Nun wissen wir: Taylor Swift ist doch politisch!

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Taylor Swift hat keine Lust mehr, nichts zu sagen. Foto: Rolf Vennenbernd / dpa dpa Picture-Alliance

Wieso ihr Instagram-Statement so wichtig ist.

Taylor Swift wählt. Ihre Stimme wird sie dem demokratischen Kandidaten ihres US-Heimatstaats Tennessee geben. Und das ist in den USA eine Riesen-Nachricht.

Denn damit bricht der US-Popstar sein langes Schweigen und bezieht konkret politisch Stellung. Auf ihrem Instagram-Account natürlich – wo sonst? Schließlich ist die Plattform seit dem Release ihres aktuellen Albums „Reputation“ Taylors Sprachrohr. Zuletzt gab sie nur sehr wenige Interviews, unter anderem für die Time-„Person of the Year“-Ausgabe.

In ihrem Post geht sie ungewohnt offen mit dem Thema um und erklärt, wieso sie bis dato eher Stillschweigen gewahrt hat: Bisher sei sie vor politischen Äußerungen immer zurückgeschreckt, doch etliche persönliche und öffentliche Ereignisse in den letzten zwei Jahren hätten sie dazu getrieben, vor den Zwischenwahlen des US-Senats am 6. November ihre Stimme zu erheben.

„Ich habe immer und werde immer meine Stimme dem Kandidaten geben, der die Menschenrechte schützt und für sie kämpft“, kündigt Swift in ihrem ausführlichen Post an. Zudem kritisiert sie die republikanische Kandidatin Marsha Blackburn scharf, die derzeit den siebten Wahlbezirk von Tennessee im Repräsentantenhaus vertritt und dieses Jahr einen Sitz im Senat anstrebt.

Blackburns politische Bilanz „erschreckt“, schreibt Swift. Sie werde stattdessen den demokratischen Senatskandidaten Phil Bredesen im Rennen um einen Abgeordnetensitz für Tennessee unterstützen.

Die republikanische Politikerin Blackburn hat sich im Laufe ihrer Amtszeit mehrfach homophob geäußert und blockiert LGBTQ-Rechte.

Swift fordert ihre Follower auf, wählen zu gehen und die Stimme dem Kandidaten zu geben, der am ehesten mit den eigenen Werten übereinstimmt: „Viele von uns werden nie einen Kandidaten oder eine Partei finden, mit denen sie bei einem Thema hundertprozentig übereinstimmen, aber es ist trotzdem wichtig, wählen zu gehen“, betont Swift.

Die durchaus positiven Antworten ihrer Fans zeigen, wie sehr sie sich bereits früher ein solches Statement der Sängerin gewünscht hätten. In der Vergangenheit wurde Swift, ähnlich wie hierzulande Helene Fischer, dafür kritisiert sich nicht offen politisch zu positionieren.

Aber: So unpolitisch ist Taylor Swift nie gewesen

Für viele ist Tay Tay das süße blonde Mädchen, das millionenfach verkaufte Pophits schreibt, dabei hübsch aussieht, Kuchen backt und die Mama, Papa, Oma und Opa genauso mögen wie ihre Enkel. Und außerdem noch eine ziemlich clevere Geschäftsfrau ist, erinnern wie uns an ihren überaus geschickten Spotify-Move.

Viele vergessen aber, wofür Taylor Swift am Rande von all dem eigentlich einsteht. Als Swifts Video zu ihrer ersten Singleauskopplung „Look What You Made Me Do“ im Herbst 2017 erschien, hatte sie mit der Kritik linkspolitischer Aktivisten zu kämpfen. Der Vorwurf: Ihr Song verteidige die weiße Vorherrschaft und die Wut deren Anhänger.

In dem Artikel „Swiftly to the alt-right: Taylor subtly gets the lower case kkk in formation“ analysiert die Autorin Meghan Herning Lyrics und Video von Taylor Swifts Single „Look What You Made Me Do“ und kommt zu folgendem Ergebnis:

„Ihre Songs sind wie eine Bestätigung für alles, für was die Alt-Rights seit Jahren stehen: Es geht um Unterdrückung und um Angst sich zu zeigen (…) Nun fühlen sie sich ermutigt, da die Bewegung einen weißen, blonden, konservativen Popstar an ihrer Seite hat, der ihre Gefühle offen ausspricht und der ohne Zweifel von den multikulturellen Medien gemobbt wurde.“

Swift ging gegen diese Aussagen gerichtlich vor und distanzierte sich deutlich von den Vorwürfen. Vor allem aufgrund eines Vergleiches, in dem eine Szene im Videoclip mit diversen Bildern gleichgesetzt wurde, die Adolf Hitler bei Reden in den Jahren zwischen 1933 und 1945 zeigen.

