Die Corona-Isolation dient als willkommene Ausrede für deutlich ausschweifenderen Alkoholkonsum – gibt sonst ja auch nur wenig zu tun. Aber ab wann ist der eigene Konsum problematisch? Ein Sucht-Therapeut klärt gegenüber NOIZZ auf.

"It’s ok it's quarantine" – Dieser Satz muss derzeit häufig – wenn auch ironisch gemeint – als Entschuldigung für so einiges herhalten. Vom Schlafanzug, der als Home-Office-Outfit zweckentfremdet wird, über die DIY-Haarfrisur, die doch deutliche Unterschiede zum Friseur-Original aufweist, bis hin zum ersten Glas Wein zum Mittagessen – "It’s ok it's quarantine" (Es ist ok, weil wir in Quarantäne sind). Alle mehr oder weniger offensichtlichen Dummheiten und schlechten Manieren lassen sich auf einmal wunderbar entschuldigen mit dem kleinen Satz, der aussagt: Wir sind in einer Ausnahmesituation, das zählt nicht. Keine Sorge, ist ja nur für jetzt. Und auch ein bisschen: Es sieht ja sowieso niemand.

Sicher, in dieser besonderen Zeit, müssen alle einen Weg finden zurechtzukommen. Da verwundert es nicht, dass zu sonst "verbotenen" (oder zumindest sonst limitierten) Mitteln gegriffen wird, um die Situation leichter verdaulich zu machen. Mittlerweile sind wir aber mindestens in der dritten Woche der Corona-Isolation und wenn es am Anfang noch lustig war, vom Bett im Schlafanzug direkt an den Home-Office-Platz zu wechseln, schreit Schlafanzug am Schreibtisch in der dritten Woche in Folge irgendwie eher nach Leben nicht im Griff. Auch die Kack-Frisur nervt nach einigen Tagen und beim nächsten Einkauf bleibt die Fertig-Blondierung im Drogerieregal stehen.

Einfach die ganze Situation nervt spätestens jetzt tierisch, aber noch immer ist Aufgeben keine Option und ein Ende nicht in Sicht. Ein schwieriger Zeitpunkt also, um nun plötzlich auf das Weingläschen zum Mittagessen zu verzichten. Sowieso ist aus dem Gläschen mittlerweile vielleicht schon eine Flasche am Tag geworden. Vielleicht war es aber auch nie das Mittagsgläschen, das den Stein ins Rollen brachte, sondern das Feierabendbier. Wie auch immer die individuellen Trinkmuster genau aussehen – die Corona-Isolation birgt die Gefahr, dass sich schleichend Suchtmuster einspielen, die lange unbemerkt bleiben könnten und sich auch nicht mit dem Ende der Corona-Krise verabschieden werden.

Sucht-Therapeut Dr. Fritzsche gibt Antworten

Auf der anderen Seite ist es doch ganz normal, in Stresssituationen wie der aktuellen Krise auf Alkohol als kleine Stütze zurückzugreifen, oder? Ein Glas zum Feierabend kann doch nicht schaden, stimmt's? Ja, woher weiß ich denn, ob meine Trinkmuster jetzt schon problematisch sind? Und selbst wenn ich merke, dass mein Trinkverhalten gerade etwas außer Hand gerät – was kann ich in Zeiten der Corona Isolation dagegen tun? Wir haben mit Dr. med. Dr. sc. phil. Siegfried Fritzsche, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, gesprochen und uns genau diese Fragen beantworten lassen.

Dr. Fritzsche führte als Psychotherapeut in den 1980ern erst ein Fachdispensaire für Alkohol- und Arzneimittelkranke und leitet seit 1992 eine eigene Praxis in Berlin, wo er unter anderem Suchterkrankte in Gruppensitzungen therapiert. Er weiß also, wovon er spricht. In seiner Praxis machen sich bereits die ersten Anzeichen der Krise bemerkbar. Menschen melden sich, weil sie mit der Isolation nicht zurechtkommen. Noch sind es zwar nicht viele, aber besonders lange dauern die Maßnahmen auch noch nicht an.

