Rudy Giuliani hielt erneut eine Rede, in der er Trumps Wahlsieg beteuerte und vor allem darauf bestand, dass die US-Wahl noch nicht vorbei ist. Den Quatsch, den er inhaltlich von sich gab, manifestierte er auch durch seinen beispiellos lächerlichen Auftritt. Über den Abstieg eines Mannes, der einst ein Held war. Und sein schmelzendes Haupthaar.

Rudy Giuliani macht ja schon länger von sich Reden: Der Jurist ist seit Jahren im Einsatz als Trumps erster Kampfterrier und griff bereits während Trumps Amtszeit immer wieder Kritiker*innen desselben an – meist verhielt er sich dabei ebenso niveaulos, wie wir es von Donnie selbst kennen. Schön war das nie – aber was in den letzten vier Jahren des Weißen Haus war schon schön? Vielmehr wurde uns allen ein riesengroßes Trauerspiel geboten, in dem ein Tiefpunkt den nächsten unterbietet.

Giuliani erreicht neue Tiefpunkte amerikanischer Politik

Nun schafft Giuliani aber, was keiner mehr für möglich gehalten hätte: Der 76-Jährige erreicht neue Abgründe auf dem Parkett amerikanischer Politik. Am Donnerstag hielt Giuliani und sein Team in einem kleinen Pressesaal in Washington eine Pressekonferenz, Trump selbst kündigte die Veranstaltung auf Twitter als sehr wichtig an. Das Thema ist natürlich die US-Wahl, in dessen Wade sich Rudy mit so richtig Schmackes festgebissen hat und auf keinen Fall loslassen will. Er leitet das Team von Jurist*innen, die sich mit dem angeblichen Wahlbetrug in Amerika befassen. Ihre Schlagrichtung: Die US-Wahl wurde von den Demokraten "geraubt" und Joe Biden sei illegal an die Stimmen von 306 Wahlleuten gekommen. Der eigentliche Gewinner sei Donald Trump.

Da es bisher keinerlei wirkliche Beweise für den angeblich großflächigen Wahlbetrug gibt, verliert Trump und sein Kabinett aus Jura-Marionetten auch einen Rechtsstreit nach dem nächsten. Auch bei der angeblich so wichtigen Pressekonferenz werden keinerlei neue Erkenntnisse geliefert – dafür geht es aber richtig schön bizarr zu. Sidney Powell, Anwältin in Giulianis Team, etwa faselte in der 90-minütigen Trump-Dauerwerbesendung irgendwas von kommunistischen Geldern aus Venezuela und den ungarischen Investor George Soros. Was die mit der US-Wahl zu tun haben? Weiß keiner, aber gut, dass sie auch mal genannt wurden.

US-Wahlbetrug: Ein riesiger Skandal ohne Beweise

Giuliani hingegen hat megaviele Beweise und Zeug*innen, kann sie aber nicht nennen, weil er sich um deren Sicherheit sorgt. Verstehen wir natürlich. Wir haben für unsere journalistischen Glanzleistungen übrigens schon unzählige Preise gewonnen und haben dafür auch Zeugen, die sind aber gerade nicht zu sprechen, weil sie noch auf Klo sind und wir Angst haben um deren Sicherheit. Es gab noch weiteren Quatsch von Giuliani und seinen Juristen-Jammerlappentrupp, allerdings nichts von Belang und vor allem: nichts von Wahrheit. CNN strahlte die lächerliche Lügen-Parade zwar nicht aus, demontierte aber sämtliche Behauptungen von Trumps Team nach Strich und Faden und in allen Einzelheiten.

Nee, auch aus anderer Perspektive nicht schöner: Giulianis sich verabschiedendes Haar.

Giuliani könnte uns egal sein – sein fließendes Haar ist es aber nicht

Der ganze bedauernswerte Zirkus könnte einem ja eigentlich herrlich egal sein. Man könnte sich zurücklehnen und warten, bis die Situation einfach ausgeblutet ist – wenn die Republikaner*innen um Trump sich nicht so konsequent und wiederholt ins Aus katapultieren würden. Giuliani log nämlich nicht nur vor sich hin, griff nicht nur sämtliche Medien-Vertreter*innen an und blökte immer wieder wild fuchtelnd irgendwelchen Blödsinn um sich. Sämtliche Journalist*innen wurden auch Zeugen, wie sich Giulianis Haupthaar, offensichtlich mit billigsten Färbemitteln präpariert, aufzulösen begann. In dunkelbraunen Schweißfäden lief die Haarfarbe Rudys Knitterwangen hinab und bot das perfekte Sinnbild für die schwindende Hoffnung einer zweiten Trump-Amtszeit.

