Wie Künstler aus Russland, Belarus und der Ukraine mit Zensur umgehen

Andreas Rossbach

Freier Journalist
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Wir haben mit dreien von ihnen gesprochen.

Immer wieder stürmen in Russland religiöse Fanatiker oder national motivierte Randalierer Kunstausstellungen. Zwar ist die Situation heute nicht so schlimm wie in Sowjetzeiten, doch die Toleranz für kritische Kunst scheint in Putins Russland unaufhaltsam zu sinken.

Das politisch korrekte Fangnetz zieht sich langsam aber sicher um die Kunstszene zusammen.

Wenn aus Kunst gar politischer Aktivismus wird, endet das schnell im Gefängnis. So steht derzeit beispielsweise Kirill Serebrennikow, ein bekannter russischer Theater- und Filmregisseur, unter Hausarrest. Die russische Justiz wirft dem Leiter des Moskauer Gogol-Theaters vor, Fördergelder in Höhe von umgerechnet rund einer Million Euro veruntreut zu haben. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Der Kreml-kritische Regisseur hat alle Vorwürfe zurückgewiesen, sie seien politisch motiviert.

Viele kulturschaffende und Kreml-kritische Russen haben Serebrennikov ihre Unterstützung ausgesprochen.

Die übliche Reaktion im Westen zu solchen Vorkommnissen ist oft eindeutig: typisch Russland, Zustände wie im Mittelalter. Doch so einfach ist es dann auch nicht - jedenfalls laut Kunsthistorikerin Sandra Frimmel von der Uni Zürich. In ihrem Buch "Kunsturteile" rückt sie diese selbstsichere Meinung von Russland im Westen zurecht. Sie kommt zu dem Urteil: Was in russischen Kunst-Gerichtsprozessen gerade geschieht, geschah in vergleichbarer Form bereits im Westen.

Die Lage ist schlechter geworden

„Es gibt sowohl in Russland als auch in europäischen Ländern Zensur, sie ist nur unterschiedlich stark ausgeprägt und zeigt sich verschieden“, erklärt Ania PsH, Performancekünstlerin und eine der vier Kuratoren des Projekts „One can not be too careful“. In diesem Projekt wollen junge Künstlerinnen und Künstler aus Russland, Belarus und der Ukraine mit vereinten Kräften auf das Problem der (Selbst-)Zensur in zeitgenössischer Kunst in ihren Heimatländern aufmerksam machen.

„Es gibt immer noch Spielräume für uns Künstler, auch in Russland, aber insgesamt ist die Lage schlechter geworden“, so Ania PsH. Die Werke der Künstler, die alle aus ehemaligen Ländern der Sowjetunion stammen, wurden bereits in Minsk, der Hauptstadt von Belarus, und in Brighton in Großbritannien gezeigt.

Die Kunstwerke wurden auch in Berlin ausgestellt – im Club der polnischen Versager (Prenzlauer Berg) und im Petersburg Art Space (Moabit).

Max Stropov, 38, Künstler und Kurator aus St. Petersburg

Max Stropov Foto: privat

NOIZZ: Du bist Teil des russischen Künstlerkollektivs Rodina, das bekannt ist für seine kritische Kunst. Kannst du uns ein bisschen mehr von euch erzählen?

Max Stropov: 2013 habe ich mich dazu entschieden, politische Kunst zu machen, und zusammen mit der Performancekünstlerin Darya Apahonchich habe ich damals ein Künstlerkollektiv gegründet. Wir haben es Rodina genannt, das bedeutet auf Russisch „Mutterland“.

Seitdem ist das Team gewachsen, zehn Mitglieder sind es heute etwa, zusammen haben wir in der Vergangenheit kritische Performances auf den Straßen von St. Petersburg aufgeführt, um etwa gegen Krieg, die Repression der Regierung, den Polizeistaat und die Orthodoxe Kirche zu protestieren.

Kritische Performances der Rodina Group Foto: Andreas Rossbach

Welche Themen sind denn in Russland Tabu?

Max: LGBTQ-Themen sind oft tabu, da es bestimmte Gesetze gibt, die es einem als Mensch verbieten, offen zu zeigen, dass man „nicht traditioneller“ sexueller Orientierung ist. Es gibt viele Beispiele dafür, wie sich ultra-konservative Gruppierungen und die Orthodoxe Kirche in das Sexleben dieser Menschen einmischen.

Dann natürlich viele politische Themen. Offiziell kann man seine Meinung zwar frei äußern, doch das kann dann schlimme Konsequenzen für einen selbst haben. Durch seine Macht ist unser Präsident nahezu unantastbar. Wie soll man das autoritäre Regime kritisieren, wenn man das Staatsoberhaupt nicht kritisieren darf?

Es kann auch gefährlich sein, über Religion zu sprechen, besonders, wenn es die russisch-orthodoxe Kirche betrifft. Es gibt ein repressives Gesetz, das die sogenannten „Gefühle der Gläubigen“ schützt.

Bild aus der Serie „Tod Putins“ von Max Stropov aus St. Petersburg Foto: Andreas Rossbach
Foto: Andreas Rossbach
Bild von Aksinya und Veronika Sarycheva, ebenfalls aus der Serie „Tod Putins“ Foto: Andreas Rossbach
Foto: Andreas Rossbach

Worum geht es in deiner aktuellen Kunst?

Max: Mein Ziel war es, herauszufinden, wie Leute sich den natürlichen Tod Putins vorstellen und dies künstlerisch darzustellen. Wir wollten diese Werke auch in einer Galerie in St. Petersburg vor den Präsidentschaftswahlen in Russland zeigen, doch niemand hat uns erlaubt, die Werke bei sich auszustellen. Also haben wir sie kurzerhand bei einer Protestaktion auf der Straße gezeigt.

