionalen Themen ein Bewusstsein herrscht?

$ick: Meistens gibt es bei meinen Besuchen an den Schulen immer einen Betreuungslehrer, und meistens sind die schon irgendwie an meiner Serie hängen geblieben und haben eben dieses Potenzial von meinem präventiveren Charakter darin entdeckt. Die sehen dann, der spricht halt mit der Zunge unserer Kids, dem hören die zu und uns nicht. Ich schlag eigentlich nur die Brücke zwischen den Komponenten, die schon da sind. Auf der einen Seite sind die Kids, mit Problemen, die aber nicht zuhören wollen. Und auf der anderen Seite die verzweifelten Lehrer, die versuchen zu helfen, und die gibt es. Einen gibt es da immer, der sich bemüht und offen ist. Und diese beiden Seiten nehm ich mit, während ich spreche, und verknüpfe die im Gespräch und helfen letzendes nur, dass die beiden zusammen kommen.

Was ist der Rat, bei dem du nie müde wirst in deinen Vorträgen zu wiederholen?

$ick: Wenn du depressiv bist, süchtig bist oder sonst in irgendeinem Loch festhängst: Werd aktiv! Werd laut! Hör auf, alles kaputt zu denken. Halt das Karussell an und mach einfach. Und das fängst schon damit an, einmal die Gedanken laut zu sagen und auszusprechen. Wenn man seit Wochen Sachen kaputt denkt, dann hat man meistens schon so eine Ahnung, was helfen könnte: Gespräch Therapie, Sport, ganz egal. Selbst wenn du nicht weiß, wohin es gehen soll oder was helfen könnte: Frag doch "einfach" irgendwen um Hilfe, das ist ja auch schon aktiv werden. Das ist anstrengend und eine dauerhafte Überwindung von Schmerz. Tut weh, tut weh, tut weh, tut weh, aber, auch wenn man echt oft nicht dran glaubt, irgendwann kommt das bessere Gefühl und ich bin froh, dass ich da jetzt endlich hingekommen bin. Man muss sich damit auseinandersetzen, sonst hört es nicht auf!

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Quelle: Noizz.de