Eine sichere Menge? Gibt es nicht

Direkt zu Beginn: Keine Entwarnung, sorry. "Von normal kann man nicht sprechen", antwortet mir Dr. Fritzsche auf meine Frage nach dem aktuellen Bedürfnis der Menschen Zuflucht zum Alkohol zu suchen. Man könne allerdings durchaus sagen, dass derzeit häufiger getrunken wird – aus Langweile etwa. Dennoch könne das natürlich zu Abhängigkeit führen, vor allen Dingen, wenn die Corona-Maßnahmen noch länger anhalten. Aber – und nun kommt doch eine kleine Entwarnung – so schnell wird das nicht passieren. "Es sind nur acht Prozent, die regelmäßig trinken und abhängig werden. Eine Abhängigkeitsentwicklung beträgt etwa sechs bis zehn Jahre. Wobei regelmäßiges Trinken den Prozess sehr beschleunigen kann", erklärt der Psychotherapeut.

Natürlich zählt aber nicht nur die Regelmäßigkeit des Trinkens, sondern auch die Menge. "Lange Zeit galt als die übliche Dosis der medizinisch tolerablen Grenze 20 Gramm Alkohol bei Frauen – das ist ein halber Liter Bier, drei Schnäpse und ein Glas Wein. Bei Männern 40 Gramm Alkohol – also ein Liter Bier, sechs Schnäpse und zwei Gläser Wein. Nach neueren Erkenntnissen wurde diese Dosis allerdings heruntergesetzt, das heißt, die Trinkmenge bei Männern beträgt jetzt 24 Gramm und bei Frauen 12 Gramm", erklärt Dr. Fritzsche. Wenn man täglich über diese Mengen trinkt, kann es zu Abhängigkeiten kommen. Diese Werte sollten allerdings nicht als sichere Bank aufgefasst werden, auf die man sich verlassen kann. "Grundsätzlich ist es so, dass es eine sichere Grenzdosis gar nicht gibt, unter der es weder zu Abhängigkeiten oder alkoholassoziierten Folgen kommen kann."

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Woher weiß ich, dass meine Trinkmuster problematisch sind? Was tun?

"Alkohol wird wegen des euphorischen und hedonistischen Effekts getrunken. Dieser Effekt kann sich verselbständigen und wird dann eine tägliche Zuflucht – man kann es alleine nicht mehr absetzen – und dann braucht man Hilfe", so Fritzsche. Auch Kontrollverluste sind Anzeichen für problematischen Alkoholkonsum, beispielsweise wenn man vollkommen betrunken aufwacht. Einmal am Wochenende über die empfohlene Grenzdosis trinken, muss gewöhnlicherweise niemandem Kopfschmerzen bereiten, wenn es jedoch täglich wird, sollte man sich professionelle Hilfe oder zumindest eine Beratungsstelle suchen, empfiehlt der Psychotherapeut.

Das perfide am Alkoholkonsum in der Corona-Krise: Soziale Kontakte sind für Alkoholiker genauso wie für solche, die es nicht werden wollen, äußerst wichtig – und genau da macht uns COVID-19 einen Strich durch die Rechnung. Dr. Fritzsche rät dringend dazu, die Corona-Maßnahmen nicht als komplette Pause des Soziallebens anzusehen. Statt persönlichen Treffen sollten die sozialen Kontakte nun eben etwa über Anrufe gepflegt werden. Zum Schluss gibt Dr. Fritzsche uns außerdem noch eine konkrete Richtlinie an die Hand, die helfen kann, eine Alkohol-Abhängigkeit zu vermeiden – und glücklicherweise sollte es nicht allzu schwer sein, sich daran zu halten. Es dürfen Notizen und Screenshots gemacht werden.

Gegen Abhängigkeit in acht Punkten

1. Trinke nie, wenn du ein Verlangen nach Alkohol verspürst.

2. Mache lange Trinkpausen.

3. Verdünne alkoholische Getränke möglichst noch.

4. Trinke nie auf einen leeren Magen oder einen Kater.

5. Stelle dir immer vor, dass du zu viel trinkst.

6. Trinke nie um Sorgen und Ängste zu bekämpfen.

7. Überlege, ob du bei freudigen Anlässen oder Geselligkeiten nicht auf Alkohol verzichten kannst.

8. Achte darauf, dass sich beim Alkoholkonsum keine Gewohnheiten herausbilden und benutze Alkohol nicht als Medikament, zum Beispiel bei Schlafstörungen oder zur Anregung.

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Quelle: Noizz.de