Aliaxey Talstou, 33, Künstler aus Minsk, Belarus

Aliaxey Talstou Foto: privat

NOIZZ: Wie ist die Situation mit (Selbst-)Zensur von zeitgenössischer Kunst in deinem Heimatland?

Aliaxey Talstou: In Weißrussland ist Zensur von zeitgenössischer Kunst sicherlich ein sehr aktuelles Thema. Unser Regierungssystem ist seit langer Zeit autoritär, und an der Spitze der Macht sind schon lange immer nur die gleichen Leute. Der Staat reguliert alles, was mit Kultur zutun hat. Das zeigt sich vor allem in staatlichen Museen und Galerien; hier wird kaum kritische Kunst gezeigt.

Spielraum gibt es jedoch, wenn wir über private Galerien oder unabhängige Ausstellungsräume sprechen - die werden weniger durch den Staat kontrolliert, erreichen aber auch ein viel kleiner Publikum. Es gibt auch Selbstzensur in Weißrussland. Viele Künstlerninnen und Künstler setzen sich aus Angst vor der Regierung Grenzen in ihrer Kritik an der gesellschaftspolitischen Situation im Land. Radikale Aussagen und Performances werden eher vermieden.

Kannst du ein aktuelles Beispiel nennen?

Aliaxey: Erst vor ein paar Wochen musste das „Dotyk Queer Festival“ in Minsk auf Druck der Behörden abgesagt werden. Wie du siehst, haben wir nicht nur ein Problem mit Zensur von Kunst. Zu den Tabuthemen in Belarus gehört laut unserer amtierenden Regierung auch das Thema LGBT.

Worum geht es in deinem Kunstwerk, das in Berlin zu sehen war?

Aliaxey: Mein Kunstwerk „Medienwinter, Medienfrühling“ ist mein Versuch, die Ereignisse in der Ukraine aus Sicht von Minsk zu reflektieren. Eine künstlerische Perspektive von Ereignissen, die nur zensiert über Massenmedien und soziale Netzwerke wahrgenommen wurden in Belarus. Das Kunstwerk besteht aus einem Text, Dokumenten, Artefakten, gefundenen Objekten und Zitaten aus den Medien.

Tetiana Kashkarova, 35, Künstlerin aus Charkiw, Ukraine

Tetiana Kashkarova Foto: privat

NOIZZ: Bist du selbst schon staatlicher Zensur zum Opfer gefallen oder hast du dich dabei erwischt, dich selbst zu zensieren?

Tetiana Kashkarova: Nein, ich glaube nicht, dass ich bis jetzt irgendwie direkt davon betroffen war, aber ich möchte auf ein Problem aufmerksam machen: Wenn wir über Fälle von Zensur- und Selbstzensur reden, dann sind diese oft nicht offensichtlich. Die vom Staat propagierten Ideen darüber, was gezeigt werden soll und was nicht, sind schon zu tief in den Köpfen von vielen Menschen in der Ukraine verwurzelt.

Hinten: Tetianas „Jungfrau Maria mit einem Kind“ bei der Eröffnung der Ausstellung im Klub der Polnischen Versager in Berlin-Prenzlauer Berg Foto: Andreas Rossbach

Worum geht es in deinem Kunstwerk, das in Berlin zu sehen war?

Tetiana: In meinem Werk setze ich mich mit dem Krieg auseinander. Was ist Krieg – ein fundamentaler Bestandteil der menschlichen Existenz? Ist Krieg notwendig? Die Menschheit war nie in der Lage, auf Krieg zu verzichten.

Mein Werk in Berlin hat die „Jungfrau Maria mit einem Kind“ gezeigt – meine eigene Interpretation einer Ikone. Auf der originalen Ikone schaut Maria mit traurigem Blick auf ihren Sohn, und ihr Mund ist leicht geöffnet, weil sie weiß, was ihn erwartet. Bei mir hat die Mutter ihre Augen geschlossen, ihr Mund ist geschlossen, sie will die Welt nicht sehen, in der ihr Kind aufwachsen soll. Sie kann nicht reden. Sie kann nicht frei atmen.

Tetianas „Anabiose-Krieg-Blütezeit“ Foto: Andreas Rossbach

Wie ist die Situation mit (Selbst-)Zensur von zeitgenössischer Kunst in deiner Heimat?

Tetiana: Ich denke, dass die Ukraine als postsowjetischer Staat sehr verklemmt ist. Die Menschen sind nicht bereit, provokante Kunst anzunehmen. Viele sehen zeitgenössische Kunst als Beleidigung und nicht als Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit Dingen.

Doch die Situation wird langsam besser - vor allem nach der Maidan-Revolution, wenn auch nur in kleinen Schritten. Es sind insbesondere die jungen Künstlerinnen und Künstler in der Ukraine, die versuchen, die Mauern der Zensur zu durchbrechen.

Fotoprojekt „Bibel des Krieges“ von Sergej Fortunjew aus Kiew Foto: Andreas Rossbach
Foto: Andreas Rossbach
Kunstperformance „The Alcove“ von Nikolas Schreck und Ania PsH Foto: Elisaweta Sorokin / Elisaweta Sorokin
Foto: Elisaweta Sorokin / Elisaweta Sorokin
„J...s“ von Irca Solza aus Nowosibirsk Foto: Andreas Rossbach
„Project S“ von Mikhail Deyev aus St. Petersburg Foto: Andreas Rossbach

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