Unsere Gesellschaft ist ein grundlegend rassistisches System, indem du Mitten drin steckst. Wieso auf eine Demo gehen dich nicht automatisch zum Nicht-Rassisten macht und wieso wir in Deutschland endlich aufhören müssen, erst mal darüber zu verhandeln, ob wir ein Rassismus-Problem haben. Wir haben eins – und es liegt an uns allen, das zu ändern.

Ich bin 30, weiblich, weiß. Ich habe keinen Migrationshintergrund und jede Menge Privilegien, die andere nicht haben. Ich werde niemals auch nur ansatzweise nachvollziehen, geschweige denn verstehen können, wie sich eine Schwarze Frau, ein Schwarzer Mann in unserer Gesellschaft fühlen. Wie sich George Floyd gefühlt haben muss.

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Genau deswegen ist es mir lange schwergefallen, etwas zu diesem Thema zu schreiben, die passenden Wort zu finden. Nicht etwa, weil es mir egal wäre. Oder noch schlimmer. Ich keine Meinung hätte. Im Gegenteil: Ich bin schockiert, wie lange dieser Kampf bereits andauert. Wie ausweglos er noch immer erscheint – so sehr, dass ich mich im Jahr 2020 fühle, als schreiben wir das Jahr 1963.

Dennoch erscheint es mir fast schon heuchlerisch, wie wir, allen voran wir Journalist*innen aus der weißen breiten Mehrheitsgesellschaft auf einmal zu Kommentatoren erheben. Jetzt, wo das Thema im Blickpunkt ist auf einmal nach Schwarzen Protagonisten suchen oder mal wieder mit Migrant*innen über Alltagsrassismus in Deutschland reden wollen.

Aber viel besser als ich kann das Moderator und Autor Tarik Tesfu auf den Punkt bringen:

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Es ist ein Dilemma unserer Gesellschaft, dass er anspricht. Wir übersehen das, was direkt vor uns ist. Ich finde es natürlich grundsätzlich verkehrt, weißen Menschen Anteilnahme abzusprechen oder zu sagen, sie sollten lieber nicht auf eine Demo gehen. Es sind Zeichen der Solidarität und Aufmerksamkeit, die zu mehr führen können.

Aber was mir dieses Wochenende, an dem überall auf der Welt Tausende für die "Black Lives Matter"-Bewegung und für George Floyd auf die Straße gegangen sind, wieder einmal vor Augen geführt hat, ist eine ganz andere Tatsache. Sie macht mich sprachlos, ratlos und irgendwie auch hilflos. Das einzige Mittel, dass mir bleibt, ist sie hier aufzuschreiben.

Ich war am Wochenende auf keiner Demo

George Floyd Proteste in Uptown Charlotte

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Trotzdem war es das dominierende Thema in meinem Freundeskreis. Wir haben viel diskutiert. Ob, wie und überhaupt man die US-Lage mit Deutschland vergleichen könne. Nein, natürlich nicht eins zu eins – aber die Fehler im System sind die Gleichen. Egal ob Schwarz, Migrant*in oder People of Color, wir benachteiligen sie allesamt aus dem gleichen Grund: Weil unser System sie abhängt, basierend auf der Tatsache, dass sie anders sind als die gesellschaftliche Mehrheit. Das ist so willkürlich wie eine Partie Kniffel.

Anstatt aktiv zu klären, wie wir unsere Gesellschaft zu einer besseren machen können, sie umzuprogrammieren, diskutieren wir bei Maischberger und Co. seit 1968 darüber, ob wir in diesem Land überhaupt ein Problem mit Rassismus haben. Ja, haben wir! Nicht erst seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren – es war niemals weg. Das zeigen der Mord an Walter Lübcke, Hanau, der NSU, das Attentat von Halle an der Saale, der Brandanschlag in Solingen 1993 und viele andere rechtsextremistische Straftaten der vergangenen Jahrzehnte.

Dass wir diese Wahrheit nicht akzeptieren und aussprechen, ist ein nationales, historisches Trauma, dass seine Wurzeln natürlich im Naziregime hat – das ist aber keinesfalls eine Entschuldigung dafür, so zu tun, als ob nur die anderen Rassist*innen sind und wir unsere schrecklichen Lehren gezogen haben. Haben wir nämlich nicht.

Rechtsextreme Terror-Serie - Rechtsradikales Killer-Trio: Uwe B. / Böhnhardt (Ü34), Uwe M. / Mundlos (Ü38) und Beate Z. / