Es ist eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich: Zwar gibt es immer weniger Menschen in Deutschland, die fremdenfeindliche Einstellungen haben – die aber, die sie haben, werden umso radikaler. Dabei spielen auch die Coronaverschwörungstheorien eine Rolle, wie eine neue Studie der Uni Leipzig zeigt.

Es ist wirklich keine neue News und trotzdem kann man es einfach nicht oft genug betonen: Unsere Gesellschaft hat ein Problem mit Rassismus. Umso verwirrender wird diese Problem, wenn es sich, wie im Corona-Pandemie-Jahr 2020 auch noch mit kruden Verschwörungstheorien und zum Teil antidemokratischen Strömungen vermengt und so scheinbar "tolerierbarer" für die breite Masse wird.

Die Studie "Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments - neue Radikalität" von Forschenden der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll- und der Otto-Brenner-Stiftung hat sich mit diesem Phänomen einmal genauer beschäftigt.

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Dabei zeigt sich: Eine große Mehrheit in Deutschland unterstützt unsere demokratischen Werte. Dreiviertel der Befragten sind für die Demokratie, "wie sie in der Verfassung festgelegt ist", knapp sechs von zehn Befragten befürworten die "Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert". Das ist ein Anstieg im Vergleich zu 2018. Dabei zeigen sich allerdings vielfältige regionale Unterschiede – und jetzt zur schlechten Nachricht: Diejenigen, die eben nicht so denken, greifen zu immer radikaleren Mitteln.

Fremdenfeindlichkeit noch immer auf hohem Niveau

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Die seit 2002 durchgeführte Studie unter Leitung der Sozial-Psychologen Professor Dr. Oliver Decker und Professor Dr. Elmar Brähler fand in der repräsentativen Befragung von 2.503 Teilnehmer*innen zwar heraus, dass fremdenfeindliche Ansichten in der Bevölkerung einen Rückgang von 23,4 auf 16,5 Prozent verzeichnen, trotzdem sind sie nach wie vor hoch. Zugleich hat sich die Verbreitung manifester rechtsextremer Einstellungen insgesamt reduziert auf 4,3 Prozent. Allerdings haben sich gerade bei rechtsextrem eingestellten Personen neonazistische Ideologien verfestigt, wie sie etwa in der Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur oder von Antisemitismus zum Ausdruck kommen.

Die Leipziger Studie zeigt auch, das vor allem in Ostdeutschland rechtsextreme Einstellungen weiterhin auf dem Vormarsch sind. Demnach stieg der Anteil der Menschen mit einem verfestigten klar rechtsextremen Weltbild dort seit 2018 von achteinhalb auf neuneinhalb Prozent, in Westdeutschland sank er der Befragung zufolge innerhalb dieser Zeit hingegen von 5,2 auf drei Prozent.

Radikalisierung und Verschwörungstheorien bekommen Aufwind

Immer mehr Menschen in Ostdeutschland befürworten auch eine rechtsautoritäre Diktatur – der Wert stieg von sieben auf 8,8 Prozent. Im Westen sank er von 2,7 auf 1,8 Prozent. Die grundsätzliche Zufriedenheit mit der Demokratie sank im Osten binnen zwei Jahren von 95,2 auf 92,5 Prozent, im Westen stieg sie leicht von 92,8 auf 93,2 Prozent. Alarmiert zeigten sich die Forscher insbesondere von der Zunahme antisemitischer und verschwörungsideologischen Elementen im Denken vieler Menschen.

Diese nehmen dabei eine besondere Rolle ein, denn sie verknüpfen Anhänger verschiedener Milieus und politischer Richtungen, betonen die Studienleiter. Wie das aussieht, kann bei den "Querdenken"-Demos in diesem Jahr beobachten: Esoteriker, Impfgegner und bibeltreue Christen marschieren an der Seite von Rechtspopulisten und Neonazis. Der Glaube an Verschwörungsmythen habe sich seit der vorigen Umfrage 2018 in der Bevölkerung mehr ausgebreitet.

Demo in Süddeutschland gegen Corona-Leugner und rechte Hetze

Demnach stieg der Anteil der Bundesbürger*innen mit Affinitäten zu einer Verschwörungsmentalität binnen zwei Jahren von 30,8 auf jetzt 38,4 Prozent. Auch dabei gab es laut Untersuchung einen ausgeprägten Ost-West-Unterschied. In Ostdeutschland stieg der Wert in dieser Zeit sogar von 34,4 auf 51,4 Prozent. Dieses Bild wiederholte sich auch bei den von den Experten abgefragten Verschwörungserzählungen, die sich konkret auf die Corona-Pandemie bezogen.

60 Prozent der Befragten aus Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stimmten der Aussage zu, dass "die Coronakrise so groß geredet wurde, damit einige wenige von ihr profitieren können". Auch in den westdeutschen Bundesländern lag der Wert hoch bei über 40 Prozent. Die Soziologen warnen davor, dass Verschwörungsmythen allgemein "eine Art Einstiegsdroge für ein antimodernes Weltbild" sein könnten.

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  • Quelle:
  • NOIZZ.de