Wo der Klimawandel seine Ursprünge hat wissen viele nicht – und ignorieren die brutale Geschichte dieser Anfangszeit absichtlich. Doch sie zieht sich bis heute durch und ist mitunter der Grund, warum die Klimabewegung so weiß ist.

Kolonialismus – das Wort hast du wahrscheinlich schon mal im Geschichtsunterricht gehört. Irgendwas mit Briten, die die halbe Welt besitzen wollten. Ist halt aber Geschichte. Oder? Falsch. Der Kolonialismus prägt noch heute die gesamte Weltordnung und so gut wie alles, was du täglich in den Nachrichten hörst, zum Frühstück isst oder in den Klamottenläden kaufst, hängt eng mit ihm zusammen.

Das alles in einem Artikel zu erklären, wäre verrückt – man kann ganze Bibliotheken mit den Folgen des Kolonialismus füllen. Doch es gibt eine fatale Folge, gegen die gerade unglaublich viele auf die Straße gehen – und nicht einmal wissen, dass sie eine Folge des Kolonialismus ist: Der Klimawandel.

Da die Zusammenhänge sehr kompliziert sind, kommt hier noch einmal ein kleiner Gedächtnisauffrischer.

Was ist Kolonialismus überhaupt?

Wie du wahrscheinlich weißt, haben viele europäische Staaten sich in den letzten 500 Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Als eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte gilt der Kolonialismus – die gewaltsame Inbesitznahme von Ländern und Gebieten und die Ausbeutung der dort einheimischen Bevölkerung. Zwar gab es schon im 15. Jahrhundert eine erste Phase der Kolonialisierung, im späten 19. Jahrhundert kam es aber zu einem wahren Wettrennen verschiedener europäischer Länder um Gebiete in Afrika.

Um ihre Macht auszubauen und ihre Wirtschaft zu stärken, griffen Nationen wie Großbritannien, Spanien, Portugal, Frankreich, die Niederlande, Deutschland und Italien zu brutalen Methoden: Sie beschlagnahmten Rohstoffe der kolonisierten Länder, beuteten die Einheimischen aus, entrechteten, versklavten, verschleppten und töteten sie.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 lebte mehr als die Hälfte aller Menschen dieser Welt in Kolonien. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 gaben die europäischen Staaten ihre Kolonien allmählich wieder auf, so dass diese Länder unabhängig wurden.

Dass sich weiße Europäer über die Einwohner anderer Kontinente erhoben und sich im Recht sahen, diese auszubeuten, hat selbstverständlich viel mit einem Überlegenheitsdenken und Rassismus zu tun – eine Denkweise, die noch heute erschreckend viele Anhänger hat. Was das jedoch mit dem Klimawandel zu tun hat, habe ich zwei gefragt, die sich damit auskennen: Sandra Kebede (21) und Frederick Peña Sims (21). Sie beide studieren Politikwissenschaft in Berlin und geben Workshops über die Ursprünge des Klimawandels im Kolonialismus und Rassismus in heutigen Klimabewegungen.

Frederick und Sandra

Sie sagen: Die Klimakrise ist nicht neu. Seit dem Kolonialismus kollabieren Ökosysteme im Globalen Süden immer wieder. Mit dem "Globalen Süden" ist die Ländergruppe der Entwicklungs- und Schwellenländer gemeint, zu denen auch die ehemals kolonisierten Länder gehören. Ihm gegenüber steht der Globale Norden, mit dem die reichen Industrieländer gemeint sind – darunter die ehemaligen Kolonialstaaten. Wir also.

"Wir müssen uns von diesem Narrativ lösen, dass der Klimawandel in der Zukunft stattfindet und es jetzt gerade beginnt. Er ist schon seit langem im Gange, nur dass die Öffentlichkeit erst jetzt seine Folgen bemerkt und ernstnimmt ", sagt Sandra.

Raubbau an Ressourcen

Dass die Ökosysteme in den kolonisierten Ländern kollabierten und es immer noch tun, liege vor allem daran, wie die Kolonialstaaten mit den Ressourcen vor Ort umgingen – nämlich alles andere als nachhaltig, erzählt Sandra weiter. "Mit dem Kolonialismus ging unter anderem ganz viel Entwaldung und Anpflanzung von Monokulturen einher". Auch Ölbohrungen und Raubbau an anderen Ressourcen hätten die Natur vor Ort zerstört. Die Folge: Dürre, extreme Wetterereignisse, Ernteausfälle. Für alle, die es noch nicht bemerkt haben: Das sind die Schreckensszenarien, die hierzulande manche als unwahrscheinlich oder sogar als Verschwörungstheorie abtun. Nur, dass Menschen im Globalen Süden sie eben schon längst durchlebt haben. Mehrmals.

Man könnte jetzt denken, mit der staatlichen Unabhängigkeit von den Kolonialmächten, hätte auch die Ausbeutung des Landes und seiner Bewohner aufgehört. Falsch gedacht. "Einige ehemalige Kolonialstaaten des Globalen Südens dienen noch immer als "Rohstoffkammern" von Ländern des Globalen Nordens", sagt Frederick. Als Beispiel führt er die Produktion von Smartphones an.

Blutige Konflikte und Umweltzerstörung im Kongo

Für die werden nämliche rare Mineralien und Erze gebraucht, wie zum Beispiel Coltan, das vorwiegend aus Minen in der Demokratischen Republik Kongo stammt. Dieses wird vor Ort nicht nur unter so menschenverachtenden Bedingungen gewonnen, dass sich große Unternehmen wie Apple immer wieder unter Druck sehen, bestimmte Minen aus ihrer Lieferkette zu verbannen. Um Minen, in denen solche Rohstoffe abgebaut werden, gibt es sogar schon seit Langem erbitterte Konflikte von verschiedenen Interessengruppen vor Ort, die nicht selten tödlich enden. Doch auch in zertifizierten Minen, die zum Beispiel auf Kinderarbeit verzichten und strengeren Regeln unterworfen sind, verdienen die Schürfer schlecht. Das Erz aus dem Kongo ist vergleichsweise günstig: Die Kosten des Abbaus im Kongo liegen bei etwa 20 Dollar pro Tonne, in Australien, Kanada oder den USA sind sie fünfmal so hoch. Viele Schürfer jedoch sind auf die Arbeit und die Bezahlung, so niedrig sie auch ist, angewiesen.

Doch nicht nur die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo leiden unter dem stark ausgeweiteten und kaum kontrollierten Bergbau. Während des Coltan-Booms um das Jahr 2000 herum hat auch die Umwelt in der Region massiv gelitten. Viele Minen liegen im Kahuzi-Biega-Nationalpark, in dem einige der letzten Gorillas beheimatet sind. Deren Lebensraum wurde durch Abholzung für neue Minen schrittweise weiter zerstört.

Imperiale Lebensweise – im 21. Jahrhundert?!

"Menschen und Umwelt im globalen Süden werden für den Wohlstand im Globalen Norden systematisch zerstört", fasst Frederick die Problematik zusammen. Und genau dafür gibt es einen Begriff, der erstmal erschreckend und vor allem unzeitgemäß klingt: Imperiale Lebensweise.

Das bedeutet: Menschen, vor allem im Globalen Norden, bedienen sich, wie im Kolonialismus und auch als Folge dessen, an den ökologischen und sozialen Ressourcen andernorts, um sich selbst einen hohen Lebensstandard zu sichern.

Wir hier in Deutschland pflegen also heutzutage noch eine imperiale Lebensweise? "Definitiv", sagt Imeh Ituen, Aktivistin und Mitglied des "BPoC Environmental and Climate Justice Collective", eine Kollektivs, das sich mit Klimagerechtigkeit aus der Perspektive von Schwarzen Menschen und Menschen of Color (BPoC) beschäftigt. "Die deutsche Gesellschaft pflegt im Großen und Ganzen eine imperiale Lebensweise", sagt sie. Und das nicht nur wegen unserer Smartphones, die Menschen im Kongo, wie eben beschrieben, mit ihrem eigenen Leben bezahlen. Ein großer Faktor sei laut Ituen auch die Menge an CO2, die wir hierzulande ausstoßen würden. Und die sei erschreckend hoch. "Ich habe habe am 16. Januar für einen Vortrag einmal beispielhaft ausgerechnet, wie hoch der Ausstoß im Vergleich ist.

Pro Kopf wurde an dem Tag in Deutschland die gleiche Menge CO2 ausgestoßen, wie in Äthiopien innerhalb von vier Jahren.

Diese Produktions-, Wirtschafts- und Lebensweise wäre nicht möglich ohne die Ausbeutung von Menschen andernorts", so Ituen. Wer mehr über den sogenannten Pro-Kopf-Ausstoß wissen möchte, kann hier mehr erfahren.

Doch haben wir nicht eigentlich Klimaverträge und Richtlinien, an die sich Unternehmen in Deutschland halten müssten? Eigentlich schon – aber es gibt ein Schlupfloch, dass viele Unternehmen auszunutzen wissen: CO2-Emissionen werden dem Land zugerechnet, auf dessen Staatsgebiet sie erfolgen. Bei internationalem Handel, wie zum Beispiel der Produktion von Smartphones, geht der Ausstoß auf die Rechnung des Erzeugerlandes, nicht des Landes, das die Wahren produzieren lässt. Firmen, die von Billigarbeitskräften im Ausland produzieren lassen, sind also schön aus dem Schneider.

Umweltrassismus vor unserer Haustür

Der Gobale Norden gefährdet also infolge des Kolonialismus und eines darauf fußenden, anhaltenden rassistischen Weltbilds Mensch und Natur im Globalen Süden. Das ist etwas, das wir zwar in den Nachrichten beobachten können, nicht aber direkt vor unserer Haustür – oder? Wieder falsch gedacht. Denn der sogenannte Umweltrassismus ist sogar in Berlin zu sehen.

"Sichtbar wird der Umweltrassismus in Berlin vor allem, wenn wir uns die Karte für Luftverschmutzung angucken. Dort ist nämlich zu sehen, dass Luftverschmutzung in Kreuzberg und Neukölln mit am höchsten ist – Stadtteile wo zum einem großen Teil BPoCs wohnen. Das gleiche sieht man zum Beispiel der Kurt-Schumacher-Damm, wo auch viele BPoCs wohnen – das finde ich ziemlich eindrücklich", sagt Imeh Ituen.

Jetzt würden manche sagen, das habe vor allem mit Einkommen und nicht der Hautfarbe zu tun, wo ein Mensch wohne. "Aber Race und Class sind sehr eng miteinander verbunden. Leute, die in den 70er oder 80erJahren nach Deutschland kamen, wie mein Vater, konnten sich nämlich nicht aussuchen, wo sie hinziehen wollten. Und so ist diese Verteilung in der Stadt, wer wo wohnt, auch einfach historisch gewachsen." Das habe auch mit strukturellem und institutionellem Rassismus zu tun, zum Beispiel ungleichen Zugängen zum Arbeits- und Wohnungsmarkt.

In Deutschland werde nicht erhoben, wie viele Menschen of Color mit bestimmten Krankheiten, zum Beispiel Lungenleiden ins Krankenhaus kommen. In den USA jedoch werde dies erhoben – mit einem erschreckenden Ergebnis: "Bei Hitzewellen in New York und Chicago ist die Sterberate von Schwarzen Menschen um 50 Prozent höher ist als die von weißen Menschen. Ähnlich ist es mit Asthma und anderen Krankheiten, die mit Umwelt- und Luftverschmutzung zu tun haben – auch hiervon sind BIPoC überproportional betroffen", so Ituen. Ähnliches könne man auch für Deutschland annehmen – bloß fehlten dafür die entsprechenden Daten.

Doch wenn People of Color auf der ganzen Welt stärker von den Folgen des Klimawandels betroffen sind – warum sind es dann die weißen, europäischen Aktivistinnen Greta Thunberg und Luisa Neubauer, die uns beim Stichwort Fridays for Future zuerst in den Sinn kommen? Gibt es etwa nur so wenige AktivistInnen of Color?

"Weltweit gesehen ist die Klimabewegung gar nicht weiß. An vorderster Front stehen überall auf der Welt People of Color, zum Beispiel indigene Menschen, für die der Klimawandel ein täglicher Kampf ist", erklärt Frederick. "Nur: Diejenigen, die seit Langem protestieren, sind nicht mehr berichtenswert – sie sind der Dauerzustand und noch dazu ganz schön weit weg."

Mit Fridays for Future aber rücken Klimaverbände und AktivistInnen plötzlich viel stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Da müssten ja auch nicht-weiße AktivistInnen sichtbar werden. Warum geschieht das nicht?

Laut Frederick hat die fehlende Diversität in der Klimabewegung viel mit Privilegien zu tun. "Wie sehr sich ein Mensch in der Lage und berechtigt dazu sieht, auf der Straße zu protestieren, hängt häufig auch von seiner Herkunft ab", sagt er. Das Gefühl, etwas konstruktiv einbringen zu können, sei bei vielen Menschen, die nicht der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören, einfach nicht da. "Da braucht es ein bisschen mehr Zufall, oder sogar Glück, damit eine Person of Color in Deutschland in diese Umwelt-Schiene reinrutscht." Wenn die Person schließlich in einer Umweltgruppe sei, komme es aber auch darauf an, wie stark eine Person sich einsetze, um in eine hohe Position zu kommen. Wenn die Eltern keine Finanzspritzen geben können, heißt es dann schnell: Nebenjob statt Engagement.

"Green Lifestyle" als Ticket in die Klimabewegung

Vor allem dann spiele das Elternhaus aber auch eine Rolle, wenn es um den "Green Lifestyle" gehe, sagt Sandra. "Ich kann mich daran erinnern, dass sich in meiner Grundschule vor allem die Kinder für Nachhaltigkeit engagiert haben, die aus wohlhabenden Familien kamen. Die, deren Eltern es sich leisten konnten, bei Alnatura einzukaufen. Für marginalisierte Menschen ist der Zugang zu diesem Lifestyle einfach nicht da." Obwohl der nicht mit Nachhaltigkeit gleichzusetzen sei, gebe er trotzdem ein Gefühl von: Ich tue etwas für die Umwelt, ich habe ein Recht, mich zu dem Thema zu äußern.

Dann gibt es da noch die Sache mit den Flügen: Menschen, die Familie in Ländern wie zum Beispiel Äthiopien haben, müssen Flugreisen antreten, um ihre Familien zu besuchen. Auch da das Gefühl: Mein eigenes Verhalten ist nicht nachhaltig genug, ich bin nicht berechtigt, gegen den Klimawandel zu protestieren. Flughafenblockaden von Klimabewegungen unterstützen dieses Narrativ auch noch.

Deshalb sei der Fokus auf Individuen so problematisch, sagt Frederick. "Viel wichtiger ist es, das System hinter dem Klimawandel und die großen Firmen zu kritisieren, die ihn vorantreiben." Das tue Fridays for Future teilweise schon. Oft werde es aber auch so dargestellt, als sei das Individuum vollends für sein Konsumverhalten verantwortlich. "Wenn man dieses Narrativ immer weitertreibt, dass Individuen den Klimawandel aufhalten können, dann geraten ganz schnell Menschen, die kein Geld haben ins Hinterher-Hecheln."

Neben Privilegien sei es aber auch eine gewisse Bequemlichkeit, die junge Menschen zu Klimademos gehen lasse – aber nicht etwa zu einer antikolonialen Demo. "Ich glaube, in Deutschland gehen auch so viele Studierende zu dem Thema auf die Straße, weil es ihnen nicht wehtut", sagt Sandra. "Freitags mal nicht zur Uni zu gehen, bei Alnatura einzukaufen und vegan zu essen lässt sich einfach in den Alltag integrieren. Bei Klimademos musst du dir keine unbequemen Fragen über den eigenen Profit vom rassistischen System und die eigenen Verhaltensweisen in Situationen stellen, in denen andere rassistisch behandelt werden. Bei antikolonialen Demos werden die eigenen Privilegien viel mehr hinterfragt und die Menschen fühlen sich unwohler. Klimademos dagegen sind ein schönes, wohliges Umfeld."

Was also lässt sich nach einem – zugegeben ganz schön schockierenden – Exkurs in die Geschichte festhalten? Ganz klar: Der Kolonialismus streckt seine Finger in die Gegenwart aus – und wir schauen einfach nicht hin. Wir schauen nicht hin, wenn extreme Wetterereignisse im Globalen Süden die Bevölkerung bedrohen, wenn für unsere Smartphones Mensch und Natur ausgebeutet werden – und auch dann nicht, wenn uns eigentlich auffallen sollte, dass auf unserer Demo kaum eine Person of Color ist. Und warum nicht?

Weil unsere ganze Weltordnung auf dem gleichen System aufgebaut ist, das auch die Klimakrise befeuerte: Die Einteilung von Menschen in die Gruppen "schützenswert" und "nicht schützenswert", die sich von jeher rassistischer Stereotypen bediente. Nach 500 Jahren wird es langsam mal Zeit, dieses System zu erkennen – und es ein für alle mal in die Geschichtsbücher zu verbannen.

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Quelle: Noizz.de