Giuliani und sein Team bei der wichtigen Pressekonferenz zwischen Sexshop und Gartencenter. Die Kulisse ist so malerisch wie pittoresk.

Übrigens war das nicht die erste Folge von Rudys verstörender Quatsch-Comedy-Show. Die Lacher des Erdballs waren ihm schon vor wenigen Wochen sicher, als er ebenfalls zur mega-wichtigen Pressekonferenz lud. Auch hier bewarb Trump den Auftritt im Vorfeld bei Twitter, die Konferenz sollte im Luxushotel "Four Seasons" in Philadelphia stattfinden. Offenbar scheitert Trumps Team aber nicht nur an der Unterscheidung von Wahrheit und Lügen – ihre Kompetenz gerät bereits bei Hotelbuchungen an ihre Grenzen. Jedenfalls hatte anscheinend jemand das falsche "Four Seasons" reserviert und Giuliani fand sich mitsamt zahlreicher Presse-Vertreter*innen in einem schmucklosen Vorort zwischen einem Gartencenter und einem Sexshop wieder, wo Giuliani ebenfalls eine wenig nennenswerte Rede hielt.

Rudy, was ist bloß aus dir geworden?

Die schmelzenden Haare des alternden Mannes, die Pressekonferenz im Hinterhof neben einem Dildo-Fachgeschäft – man kann es einfach nicht ignorieren, man muss seinen Blick mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination auf das schauerliche Debakel heften. Vor allem, weil Rudy Giuliani vor wenigen Jahren noch weltweit als Held der Stunde gefeiert wurde.

Damals war er das unbeugsame Gesicht New Yorks: Als am 11. September 2001 Flugzeuge in die Twin Tower der amerikanischen Metropole flogen, traf das die Amerikaner*innen und die gesamte westliche Welt mitten ins Herz. Die Terroranschläge erschütterten die Menschen, Amerika wankte und wirkte plötzlich verwundbar. Aber Giuliani, damals Bürgermeister der Stadt, meisterte die Situation bestens. Er spiegelte authentisch die Angst und die Verzweiflung der Amerikaner*innen, schaffte es aber dennoch, Einheit und Kampfgeist zu etablieren. Er war stark in die Bergungsarbeiten und die Rettungsaktionen rund um den Terroranschlag involviert. Für seine Leistung wurde er 2001 vom renommierten "Time-Magazine" zur Person des Jahres gewählt, er wurde als "Americas Major" ("Amerikas Bürgermeister") bezeichnet.

In Interviews war er sonst eigentlich auch ganz ok, er äußerte sich beispielsweise positiv darüber, wie beeindruckt er von der Arbeit Obamas ist und argumentiert für Einigkeit des amerikanischen Volkes. Man muss sich ernsthaft fragen, wann Giuliani die falsche Ausfahrt genommen haben muss. Was ist bei ihm schief gelaufen, sodass er nun Lügen verbreitet, Quatsch erzählt, sich schimpfend neben Dildo-Fachgeschäfte stellt, als wirrer Opa mit schmelzendem Haar abgelichtet wird und in einem Fernsehinterview sogar sagt, man solle einige Demokraten köpfen?

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Unsere Erklärung: Trump und Giuliani nutzen beide dasselbe Haarfärbemittel, gesponsert von Putin himself, direkt eingeflogen aus russischen Laboren, dass langsam, aber sicher durch die Schädeldecke hindurch wirkt und beständig das Gehirn zersetzt. Klingt zu abenteuerlich? Vielleicht. Vermutlich ist Giuliani einfach irgendwann seine Macht oder sein Einfluss zu Kopfe gestiegen und nun haben wir das Grauen. Der einzige Trost, der uns bleibt, ist, dass der Spuk bald vorbei ist. Trumps ständiges Krakeelen von Wahlbetrug nimmt nämlich keiner mehr ernst und mit dem neuen Jahr kommt der neue Präsident. Spätestens dann muss Giuliani zurück in sein Körbchen. Bitte den Maulkorb nicht vergessen.

  • Quelle:
  • NOIZZ.de