Es war, als sei ein Ufo in der Stadt gelandet.

Das Wellblechdach beginnt sich langsam unter mir zu biegen. Aber nicht nur unter mir, sondern auch unter mehr als 100 anderen, die auf ein Parkhausdach am Johannisplatz geklettert sind. Kurz habe ich Angst, einzukrachen. Auch die anderen Dächer um mich herum sind voller Leute. Aus ganz Deutschland sind Menschen angereist, um ein Zeichen gegen Fremdenhass zu setzen.

Eins der vielen Dächer mit Konzertgängern Foto: Marie Kröger
Auch offene Treppenhäuser waren voll Foto: Marie Kröger
Die beste Perspektive für Insta-Pics Foto: Marie Kröger

Es ist Montag, und ich bin in Chemnitz auf dem #WirSindMehr-Konzert gegen Rechts. Ein beeindruckendes Line-up steht auf dem Programm: Marteria und Casper, Kraftklub, Trettmann, K.I.Z., Nura von SXTN, Feine Sahne Fischfilet und die Toten Hosen. Wow. Die Veranstalter hatten mit 5000 bis 10.000 Teilnehmern gerechnet; schon während des Events wird klar: Es sind deutlich mehr – rund 65.000, wie die Stadt Chemnitz später kommuniziert.

Der Blick auf die 65.000 Foto: Marie Kröger

Aber der Reihe nach. Der Bahnsteig am Berliner Hauptbahnhof ist leer. Ich frage mich, ob ich die einzige bin, die nach Chemnitz fährt. Und ich frage mich vor allem, was mich dort erwarten wird: Wasserwerfer? Fliegende Steine? Neonazis, die mich durch die Gegend schubsen? Letzteres befürchte ich am wenigsten – vielleicht, weil ich blond bin und blaue Augen habe.

Im Zug: Stimmung wie bei einem Junggessellenabschied. Die Gänge sind voll, Leute rauchen, in Leipzig werden Bierkästen durch die Fenster gereicht. Immer wieder linke Sprechchöre – ich verstehe nur irgendwas wie „Wir sind die solidarische ...“

Der Zug nach Chemnitz war wahnsinnig voll Foto: Marie Kröger

Dann Chemnitz: Stimmung zwischen Fusion-Festival und Stadtteilfest. Zu Anfang erst einmal eine Schweigeminute. Denn wir wären ja alle heute nicht hier, wenn Daniel H. noch leben würde – jener 35-jährige Chemnitzer, der vor mehr als einer Woche erstochen worden ist. Was dann passierte, kann eigentlich keiner verpasst haben, der in den vergangenen Tagen Fernsehen geschaut oder Zeitung gelesen hat: Demos von Rechts und Links, Hetzjagden auf Migranten, Neonazis und Hooligans, die die Stadt oder gar ganz Sachsen für sich reklamieren und Stimmung gegen Ausländer machen.

Auf der Bühne verkünden zwei Mädchen eines Jugendclubs ihre Zukunftsvisionen für Chemnitz. Ein Teenie neben mir wird ungeduldig, fragt seinen Kumpel: „Ey, wo bleibt Trettmann?“ Das Publikum um mich herum wird unruhig. Zwischendrinnen immer wieder „Nazis raus!“-Chöre.

Dann kommt Trettmann. Er erklärt, dass er seine Heimatstadt (Chemnitz) lieben würde und sowieso keinen Bock auf Nazis habe. Die Crowd jubelt, die Stimmung ist super. Endlich Party. Die Pressefotografen bringen ihre Teleobjektive in Position.

Der Rest ist – wie gesagt – ziemlich Festival-like: lange Schlangen vor Dixie-Klos und ein beeindruckender Geruchsmix aus Schweiß, Gras und Bier.

Gude Laune! Foto: Marie Kröger

Ich treffe eine Clique vom Label Universal Music, die mir erzählen, dass sie am Montag freibekommen hätten, um hierherfahren zu können – in einem eigens dafür gecharterten Bus.

Die Universals Foto: Marie Kröger

Als Feine Sahne Fischfilet aus Meck-Pomm loslegt, wird mir klar, dass hier nicht nur ein Zeichen gegen Rechts gesetzt wird, sondern auch für extrem Links – nämlich für die Antifa. Beim Auftritt der Punkband werden im Publikum besonders viele Antifa-Fahnen geschwungen. Bandleader „Monchi“ betont immer wieder, dass er wisse, wie es sich anfühlen würde, „allein unter vielen“ zu sein. Das deckt sich offenbar mit der Erfahrung vieler Linker in Chemnitz.

