Kaum eine Branche wurde von der Coronakrise so hart getroffen wie die Sexarbeit. Nach fast sechs Monaten komplettem Verbot steht die Frage im Raum: Waren die strengen Auflagen gerechtfertigt? War das Risiko wirklich so groß oder spielten Stigma und Moralvorstellungen eine Rolle? Dazu und zu den schwerwiegenden Folgen des Corona-Verbots hat NOIZZ mit einer Hamburger Sexarbeiterin gesprochen.

Über Sexarbeit wird immer viel geredet – aktuell genauso wie vor Corona und sehr wahrscheinlich auch danach. Der Fokus liegt auf dem Wort über. Denn was in der Debatte leider immer wieder deutlich wird: Sexarbeiter*innen selbst werden häufig nicht gehört, nicht ernst genommen oder gar ignoriert. Auch in der Coronakrise macht sich das stark bemerkbar: Während wir uns zumindest zwischenzeitlich wieder mit unseren Freund*innen zum Besäufnis treffen, im Fitnessstudio pumpen und jeden Abend eine*n neue*n Fremde*n mit ins Bett nehmen durften, waren die Türen von Prostitutionsstätten seit Beginn der Pandemien beinahe sechs Monate lang fest verschlossen.

Mittlerweile sind einige Formen der Sexarbeit unter strengen Auflagen in den meisten Bundesländern wieder erlaubt, eine Übersicht des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD e.V.) zeichnet jedoch ein wirres Bild: Während das Corona-bedingte Verbot für Prostitutionsgewerbe beispielsweise in Baden-Würtemberg und Hessen nach wie vor komplett gilt, haben die Städte Berlin und Hamburg das Verbot unter strengen Hygieneauflagen aktuell teilweise wieder aufgehoben. Hinsichtlich des jüngsten Anstiegs der Infektionszahlen bleibt jedoch fraglich, wie lange.

Woran liegt es, dass Sexarbeit im Vergleich zu anderen Bereichen der körpernahen Dienstleistungen – wie etwa Friseurbetrieben, Kosmetikstudios, Massagepraxen und Co. – so streng belangt wird? Ist das Risiko wirklich größer oder spielen Stigma und Moralvorstellungen eine Rolle?

Wir wollten eine Sexarbeiterin selbst zu Wort kommen lassen. Im NOIZZ-Interview erzählt uns Lilli Erdbeermund, die eigentlich anders heißt, unter anderem, warum sie glaubt, dass bei der Einschätzung ihrer Branche Fakten mit emotionalen Urteilen vermischt werden, welche schwerwiegenden Folgen das Corona-Verbot gerade für Sexarbeiter*innen in prekären Verhältnissen hat und warum ein Sexkaufverbot immer zu mehr Ausbeutung und Gewalt führt.

Bei ganz normalen Eins-zu-Eins-Kontakten zwischen Sexarbeitenden und Kund*innen stellt man sich anscheinend die Gefährdungslage einer Orgie im Darkroom vor.

Lilli Erdbeermund ist Mitte 30 und nebenberuflich als Sexarbeiterin tätig. Die Hamburgerin engagiert sich im Rahmen ihrer Arbeit und Mitgliedschaft beim Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD e.V.) für die Rechte von Sexarbeitenden und gegen ein Sexkaufverbot.

Die Existenz von vielen Sexarbeiter*innen ist durch die Coronakrise bedroht (Symbolbild).

>> Trotz Corona-Pandemie: Sexarbeiter*innen wollen wieder arbeiten – warum es so gefährlich ist, das zu verbieten

Lilli Erdbeermund über die Sonderbehandlung von Sexarbeit während der Corona-Krise:

Lilli Erdbeermund: "Bei vielen Prostitutionsgegner*innen geht gerade die Fantasie durch, anders kann ich mir die Sonderbehandlung der Branche nicht erklären. Bei ganz normalen Eins-zu-Eins-Kontakten zwischen Sexarbeitenden und Kund*innen stellt man sich anscheinend die Gefährdungslage einer Orgie im Darkroom vor. Dabei kommen sich in einem Bordell einzelne Kund*innen üblicherweise gegenseitig nicht einmal zu Gesicht.

Meiner Meinung nach vermischen sich bei der Einschätzung der Corona-Vorsichtsmaßnahmen in unserer Branche Fakten mit emotionalen Urteilen und Glaubenssätzen. Dann bewegt sich die Diskussion schnell mal weg von der Vernunft und hin zu einem moralinsauren 'Sexarbeit ist pfui, sollte man am besten gleich ganz verbieten'.

Es wird die Mär in die Welt gesetzt, dass kein*e unserer Kund*innen jemals bereit wäre, Kontaktdaten bei uns zu hinterlassen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass sich unsere Kund*innen dafür schämen müssten, unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Man konstruiert so ohne Not ein angebliches branchenspezifisches Problem. Die allermeisten Kund*innen schätzen ihre Gesundheit genau so, wie wir unsere schätzen und wollen im Fall eines Risikos sicher informiert werden.

Ich darf zum Kontaktsport gehen, danach eine Ganzkörpermassage genießen und anschließend mit wechselnden Tinder-Dates durch die Betten hüpfen. Nur der Geschlechtsverkehr mit Sexarbeiter*innen ist in vielen Bundesländern nach wie vor verboten. Geht man von dieser Logik aus, scheint alleine der Akt der Geldübergabe den Virus noch einmal ansteckender und gefährlicher zu machen."

