Dabei war ich nie Mitglied in der Jungen Union.

(Eine Art Nachruf auf Altkanzler Helmut Kohl, der mit 87 Jahren gestorben ist.)

Helmut Kohl war immer da – jedenfalls in meinem Leben. Ich bin 1981 in Zürich geboren, und ein Jahr später wurde Kohl erstmals Kanzler. Vier Jahre später zogen wir nach Berlin, drei Jahre später fiel die Berliner Mauer.

Es war 1989, ich war acht Jahre alt, und die Stimmung erinnerte mich irgendwie an Silvester. Party. Alle waren voll aufgekratzt. Und immer, wenn ich an damals zurückdenke, sehe ich meine große Schwester aufbrechen – zusammen mit einer Freundin auf zur Berliner Mauer.

Heute glaube ich, dass das gar nicht stimmt. Dass sie eigentlich die ganze Zeit bei mir zu Hause war. Sie war damals nämlich elf, und Berlin verdammt groß. Und das Ganze passierte ja auch quasi in der Nacht.

Das nächste Mal hatte ich 1998 mit Helmut Kohl zu tun. Ich war 17, seit zwei Jahren auf einem Internat und verbrachte den Sommer gerade in Berlin. Und Kohl versuchte gerade die Deutschen zu überzeugen, ihn zum fünften Mal zum Bundeskanzler zu wählen.

In der ganzen Stadt hingen seine Plakate. Er. Dynamisch. Zumindest sein Zeigefinger. Oben: „Weltklasse für Deutschland“. Unten: „CDU.“

Unser Autor wollte auch „Weltklasse für Deutschland“ sein Foto: CDU

Es war ein lauer Sommerabend, und ich hatte noch Lust, in meinem Kiez spazierenzugehen. Bei mir trug ich einen schwarzen Edding 800. Damals nannte ich mich selbst nämlich noch „Writer“.

Und da sah ich die wundervollen Helmut-Kohl-Plakate. Sie hingen in allen Straßen und an allen Bäumen. Helmut Kohl und sein Wahlkampf waren mir völlig egal. Nur, ich wollte genauso viel Aufmerksamkeit wie er. Mein Pseudonym! In allen Straßen! An allen Bäumen! Bamm, bamm, bamm! Ich. Weltklasse für Deutschland. CD-wer?

Und so legte ich los und ließ kein Plakat aus. Überall taggte ich meinen Namen drauf.

Dann beging ich einen Fehler: Ich fing an zu joggen, weil es schon spät war, und ich schnell nach Hause wollte. Auf halbem Weg passierte mich ein Polizei-Mannschaftswagen. Er hielt an, und fünf Polizisten sprangen raus – alle in vollständiger Kampfmontur. Sie rannten auf mich zu, und ich schmiss den Edding weg, aber natürlich hatten sie die Aktion gesehen.

Hände hoch. An die Wand. Abtasten. Handschellen. Hausdurchsuchung. Auf die Wache. Fingerprints. Gangsterfoto. Mama weint.

Der CDU-Ortsverein reagierte sehr entspannt. Er würde darauf verzichten, Anzeige zu erstatten, wenn ich die Plakate neu kleben würde. Das tat ich. Einen heißen Sommertag lang. Am Abend kannte ich Kohl ziemlich gut.

Ein Plakat hob ich auf und nahm's mit aufs Internat und hängte es dort in meinem Zimmer übers Bett. Heute verstehe ich erst richtig, warum: Meine Jugend ging zu Ende, als Kohl nicht mehr Kanzler war.

Quelle: Noizz.de