Fast jeder dritte Deutsche hat was gegen Ausländer

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Werden die BIlder von Chemnitz bald Alltag? Foto: Ralf Hirschberger / dpa dpa Picture-Alliance

„Ich bin ja nicht rechts, aber ...“

Es ist schon frustrierend: Da kämpft man für eine bessere Welt, setzt alles daran, zu zeigen, dass doch nicht ganz Deutschland ein verkappter, brauner Haufen ist – zuletzt etwa Feine Sahne Fischfielt bei ihrem Konzert in Dessau oder mehr als  65.000 Besucher bei #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz. Und dann muss man von Studien wie der folgenden der Universität Leipzig lesen, die alles zunichte machen.

Demnach würden nämlich über ein Viertel der Deutschen Ausländer am liebsten in ihre Herkunftsländer zurückschicken, falls Arbeitsplätze hierzulande knapp werden sollten. Das ist zumindest eines der zugespitzten Resultate. Die Krux: Wer für die Befragten ein „Ausländer“ ist, wurden die Teilnehmer nicht gefragt.

Aber eins nach dem anderen. Laut des Forscherteams der Universität Leipzig vertritt inzwischen fast jeder dritte Bürger ausländerfeindliche Positionen. Im Osten sogar fasst jeder Zweite. In der Studie wurden Aussagen abgefragt wie „Ausländer nutzen den Sozialstaat aus“. Im Klartext bedeuten diese Ergebnisse aber leider auch: Ausländerfeindliche Einstellungen werden in Deutschland zunehmend salonfähig. Offiziell von der Wissenschaft bestätigt.

Ebenso beunruhigend, auch im Hinblick auf die deutsche Geschichte: Eine klar rechtsextreme Weltsicht haben aktuell sechs Prozent der Bundesbürger. Das ist zwar ein höherer Wert als bei Umfragen in den vergangenen vier Jahre. Er liegt aber immer noch deutlich unter dem Anteil von 9,7 Prozent, der bei der ersten Befragung im Jahr 2002 erreicht worden war.

Antisemitische Eistellungen gehen zurück, anti-muslimische Aussagen nehmen zu

Während antisemitische Einstellungen im Vergleich zu 2016 leicht zurückgegangen seien, habe sich vor allem die Abwertung von Muslimen sowie von Sinti und Roma in der Gesellschaft verfestigt, stellen die Autoren der repräsentativen Studie „Flucht ins Autoritäre“ fest.

Das oft parodierte „Ich bin ja nicht rechts, aber ...“ ist Mitten in der Gesellschaft angekommen. Bundesweit stimmen inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung, nämlich 55 Prozent, der Aussage „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“ zu.

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Wer sich fragt, ob sich diese Einstellungen auch auf das Wahlverhalten auswirken, dem sie gesagt: Ja. 55 Prozent der Menschen, die AfD wählen würden, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre, äußerten sich ausländerfeindlich. Unter denjenigen, die CDU, CSU und SPD wählen würden, waren demnach 22 Prozent ausländerfeindlich – ein ganz schön hoher Wert für die etablierten Volksparteien.

Für die Wähler der FDP ermittelten die Forscher einen Wert von 18 Prozent. Bei den Anhängern von Linkspartei und Grünen waren es mit 15 bzw. 11 Prozent deutlich weniger.

Und woher kommen diese Einstellungen?

Insgesamt lasse sich beobachten, je weniger Ausländer in einer Region lebten, desto stärker seien die „Überfremdungsängste“ in dem Gebiet. Eine Ausnahme bilde nur Bayern, wo relativ viele Menschen mit Migrationshintergrund leben und solche Ängste auch vorhanden seien.

Und als ob das nicht genug wäre, gibt die Studie noch mehr Anlass zur Sorge. 13,1 Prozent der Befragten, die bei der „Wahlpräferenz“ die AfD nannten, befürworten sogar eine rechtsautoritäre Diktatur.

Zum Vergleich: Unter den Wählern der CDU und CSU äußerten etwas über zwei Prozent derartige Ansichten, bei den FDP-Anhängern waren es gute vier Prozent. Bei den Parteigängern von Linke, Grünen und SPD lag der Anteil jeweils unter zwei Prozent.

Die Studie bewertet als Befürworter einer „rechtsautoritären Diktatur“, wer Aussagen wie „im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen die Diktatur die bessere Staatsform“ oder „Was Deutschland jetzt braucht ist eine einzige Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“ richtig findet.

Immerhin eine gute Nachricht hat die Studie zu bieten: Im Osten ist die Zufriedenheit der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie von 27,3 Prozent im Jahr 2006 auf inzwischen 46,9 Prozent angestiegen. Das klingt im Hinblick auf die anderen Ergebnisse zwar paradox, aber macht auch Mut.

[Text: Zusammen mit dpa]

Quelle: dpa

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