Die Folgen der erzwungenen Pause für Sexarbeiter*innen

Lilli Erdbeermund: "Weltweit sind sehr viele Sexarbeiter*innen Migrant*innen, das ist in Deutschland nicht anders. Ein Anteil davon ist unter Anführungszeichen 'illegal' im Land. Diese Menschen können also trotz der Corona-Ausnahmesituation – wie sonst auch schon – nicht mit offizieller Unterstützung rechnen, sondern müssen sich im Gegenteil noch vor staatlichen Repressalien in Acht nehmen.

Wer seine Miete nicht mehr zahlen kann, seine Familie weiter unterstützen muss, Schulden zurückzahlen muss oder Ähnliches, muss ohnehin trotz Corona und trotz Verbot arbeiten.

Auch unter den Sexarbeiter*innen mit deutscher Staatsbürgerschaft arbeiten viele prekär. Nicht alle haben den "Luxus" einer Krankenversicherung, einer Steuernummer oder eines festen Wohnsitzes. Wie viele selbstständige Arbeitnehmer*innen auch, können sie oft auf keine oder nur geringe Finanzreserven zurückgreifen. Kurz gesagt: Im besten Fall erhalten wir Hartz IV, plündern unsere Altersvorsorge (falls wir eine haben) und müssen ansonsten irgendwie über die Runden kommen. Wer seine Miete nicht mehr zahlen kann, seine Familie weiter unterstützen muss, Schulden zurückzahlen muss oder ähnliches, muss ohnehin trotz Corona und trotz Verbot arbeiten."

"Knallharte Kostprobe" einer permanenten Kriminalisierung

Lilli Erdbeermund: "Durch das Corona-Verbot erhalten wir in Deutschland jetzt eine knallharte Kostprobe davon, welche schlimmen Auswirkungen eine permanente Kriminalisierung durch ein Sexkaufverbot in Deutschland hätte. Sexarbeit geschieht dann vermehrt im Verborgenen, das Arbeitsumfeld wird unsicherer, die Kund*innen tendenziell risikoreicher. Sexarbeitende, die nicht unter legalen Bedingungen arbeiten, sind in ihrer Verhandlungsposition geschwächt und einer erhöhten Gefahr von Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt.

"Ich nehme in persönlichen Gesprächen, in Sexworker-Only-Räumen und auf Social Media eine wachsende Verzweiflung, aber auch Wut wahr."

Viele von uns dürfen mittlerweile seit fast einem halben Jahr nicht arbeiten. Trotz größtmöglicher Kooperation. Trotz des Mittragens des anfänglichen Verbots. Trotz der Zustimmung zu allen Vorsichtsmaßnahmen. Trotz Verständnis gegenüber dem ersten Chaos und der Überforderung der Ämter. Trotz der Erstellung von Hygiene-Konzepten gemeinsam mit Gesundheitsämtern (Anfang Mai!). Und das, obwohl andere körpernahe Branchen schon längst wieder vollständig zugelassen wurden. Das frustriert und stößt verständlicherweise auf Unverständnis. Glücklicherweise scheinen die deutschlandweiten Demos aber endlich etwas in Bewegung zu bringen und Wirkung zu zeigen. Der Weg ist noch weit und wir kämpfen weiter um unser Rechte."

Hamburger Sexarbeiterinnen protestieren am 11. Juli 2020 gegen die Lockdown-Maßnahmen der Bundesregierung: "Ein Stück Hamburg stirbt. Helft uns, unseren Kiez zu retten."

Die Forderungen an die Politik

Lilli Erdbeermund: "Die flächendeckende Legalisierung der Wiederaufnahme unserer Arbeit ist gerade unser Hauptanliegen. Aber Sexarbeitende benötigen auch dringend staatliche Hilfen und Unterstützung, zum Beispiel durch die finanzielle Förderung von akzeptierenden Beratungsstellen und den Ausbau der Gesundheitsversorgung für Sexarbeiter*innen. Außerdem müssen die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise auf Sexarbeitende unabhängig vom Aufenthaltsstatus in Not gemildert werden. Das haben wir mit dem 'BesD Nothilfe Fonds' versucht – doch nun ist der Topf leider leer.

Ob in Armut lebende Menschen, Migrant*innen, Geflüchtete, trans* Personen... – viele Sexarbeitende sind ohnehin bereits besonders großer sozialer Ausgrenzung und Marginalisierung ausgesetzt. Während von moralischen Vorstellungen dominierte Konzepte wie das Sexkaufverbot zu mehr Ausbeutung und Gewalt führen, gibt es ja sinnvolle Alternativen. Zum Beispiel: schlicht die Achtung und den Schutz der Menschenrechte – inklusive gerechter Arbeitsbedingungen, Aufenthaltsfreiheit, freier Wahl der Beschäftigung und gleichem Schutz nach dem Gesetz; ein Stopp der restriktiven Einwanderungsgesetze, die im Verbund mit Antiprostitutionsgesetzen Menschenhandel fördern; ein Bleiberecht für die Opfer von Menschenhandel; Arbeitsvisa für Sexarbeitende.

Echte Sicherheit und faire Bedingungen lassen sich nun mal am besten unter legalen Bedingungen herstellen.

Die Corona-Pandemie zeigt uns, wie Sexarbeiter*innen in prekären Arbeitssituationen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Die negativen Auswirkungen repressiver Prostitutionspolitik, wie sie beispielsweise in Ländern mit dem Schwedischen Modell (Sexkaufverbot) stattfindet, sind durch unzählige Studien belegt. Echte Sicherheit und faire Bedingungen lassen sich nun mal am besten unter legalen Bedingungen herstellen."

Protokolliert von Alisha Archie.

>> "Europas größtes Bordell" insolvent: Wie geht es für die Sex-Arbeiter*innen weiter?

  • Quelle:
  • Noizz.de