Wir haben mit jungen Iranern gesprochen.

Zehn Tage durfte ich erfahren, was persische Gastfreundschaft bedeutet. Ich habe in Privatwohnungen in Teheran, Esfahan, Schiraz und Ahwaz geschlafen. Auf dem Boden, auf den Perserteppichen. Doch Couchsurfing wird von der iranischen Polizei und der Regierung nicht gern gesehen.

Der Deal: Nenne niemals den Namen deines Hosts, Diskretion ist Sicherheit. Für den Fall des Falles hatte ich immer einen Hotelnamen parat, falls mich die Polizei kontrolliert. Trotzdem sind mehr als 35.000 Iraner bei Couchsurfing gelistet – mit Foto und Adresse.

Jetzt geht das Mullah-Regime gegen iranische Couchsurfing-Hosts vor.

Der iranische Geheimdienst drängt Couchsurfing Hosts, ihre Profile zu löschen

Als ich vor wenigen Tagen mit einem Freund aus Ahwaz telefoniere, ist er besorgt. Er wohnt in der Provinz Chuzestan am Persischen Golf, ist Student und hostet mindestens einmal die Woche Reisende bei sich zuhause. Er hat schon mehr als 100 Touristen auf der Durchreise in der kleinen 2-Zimmer-Wohnung, die er sich mit seinem Vater teilt, aufgenommen. Auch ich habe im Dezember auf einer kleinen Matratze im Wohnzimmer geschlafen. Damit soll jetzt Schluss sein, wenn es nach der Regierung geht, erzählt er mir.

Mit Couchsurfing kann man hinter verschlossene Türen blicken

Er schickt mir einen Screenshot von einer Nachricht auf Couchsurfing, die von einem Account des iranischen Geheimdienstes (Ministry of Intelligence) gesendet wurde, so vermutet er. Auch Freunde von ihm haben jene Nachricht bekommen, in den die Regierung die Nutzer auffordert, ihre Profile zu löschen: "Hiermit warnen wir Sie, dass Sie Ihre Aktivitäten auf dieser Website und ähnlichen Websites einstellen und Ihren Account sofort nach Erhalt dieser Nachricht löschen müssen", heißt es darin.

Viele Touristen könnten Spione sein und die Regierung hätte keine Kontrolle mehr darüber.

Und weiter: "Wenn Sie diese Warnung nicht ernst nehmen, werden die angemessenen rechtlichen Schritte für Ihre Festnahme und die Auslieferung an die Justizbehörde eingeleitet."

Bis jetzt war Couchsurfing eine wunderbare Option für Touristen den echten Iran kennenzulernen, fernab von geführten Touren und Pauschalreisen – und für Iraner, um Kontakt zu Menschen außerhalb der islamischen Republik zu halten.

Obwohl es im Iran verboten ist: Dutzende bieten einen Schlafplatz über Couchsurfing an

Die iranische Regierung hat ihren Bürgern nahe gelegt, den Kontakt zu Ausländern zu meiden.

Man bedenke: Das Internet im Iran ist reguliert. Seiten wie Facebook, WhatsApp und Couchsurfing.com funktionieren nur mit einer verschlüsselten VPN-Verbindung, die alle nutzen, obwohl dies de facto verboten ist. Auch die Einreisebestimmungen sind nicht ohne: Wer die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, darf das Land nur mit einem Touristenführer für die gesamte Dauer bereisen. Und für alle anderen gilt: Ob man überhaupt ein Visum (75 Euro) bekommt, ist oft nicht klar.

Jetzt fühlen sich viele Iraner unsicher, denn sie wissen nicht, ob die iranische Polizei nun ihre Informationen und die Chatverläufe mit Touristen hat. Trotzem lassen sie sich nicht einschüchtern und nutzen statt der gängigen Couchsurfing-Plattform eine andere, nämlich den Messenger Telegram. Mein iranischer Bekannter erzählt mir, dass viele Couchsurfing-Hosts aus dem Iran Gruppen gründen, um sich mit den Reisenden zu besprechen. Er läd mich in eine Gruppe ein, sie hat jetzt schon mehr als 1.000 Mitglieder. Unzählige Bilder und Anfragen werden hier ausgetauscht.

"Hi everyone! We're from Germany and traveling through Iran. Right now we are in Dezful and we'd like to come to Kermansha on tuesday! We would like to experience persian new year with a persian family. We would be greatfull if one of you could host us for two nights."

Schon nach wenigen Minuten werden Nummern und Adressen ausgetauscht.

Der neue Deal: "Wir bitten die Touristen, keine Bilder mit uns zu posten und auch keine Bewertungen zu schreiben. Sollte die Regierung unsere Profile checken, leugnen wir, Reisende bei uns aufgenommen zu haben", erzählt er mir.

Das ist nicht einfach im Iran – Menschen sind schon für weniger inhaftiert worden.

  • Quelle:
  • Noizz.de