Szene aus dem Video von „Look What You Made Me Do“ Foto: Screenshot / Youtube.com/TaylorSwiftVevo
Und hier eine Szene von einem Reichsparteitag der NSDAP Foto: Ernst Schwahn / Bundesarchiv

Diese Vorwürfe kommen nicht von ungefähr. Seit Beginn ihrer Karriere als Countrysängerin gilt Swift für viele Anhänger des alt-right-Movements, einer rechtsradikalen und dem Ku-Klux-Klan nahen Bewegung, als Ikone. Sie ist blond, weiß, blauäugig und überaus erfolgreich.

Dementsprechend werden ihre Megahits in diversen rechten Diskussionsforen, ja sogar in ihrer eigenen Fan-App „The Swift Life“, uminterpretiert als Hinweis darauf, dass Swift aufseiten der weißen Vorherrschaft stehen würde.

Wir merken also: Taylor Swifts Musik war schon immer im Kontext politisch besetzt und wurde dementsprechend missbraucht.

Aber nicht nur hier wird der Popstar politisch

Auch im feministischen Diskurs der Popwelt ist Taylor Swift nicht mehr wegzudenken. Nicht nur, dass ihre Songs wie „Shake it Off“ oder „... Ready For It?“, ein starkes Frauenbild propagieren und zeigen, dass auch eine US-amerikanische Popsängerin offen über Sex und das, was ihr gefällt singen kann – auch in der #metoo-Debatte bezog sie klar Stellung. So landete sie, wie schon erwähnt, mit auf dem renommierten Time-Cover zur „Person of the Year“.

Grund hier für war wohl auch ihr Engagement in mehreren Fällen. Sie selber verklagte eine Radio-DJ, der sie während eines Interviews am Hintern begrapscht haben soll, auf den Symbolwert von einem Dollar. Swift konnte den Prozess für sich entscheiden, der Radio-DJ verlor seinen Job.

Außerdem unterstützte sie die Sängerin Kesha in ihrem Rechtsstreit gegen deren ehemaligen Produzenten Dr. Luke, dem diese sexuellen Missbrauch mit einem besonders schwerwiegenden Vorwurf vorwarf: Dr. Luke habe sie nur derart missbrauchen können, weil sie eine Frau sei. Kesha verlor den Prozess.

Taylor Swift bezahlte Rechtskosten im Wert von mehr als 250.000 US-Dollar (das entspricht dann etwa 218.000 Euro) für Kesha. Ein Zeichen der Solidarität in der Branche. Der Fall zeigt: So unpolitisch ist Tay Tay bei Weitem nicht.

Und was sagt das jetzt insgesamt aus?

Wenn sich selbst Mega-Popstar Taylor Swift angesichts der politischen Lage in den USA gezwungen sieht, sich ganz explizit über Politik zu äußern, muss einiges im Argen liegen. Taylor Swift ist eine der wenigen Künstlerinnen, die es bisher geschafft haben, sich in einem Kontext zu bewegen, der zwar eindeutig feministisch und divers konnotiert ist – wie die oberen Beispiele zeigen –, sie konnte dies aber immer in unterschwelligen Botschaften tun. Öffentlich auf die Kacke hauen, das war die Aufgabe Anderer.

Einige werfen Swift dadurch vor, nur auf ihr Image bedacht zu sein. Die Idee dahinter: Klare Kante zeigen, das könnte potenzielle Käufer vergraulen. Eben all jene Anhänger des alt-right-Movements oder latent rassistisch und antifeministische Trump-Wähler. Aber mal ehrlich: So hat Taylor Swift sich nie verhalten.

Vielleicht wollte Taylor Swift sich aber nur nicht auf das Niveau der anderen herablassen und keine einfältigen Entweder-oder-Aussagen treffen – das tut sie auch im Falle ihres ausführlichen Insta-Posts nicht. Sie führt Argumente an und nötigt niemanden, irgendwas zu tun.

Die jüngsten Ereignisse rund um Kavanaughs Ernennung zum Richter für den Supreme Court, das US-amerikanische Verfassungsgericht, sowie die #metoo-Debatte, Trumps zahlreichen Querelen von mexikanischen Einwanderern über Pussy-Grappern bis hin zu Strafzöllen, waren dann wohl aber auch Tay-Tay zu viel.

Es tut sich etwas in dem Land. Denn auch wenn die Politik noch immer versucht in ihrem alten Hierarchiegefälle zu handeln, das Volk macht da nicht mehr ganz so mit.

Das sieht man nicht nur in den zahlreichen Protestbewegungen und Demonstrationen im Land, sondern auch an der aktuellen US-Popkultur. Immer mehr Künstler machen schlichtweg ihren Mund auf. Childish Gambinos „This Is America“ mag das Manifest dieser Bewegung sein, aber es zeigt sich in so vielen anderen, kleineren Gesten.

In den zahlreichen „Saturday Night Life“-Parodien, bei Beyoncés Coachella-Performance, einer Emmy-prämierten Serie wie „The Marvelous Mrs. Maisel“ und auch in Taylor Swifts Instagram-Post. Dass solche selbstverständlichen Zeichen in den USA eine Riesen-Sensation sind, zeigt nur umso eindringlicher, wie lange diese Gesellschaft geschwiegen hat.

[Text: Zusammen mit dpa]

Quelle: Noizz.de

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