Wenn ein unbedachter Facebook-Like dich in den Knast bringen kann.

„Ein Land, das mir eine Pistole an den Kopf hält? Mein Land sagt dir, sei ruhig oder geh in den Knast! Ein freies Land? Fickt Euch! Sagt mir nicht, ich kann wählen!

Diese Zeilen stammen aus dem Chart-Hit Prathet Ku Mee („Was mein Land hat ...“) der zehnköpfigen thailändischen Hip-Hop-Gruppe Rap Against Dictatorship. Eine derart offensive Kritik am Staat zu äußern, das trauen sich die meisten Künstler in Thailand nicht, denn sie könnten dafür im Gefängnis landen. Deswegen sorgen die Rapper mit ihrer ungewöhnlich heftigen Kritik für Furore im Land.

Der Song ist in Thailand momentan ein viraler Hit. In kürzester Zeit wurde das Video zum Track allein auf YouTube über eine Millionen Mal gelikt und geteilt. Und bis heute wurde es fast 60 Millionen Mal aufgerufen (Stand 25. März 2019). Nichts lassen die Musiker in ihrem Song aus: Sie rappen über Korruption, soziale Ungleichheit, Zensur und Unterdrückung im eigenen Land.

In Thailand finden gerade das erste Mal seit acht Jahren wieder Wahlen statt. 90 Prozent der Stimmen sind schon ausgezählt. Das Lager der amtierenden Militärregierung liegt bisher an der Spitze. Noch ist unklar, ob dies zur Bildung einer Regierung reichen wird. NOIZZ hat vor den Parlamentswahlen die Stimmung im Land eingefangen und drei Künstler interviewt, die gegen die Militärdiktatur rebellieren.

3 Fragen an Rap Against Dictatorship

NOIZZ: Kann Musik dein Land verändern?

Rap Against Dictatorship: (Die Musiker denken lange nach, bis sie antworten) Wir hoffen, dass sich etwas ändert.

Einer der Mitgründer der Gruppe: Ich glaube nicht, dass ein Lied etwas verändern kann. Es sind die Zuhörer, die hoffentlich etwas verändern, das Volk. Das Lied gibt ihnen eine Idee und zündet einen Funken. Und irgendwann wird aus diesem Funken hoffentlich eine Flamme.

Ein Rap gegen die Militärdiktatur. Dazu gehört Mut. Es haben schon Thailänder für weniger drastische Kritik den Job verloren – oder sogar die Freiheit. Habt ihr keine Angst?

Rap Against Dictatorship: Wir kritisieren die Probleme in unserem Land, nicht direkt das Militär. Wir haben keine Angst davor, etwas in dem Land, in dem wir leben, zu kritisieren. Wir haben nicht vor, uns zu verstecken, weil wir nicht glauben, dass wir etwas falsch gemacht haben.

Wie hat die Regierung auf euren Track reagiert?

Sie nimmt uns nicht ernst, sie will uns stattdessen als Störenfriede und Spalter brandmarken. Sie sagt zwar, dass es unser Recht gewesen sei, über Probleme zu rappen und es keine Grenzen in Sachen Meinungsfreiheit geben würde. Aber sie ist auch der Meinung, dass so etwas Probleme für uns, unsere Kinder und Enkelkinder verursacht.

3 Fragen an den „Banksy von Thailand“ Headache Stencil

NOIZZ: Viele Galerien in Bangkok haben sich geweigert, deine Werke aus der Reihe Thailand Casino zu zeigen. Warum?

Headache Stencil: In meinen Werken geht es um die vielen Versprechen, die die Militärjunta seit ihrer Machtübernahme 2014 gebrochen hat. Galeriebesitzer in Thailand haben Angst, Probleme mit der Regierung zu bekommen. Ich kann das verstehen.

Stehen Künstler in Thailand unter Druck?

Headache Stencil: Ja, kritische Künstler stehen in Thailand unter Druck. Viele von ihnen trauen sich nicht, Kritik offen zu äußern. Einige bleiben aus Angst anonym. Übrigens werden in Thailand selbst für das Teilen von Inhalten in sozialen Netzwerken Strafen ausgesprochen.

Kunstfreiheit ... Gibt es so was in Thailand?

Headache Stencil: Zensur hat in Thailand Tradition. Es gibt verschiedene Formen von Zensur. Seit dem Militärputsch wird sie massiv weiter ausgebaut. Ein falscher Link, ein unbedachter Share oder Like bei Facebook kann reichen, um jemanden ins Gefängnis zu befördern.

3 Fragen an den Fotografen Manit Sriwanichpoom

NOIZZ: Vor welchen Herausforderungen stehen junge Künstler in Thailand heute?

Manit Sriwanichpoom: Sei ehrlich. Sei mutig. Und frage dich ständig, ob deine Kunst von Nutzen für die Gesellschaft oder nur für dich ist. Wenn du dir sicher bist, dass du mit deiner Kunst das Richtige tust, dann gibt es keine andere Möglichkeit, als es einfach zu tun. Vergesse aber nicht, dich auf die Konsequenzen vorzubereiten.

Als einer der bekanntesten Fotografen Thailands dokumentierst du politischen Wandel, die Globalisierung und die Frage, was Thailand war, ist und werden wird.

Manit: Der politische und kulturelle Kontext ist der Schlüssel zu meiner Entscheidung darüber, wie ich Kunstwerke in der Öffentlichkeit präsentiere.

In Thailand warst du immer wieder mit Zensur konfrontiert. Auch in anderen asiatischen Ländern, zum Beispiel in China, kommt es immer wieder zu Zensur. Ist Kunst-Zensur allgemein ein asiatisches Problem?

Manit: Zensur in einem Land oder einer Gesellschaft hat eines gemeinsam: Sie ist der Akt der Angst von Menschen, die an der Macht sind. Sie sind sich ihrer eigenen Macht ungewiss. Sie lassen es nicht zu, von machtlosen Gegnern kritisiert oder herausgefordert zu werden.

Quelle: Noizz.de