Prostitution – eine "Arbeit, wie jede andere" oder eine Falle, aus der die Frauen durch neue Maßnahmen befreit werden müssen? Letzteres setzt das sogenannte "Nordische Modell" voraus – und bietet Vorschläge, wie Prostituierte geschützt, statt kriminalisiert werden. Wir erklären euch das Modell, so wie die Pro- und Contra-Argumente.

Schweden hat es, Frankreich und Kanada stehen voll dahinter und neben Israel führten noch vier weitere Länder es bisher ein: das Nordische Modell. Seit Jahren diskutieren auch in Deutschland Politiker*innen und Aktivist*innen über das Modell – das so umstritten ist, wie wohl alles, was mit dem besonders heiklen Thema zu tun hat: Prostitution.

Aber was ist das überhaupt für ein Modell?

Das Nordische Modell

Das Nordische Modell vereint verschiedene gesetzgeberische Maßnahmen, die ein Sexkaufverbot zum Ziel haben. Grundsätzlich besteht es aus drei Ansätzen: Es entkriminalisiert Prostituierte, macht im Gegenzug den Kauf sexueller Dienste zu einem Straftatbestand, kriminalisiert also Freier und es finanziert Ausstiegsprogramme für Prostituierte. Außerdem geht das Modell mit gesellschaftlicher Aufklärung über Prostitution einher und der Annahme, dass Prostitution Gewalt gegen Frauen ist.

Die tatsächlichen Rechtslagen derjenigen Länder, die das Nordische Modell eingeführt haben, unterscheiden sich voneinander, die schon erwähnten Bestandteile des Modells sind aber in allen acht Ländern die gleichen. Im Jahr 2014 äußerte sich sogar das Europäische Parlament zugunsten des Nordischen Modells und empfahl den Mitgliedsstaaten, die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen unter Strafe zu stellen.

Entwicklung in Schweden

Entwickelt wurde das Modell in den 90er-Jahren durch ein schwedisches Forscher*innen-Team rund um die Kriminologin Cecilie Høigård. Über die Entwicklungszeit sagte sie später:

"Wir verbrachten mehrere Jahre mit Feldforschung und entwickelten enge Beziehungen zu den prostituierten Frauen. Wir hörten von ihren Erfahrungen mit Missbrauch, extremer Armut und Gewalt in der Vergangenheit.

Sie erzählten uns, wie es war, ihren Körper und ihre Vagina als Mietwohnungen zu benutzen, in die unbekannte Männer eindringen konnten, und wie es dadurch notwendig wurde, ihren Körper von ihrem Selbst zu trennen. Diese Geschichten waren den Berichten sehr ähnlich, die wir von Opfern anderer sexualisierter Gewalt wie Inzest, Vergewaltigung und häuslicher Gewalt gehört hatten.

Dann traf mich die Idee einer einseitigen Kriminalisierung der Freier wie ein Blitz. Zuerst gab es großen Widerstand gegen den Vorschlag, aber nach einigen Jahren änderten die Gegner in der Arbeitsgruppe ihren Standpunkt. Die anschließende Debatte diente als eine groß angelegte Aufklärungskampagne. In Schweden änderte sich die Einstellung zum Gesetz schnell in eine positive Richtung und der Anteil der schwedischen Männer, die Frauenkörper kaufen, ist zurückgegangen".

Symbolbild: Prostitution

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Das sagen Befürworter*innen:

Die Strafgesetzgebung hat in erster Linie den Zweck, deutlich zu machen, was wir als Gesellschaft für inakzeptabel halten, und die Menschen davon abzuhalten, diese Dinge zu tun.

Kleines Beispiel: Du streitest dich mit deinem Nachbarn und wirst so wütend, dass du ihm am liebsten eins auf die Nase geben würdest. Warum tust du es nicht? Weil auf diesen Wunsch wahrscheinlich gleich der Gedanke folgt, dass das nicht nur moralisch falsch wäre, sondern du dafür auch strafrechtlich belangt werden könntest. Und so gehst du dazu über, andere, positivere Lösungen in Betracht zu ziehen. Ihr klärt den Streit mündlich oder geht euch ab jetzt aus dem Weg. Keinem wird geschadet – dank des gesellschaftlichen Grundkonsens, seinen Nachbarn nicht zu vermöbeln und der Strafgesetzgebung, die das sanktioniert.

Genauso funktioniert das Nordische Modell. Es macht deutlich, dass es falsch ist, Menschen für Sex zu kaufen und es sanktioniert, wenn Freier dies tun. Werte ändern sich im Laufe der Zeit, und einige Dinge, die früher als akzeptabel galten, werden heute als inakzeptabel betrachtet und umgekehrt. Nur weil Prostitution seit Ewigkeiten existiert, heißt es nicht, dass sie weiterhin gesellschaftlich akzeptabel ist. Auch hier ein Beispiel: Während sich früher viele gegen ein Raucherverbot in Restaurants und anderen geschlossenen Räumen sträubten, herrscht heute der Grundkonsens: Es ist schlicht gesünder und Gewöhnungssache, sich nicht an jedem Ort zu jeder Zeit eine Kippe anzünden zu können und damit die Gesundheit anderer zu gefährden. Die Gesellschaft hat gelernt.

Das Nordische Modell widerspricht der bisherigen Gesetzgebung und dem damit einhergehenden Gedanken, dass Männer Anspruch auf Sex haben und dass Prostitution ein "Job wie jeder andere" ist. Aussteiger*innen aus der Prostitution berichten von körperlichen, psychischen und seelischen Langzeitfolgen, von Ausbeutungs- und Gewaltverhältnissen, die derzeit pseudo-liberal als "normale Arbeit" romantisiert würden.

Durch die Ausstiegsprogramme würde den prostituierten Frauen, die häufig (aber nicht immer) durch direkten Zwang, wie Erpressung oder Machtausübung oder gesellschaftlichen Zwang wie finanzielle Not oder keinen Zugang zu Bildung in der Prostitution landeten, ein selbstständiger Aufsteiger ermöglicht. Keine Frau würde durch ein etwaiges Prostitutionsverbot in der Arbeitslosigkeit landen.

Auch eine finanzielle Notlage bringt Menschen derzeit dazu, sich zu prostituieren

Das sagen Gegner*innen:

Kritik kommt vor allem von denjenigen, die sich mehr oder weniger freiwillig in die Prostitution begaben und keine Opfer von Menschenhandel sind. Sie fordern Respekt für ihren Beruf und bezeichnen eine Kriminalisierung von Prostitution als geschäftsschädigend.

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Eine Gegnerin des Modells ist etwa die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Cornelia Möhring. Bei einer Kundgebung sagte sie, das Modell sei ein "Generalangriff auf unsere sexuelle Selbstbestimmung". Für Sex zu bezahlen, sei "nicht per se Gewalt" – Sexualität zu erleben sei "ein menschliches Grundbedürfnis". Dass ein Grundbedürfnis jedoch nicht auf Kosten von anderen Menschen ausgelebt werden darf, kommentierte sie nicht.

Ein weiteres Argument von Gegner*innen des Modells ist es, dass das Nordische Modell dazu führen würde, dass sexuelle Dienstleistungen im Untergrund und damit für Prostituierte gefährlicher durchgeführt werden würden. Belege hierfür gibt es nicht, zumal Länder, in denen das Nordische Modell die Regel ist, in Ausstiegsprogramme investieren.

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Quelle: Noizz.de