Wir haben mit jungen Russen über Putins Wahl gesprochen

Tamara Vogel

Freie Journalistin aus Berlin
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Wladimir Putin Foto: Alexander Zemlianichenko / Zusammen mit dpa

„Für eine glückliche Zukunft Russlands müssen wir heute handeln.“

Am vergangenen Sonntag gelang Putin der vorhergesagte Wahlsieg. Seine Wiederwahl galt bereits im Vorfeld als sicher. Wahlbeobachter melden Verstöße in zahlreichen Wahllokalen des Landes. Putin wird Russland auch in den kommenden sechs Jahren regieren. Doch was bedeutet das für die liberalen Werte im größten Land der Welt? Wie steht es um die Demokratie, Meinungsfreiheit und die Menschenrechte in Russland?

Klar ist, dass viele Russen Putin unterstützen. Darunter auch zahlreiche Jugendliche. Die Generation Putin. Eine Generation, die mit Putin aufgewachsen ist und keinen anderen Präsidenten im Amt kennt.

Den einen gibt das Sicherheit. Doch andere befürchten, dass es nun zu strikteren Kontrollen im öffentlichen Raum kommen könne. So geht es auch Oksana aus Moskau. „Ich bin viel gereist, habe einige Zeit im Ausland gelebt. Dadurch habe ich ein ganz anderes Freiheitsverständnis als viele andere Gleichaltrige. Ich denke, dass die Gewohnheit zum Problem werden kann. Wenn man nichts anderes kennt, als die Korruption und Beschneidung persönlicher Freiheiten, denkt man vielleicht, dass all dies normal sei“, sagt die 26-Jährige.

Sie hat Angst sich öffentlich kritisch gegenüber Putin zu äußern. Daher wurde ihr Name für diesen Artikel geändert. Diese Angst teilen viele Russen, wie sie sagt: „Die meisten fürchten Probleme am Arbeitsplatz bis hin zur Kündigung. Vor allem natürlich, wenn man bei einem staatlichen Unternehmen oder einer staatlichen Institution beschäftigt ist. Aber auch Studenten an einer staatlichen Universität können Probleme bekommen. In meinem Umfeld kenne ich Leute, die rechtlich verfolgt wurden, weil sie sich in sozialen Medien regimekritisch geäußert haben.“

Oksana beklagt bei der Wahl am Wochenende vor allem das Fehlen des möglichen Hoffnungsträgers Alexej Nawalny. Dieser wurde wegen einer Bewährungsstrafe von der Wahl ausgeschlossen. „Ich bin, wie viele meiner Freunde nicht zur Wahl gegangen. Denn sind wir mal ehrlich: es hätte sowieso nichts am Ergebnis geändert“, sagt Oksana.

Aleksey Foto: Tamara Vogel / Noizz.de

Das sieht der 24-jährige Aleksey anders. Er ist Dozent für Geschichte, Philosophie und Soziologie an der Staatlichen Universität Omsk. „Ja, ich bin zur Wahl gegangen. Ich glaube, dass es wichtig ist, eine aktive Position einzunehmen. Ich habe für Pavel Grudinin gestimmt. Sein 20-Schritte-Programm hat zwar auch Nachteile, aber ich denke, dass die Vorteile überwiegen. Er möchte unter anderem die wirtschaftliche Souveränität des Landes wiederherstellen und der Bevölkerung einen angemessenen Lebensstandard gewährleisten.

Die Schwächen dieses Programms bestehen zum Beispiel in der Kontrolle der Preise für lebenswichtige Güter und der Kontrolle der Arbeitsbedingungen. Ich hoffe, dass er ein wichtiges politisches Amt übernehmen wird.“ Grudinin belegte den zweiten Platz bei den Wahlen.

Auch Aleksey spürt immer wieder, dass die Menschen Angst haben, Putin in der Öffentlichkeit zu kritisieren. „Hinzu kommt, dass es in Russland nicht üblich ist über Probleme zu sprechen. Daher ziehen es viele vor zu schweigen.“ Aleksey ist Gründer und Koordinator des gemeinnützigen, zivilen Projekts „Polis“ und engagiert sich für öffentliche Aktivitäten im Bereich der politischen Bildung. „Unsere Aufgabe ist es, jungen Menschen die Fähigkeit zu vermitteln, konstruktive Diskussionen zu führen und ihre Meinung zu vertreten. Wir organisieren und führen öffentliche Vorträge, Sommer- und Winterschulen sowie diverse Turniere. All das tun wir, um die Soft Skills junger Menschen zu entwickeln. Dadurch wollen wir Voraussetzungen für die Entwicklung der Zivilgesellschaft im Land schaffen.“

Er hat Hoffnung, dass sich Russland in Zukunft zu einem hoch technologischen und demokratischen Land entwickeln kann. Dafür sei es wichtig bei der Bildung junger Menschen anzusetzen. So müsse der derzeit unterbezahlte Lehrerberuf wieder attraktiver werden. „Nur mit Bildung kann man wirklich etwas verändern.“

Eine weitere problematische Entwicklung, die sich seit ein paar Jahren abzeichnet, ist die Abwanderung vieler (junger) Russen. „Die Russen lieben ihr Land sehr. Aber aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Probleme, verlassen viele Menschen ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben im Ausland. Russland hat einen sehr schwierigen historischen Weg hinter sich. Für eine glückliche Zukunft müssen wir heute handeln.“ Dafür setzt sich Aleksey als Dozent an der Universität und in seinem gemeinnützigen Projekt ein.

Quelle: Noizz.de

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