Zwischen den Konzerten komme ich mit Chemnitzern ins Gespräch, die mir erzählen, dass es für sie ganz normal gewesen sei, sich bei Demos gegen Rechts zu treffen – schon zu Schulzeiten. „Ganz nach dem Motto: Entweder biste Rechts oder Links“, wie mir ein Enddreißiger versichert.

Ramona und Thomas, auch Chemnitzer, sind überwältigt von der Masse: „Unsere Stadt bekommt endlich, was sie verdient, sagt Ramona. Und Thomas sagt: „Wir wollen uns nicht für unsere Stadt schämen müssen. In Chemnitz leben auch viele coole Leute.“ Darunter – so viel ist sicher – auch ihre Tochter Sunny, heute Abend wahrscheinlich eine der jüngsten Stimmen gegen Rechts.

Ramona, Thomas, Melanie und Sunny Foto: Marie Kröger

Ronny aus Greifswald hat sich direkt nach seiner Ankunft zum freiwilligen Spendensammeln gemeldet. Die Erlöse gehen an die Familie von Daniel H. Um dem 23-Jährigen herum bildet sich eine Traube an Menschen, jeder wirft was in seinen Eimer.

Ronny Foto: Marie Kröger

Meral und Khaleb (beide 25) kommen eigentlich aus Hamburg und Frankfurt, haben aber gerade ihren Spreewaldurlaub unterbrochen, um zum Konzert zu kommen. „Wir standen vor Chemnitz dreieinhalb Stunden im Stau“, sagt Meral. Deshalb gönnen sich die beiden sich bevor's losgeht noch mal schnell eine Pizza.

Meral und Khaleb Foto: Marie Kröger

Insgesamt stelle ich fest: Es sind zwar 65.000 Menschen nach Chemnitz gekommen, Sachsen oder gar Chemnitzer treffe ich aber relativ wenige an – dabei hat die Stadt doch über 240.000 Einwohner. Hatte ich einfach nur Pech? Schwer zu sagen ...

Auch ausmachbare Rechte sehe ich keine – vielleicht haben die diesmal einfach zu viel Schiss. Wir sind halt heute tatsächlich mehr.

Als die Toten Hosen ihr letzten Lied zuende gespielt haben, wissen die meisten nicht, wohin – ein bisschen wie nach einem gewonnenen WM-Spiel auf der Fanmeile (nur mit Antifa- statt Schland-Fahnen). Irgendwo soll ein Rave stattfinden. Jemand stimmt „Alerta! Antifacista!“ an. Wer jetzt noch da ist, will noch was erleben.

Vor dem Karl-Marx-„Kopp“ Foto: Marie Kröger

An der Stelle, wo Daniel H. erstochen wurde, droht die Lage zu eskalieren. Menschen stehen vor dem Blumenmeer, um sie herum unzählige Polizisten. Draußen, außerhalb des Polizeirings, Menschen, die „Nazis raus!“ brüllen. Die Antwort von drinnen, sächsisch gefärbt: „Ihr seid asozial!“

Die Stelle, an der Daniel H. erstochen wurde Foto: Marie Kröger

Dann: Lautsprecher. Die Polizei fordert die „Nazis raus“-Gruppe auf, sich 100 Meter von der Gedenkstätte zu entfernen. Direkt daneben: ein Dönerladen mit einer unfassbar langen Schlange.

Am Morgen danach gehe ich vom Hotel zum Bahnhof. Nebel liegt auf den Straßen, manche gleichen einem Trümmerfeld. Ein Mann des Chemnitzer Abfallentsorgungs- und Stadtreinigungsbetriebs schimpft leise vor sich hin, während er zerbrochene Bierflaschen und Mageninhalte beseitigt.

Mein Fazit: Zumindest die 65.000 Konzertgänger werden sich bei Chemnitz nicht mehr an rechte Hetze erinnern, sondern an eine große, relativ spontane Party mit guter Laune und langen Schlangen und den üblichen Verdächtigen, die's mal wieder übertrieben haben – ob politisch oder Rausch-technisch.

Quelle: Noizz.de