Einfache Quizfrage: Was haben Attila Hildmann, Michael Wendler und Xavier Naidoo gemeinsam? Sie verleihen Verschwörungstheorien Sichtbarkeit und stellen dadurch ein Problem für unsere Gesellschaft dar. Laut einer Studie halten ein Drittel der deutschen Bevölkerung Verschwörungen für möglich. Dabei sind die Deutschen eigentlich zufrieden – mit der Regierung, mit Merkel, selbst mit den Corona-Maßnahmen. Es ist ein Paradoxon, dass selbst internationale Expert*innen verwundert: Wird Deutschland zum Land der Aluhut- und QAnon-Flaggenträger?

Erst Xavier Naidoo, dann Attila Hildmann und jetzt noch der Wendler: Der Verschwörungswahnsinn in Deutschland scheint kein Ende zu nehmen. Wie in einer schlechten Reality-TV-Sendung leben diese Persönlichkeiten in YouTube-Videos, Instagram-Posts und Telegram-Nachrichten ihre Überzeugung aus, die Corona-Pandemie sei eine Verschwörung.

Das Tüpfelchen auf dem i: Die kruden Theorien der Prominenten kommen bei Teilen der Bevölkerung gut an. Bei jeder neuen Hygiene-Demo sind mehr und mehr Menschen zu sehen, die der Regierung zum Trotz Aluhüte und QAnon-Flaggen tragen. Selbst internationale Expert*innen wundern sich mittlerweile über uns. Die "New York Times" berichtet, dass Deutschland mit geschätzt 200.000 Followern die vermutlich größte QAnon-Anhängerschaft außerhalb des englisch-sprachigen Raums hat. Die Zeitung kann sich aber auch nicht so ganz erklären, wieso.

Verwandeln wir uns gerade in ein Land der Verschwörungstheoretiker*innen?

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(Warum) steigt die Anzahl der Verschwörungstheoretiker*innen in Deutschland?

Schon mal vorab: Verschwörungstheorien sind zwar kein neues Phänomen. Man brauch nur Illuminati oder Mondlandung zu sagen, um die historisch menschliche Tendenz zu Verschwörungen darzulegen. Die plötzliche Sichtbarkeit von Verschwörungstheorien im öffentlichen Raum Deutschlands wirkt jedoch kurios, als ob wir als Land rückfällig werden.

Wie bei so viele Themen dieses Jahr scheint eine mögliche Ursache nahe zu liegen: die Corona-Krise. "Alternative Erklärungen" seien "eine typische Erscheinung in Zeiten der Verunsicherung, in Krisen und bei Bedrohungsszenarien", sagt Claus-Christian Carbon gegenüber NOIZZ. Er ist Psychologie-Professor an der Universität Bamberg. "Wir wollen als Menschen eben eindeutige Erklärungen für Dinge, die wir sonst nicht gut verorten können."

Ganz zufriedenstellend ist die Erklärung aber nicht, denn im Vergleich zu anderen Ländern hat die Bundesregierung die erste Infektionswelle relativ gut überstanden. Außerdem befürwortet laut einer aktuellen Umfrage die Mehrheit Deutschlands eine Ausweitung der Maskenpflicht und eine solidarische Zusammenarbeit gegen Corona.

Gut, dann ein zweiter Erklärungsversuch: "Zeiten der Verunsicherung" könnte eine Verunsicherung gegenüber der Regierung heißen. Auch hier scheitert aber eine logische Schlussfolgerung. Wie die "ARD-Deutschlandtrends" vom Oktober 2020 zeigen, sind 66 Prozent der deutschen Bevölkerung zufrieden mit der Bundesregierung und sogar 72 Prozent mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin.

"Man darf nicht Sichtbarkeit mit Popularität verwechseln"

Langsam zweifele ich an meiner eigenen These. Ist die Zahl der Verschwörungstheoretiker*innen in Deutschland wirklich gestiegen? Zur Orientierung wende mich an einen Experten. "Es gibt keine Indikatoren dafür, dass Verschwörungstheorien derzeit in Deutschland wirklich mehr Anhänger*innen finden", sagt mir Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen, der sich in seinen Recherchen auf Verschwörungstheorien konzentriert.

Im Gegenteil: Eine repräsentative Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung aus diesem Jahr stellte fest, dass ein Drittel der Bevölkerung eine Weltverschwörung für möglich hält, und das anscheinend "unabhängig [...] von den jüngsten Entwicklungen rund um das SARS-CoV-2-Virus".

Die Erkenntnis macht mich fast unwillig. Schließlich gibt es Tag für Tag ein neues "Verschwörungstheoretiker-Outing" in der Promi-Szene, mehr und mehr Corona-Demos finden statt, und QAnon wird als Problem in Deutschland auch immer erkennbarer. Hier ist aber eine falsche Gleichstellung im Spiel, auf die mich Michael Butter aufmerksam macht: "Man darf nicht Sichtbarkeit mit Popularität verwechseln."

Das Gefährliche an Verschwörungstheorien ist (noch) nicht ihre Popularität, sondern ihr Inhalt

Auch wenn die Anzahl der Verschwörungsanhänger*innen (noch) nicht erkennbar angestiegen ist, ganz beruhigen dürfen wir uns nicht. Die eigentliche Gefahr liegt nämlich bei der Sichtbarkeit und dem Inhalt einer Verschwörungstheorie.

Obwohl Claus-Christian Carbon daran zweifelt, dass es sich derzeit in Deutschland um Verschwörungstheorien handelt – "Es sind eher Fake News" –, sieht er Grund zur Sorge. "Der Inhalt macht die Musik. Sind es volksverhetzende Sachverhalte, radikale Ansichten, Aufruf zu antidemokratischem Handeln, so geht es primär um genau diese Sachverhalte und nicht mehr um die Verpackung als Verschwörungstheorie", so der Psychologie-Professor.

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Die Verbreitung solcher Sachverhalte funktioniert nach einem Schnellball-Effekt: Je sichtbarer die "destruktiven" Erklärungen von Aluhut-Träger*innen sind, desto eher gewinnen sie an Popularität, können Menschen radikalisieren und gesellschaftliche Normen prägen.

Claus-Christian Carbon warnt:

Wenn wir solche verfassungsfeindlichen oder staats- und gesellschaftszersetzende Inhalte häufig von vielen Richtungen rezipieren und dies auch noch von starken Influencern, so verändert sich unser normatives Koordinatensystem und hat schwerwiegende Folgen auf das, was wir für normal und möglich ansehen.

Den Verschwörungerstheoretiker*innen in Deutschland wäre es wahrscheinlich recht, Aluhut als Fashion-Standard und Hetze als soziale Norm einzuführen. Welche Gefahr das für Deutschlands Gesellschaft bergen würde, muss ich dabei nicht erklären. Um den Nährboden "destruktiver Sachverhalte" zu entziehen, so Carbon, "müssen wir beständig informieren, aufklären, Transparenz schaffen".

  • Quelle:
  • Noizz.de