In „Shababtalk“ spricht Jaafar Abdul Karim regelmäßig über Tabuthemen.

Mehrfach ist seine Sendung schon zum Skandal geworden: Im Sudan, als eine junge Frau und ein Islamgelehrter sich vor laufender Kamera heftig stritten, in Jordanien beim Thema sexuelle Belästigung, in Ägypten in Sachen sexuelle Selbstbestimmung (Überblick).

Dabei schauen die Sendung teilweise Millionen – und schlagen sich auf die eine oder andere Seite. Wichtig: Jaafar Abdul Karim gibt der jungen arabischen Community eine Plattform, um über Themen zu diskutieren, die sonst Tabu sind: Themen wie politische, religiöse oder sexuelle Freiheit. Das funktioniert, weil Shababtalk vom deutschen Auslandssender Deutsche Welle produziert und ausgestrahlt wird – auf arabischer Sprache.

Der Moderator selbst, Jaafar Abdul Karim, ist in Liberia geboren und wohnt seit 16 Jahren in Deutschland. Wer seine arabisch-sprachige Sendung mangels Sprachkenntnissen nicht versteht, aber an der jungen arabischen Welt interessiert ist, kann auf sein Buch Fremde oder Freunde? zurückgreifen, das er 2018 beim Rowohlt-Verlag veröffentlicht hat.

Im NOIZZ-Interview haben wir ihn unter anderem gefragt, wie es um die arabische Jugend in Deutschland bestellt ist.

NOIZZ: Jaafar, du bist Journalist, Moderator und Autor. Dein Herzensthema sind die Menschenrechte. Würdest du dich auch als Aktivisten bezeichnen?

Jaafar Abdul Karim: Nein, definitiv nicht. Ich bin ein Journalist, der recherchiert und hinterfragt, der zuhört und einordnet. Und ich bin ein Moderator, der durch eine Sendung eine Plattform hat, wo Leute miteinander reden und nicht übereinander.

Wie gehst du mit der Frage der Neutralität als Moderator um? Bist du neutral?

Jaafar: Es ist nicht immer einfach, aber ich schaffe das. Es geht in meiner Sendung nicht um meine Meinung, sondern um die Meinung der Gäste. Ich habe allerdings eine Haltung. Aber eine Haltung ist etwas anderes als eine Meinung. Mit deiner Meinung bist du immer ein Teil der Story. Haltung dagegen ist eine Grundposition, die du für den Journalismus brauchst. Meinen Gästen und Zuschauern muss klar sein, wofür ich stehe, und dadurch kann ich alle Themen ansprechen. Ich stehe für Menschenrechte und Pressefreiheit.

Deine Sendung heißt Shababtalk. Was ist ihr Inhalt?

Jaafar: 2011 fing der sogenannte Arabische Frühling an. Junge Leute wollten ihre Meinung äußern und über politische Themen und Religion sprechen, aber es gab im arabischen Medienraum keine freie und unabhängige Plattform dafür. Dort waren für gesellschaftliche Themen fast ausschließlich Politiker im Programm, und die Jugend wollte man mit Entertainment bei Laune halten. Shababtalk soll der jungen Generation eine politische Plattform bieten.

In arabischen Ländern wird wenig über Frauenrechte oder Homosexualität gesprochen. Warum ist es wichtig für dich, solche Tabuthemen zu behandeln?

Jaafar: Wir bekommen unglaublich viele E-Mails und Nachrichten über die Sozialen Medien, in denen Menschen über diese Themen sprechen wollen. Es ist wichtig zu diskutieren, und Shababtalk wird auch außerhalb der TV-Sendung aktiv als Forum genutzt. Ich finde, man muss alle Themen besprechen. Dabei muss aber der Umgang miteinander respektvoll bleiben. Aber es gibt für mich keine Tabuthemen, denn wer darf schon entscheiden, was ein Tabuthema ist? 

Ist deine Arbeit in Deutschland dann nicht gefährlich?

Jaafar: Morddrohungen aus Deutschland und arabischen Ländern sind für mich leider Alltag geworden. Ich bin vorsichtiger geworden, aber ich lasse mich in meiner Arbeit durch Extremisten – egal aus welcher Ecke – nicht einschränken oder einschüchtern.

Wie siehst du die junge arabische Community in Deutschland?

Jaafar: Es gibt nicht die eine arabische Community in Deutschland, die Community ist heterogen. Es gibt junge Leute, die sagen: Ich bin hier in Deutschland und fühle mich als Teil dieses Landes und ich respektiere das Grundgesetz.

Es gibt aber auch einen Teil der Community, der Deutschland nicht zum Teil von sich selbst macht und viele demokratische Werte wie Toleranz, Respekt vor Minderheiten und Gleichberechtigung nicht praktiziert. Sie schließen sich selbst aus. Da muss noch viel gemacht werden, vor allem durch die Politik. Gleichzeitig müssen diese Leute sich viel mehr einbringen in die Gesellschaft und nicht warten, bis sie integriert werden. Das heißt aber nicht, dass sie ihre Kultur aufgeben müssen.

Wir erleben zurzeit auch Rassismus in Deutschland. Wir haben Rechtsextremismus und religiösen Extremismus. Aber die Basis für ein Zusammenleben ist da. Jeder, der es will, kann hier in der Gesellschaft ankommen.

Die junge arabische Generation befindet sich oft in einer Identitätskrise. Wie können junge arabische Menschen da heraus finden?

Jaafar: Ein Grund dafür kann sein, dass sie auf Ablehnung stoßen. Aber es gibt überall auf der Welt Rassismus und Intoleranz. Man muss trotzdem weiter sein Ding machen und nicht auf andere warten. Ich kann da immer aus meiner eigenen Erfahrung als Deutscher mit Migrationshintergrund sprechen. Wenn du einmal hinfällst, stehe wieder auf. Wenn du noch mal hinfällst, stehe noch mal auf. Und so weiter.

Es gibt wahnsinnige Möglichkeiten in Deutschland. Auch wer nicht „typisch deutsch“ aussieht, kann sich deutsch fühlen, ohne dabei seine Herkunft aufzugeben. Du kannst dich als Zuwanderer entweder einsam fühlen – oder besonders.

Wie bewertest du die bisherige deutsche Integrationspolitik vor diesem Hintergrund?

Es muss in diesem Bereich noch viel mehr getan werden. Es gibt bestimmte Sätze von Politikern, die Teile der Bevölkerung scheinbar ausschließen oder ihnen die Fähigkeit absprechen, sich hier zu integrieren. Das darf nicht passieren. Es stört das Zusammenleben. Integrationspolitik muss bei den Menschen vor Ort stattfinden, in den Kommunen, in den Schulen. Wir sollten nicht von „No-go-Areas“ sprechen, wo Parallelgesellschaften leben. Genau in diesen Gebieten ist Integrationspolitik gefragt. Dort muss die Politik zusammen mit der Zivilgesellschaft Angebote schaffen. Ansonsten wird das Problem immer größer.

Gleichzeitig ist meine Einstellung, dass es mich als Zuwanderer nicht bewegt, wenn ein Politiker sagt, du gehörst hier nicht hin. 

Ich kann heute aus Überzeugung Fragen zu meiner persönlichen Empfindung beantworten mit: „Als ich Ausländer war…“ Ich sehe mich mittlerweile nicht mehr als Ausländer.

Quelle: Noizz.de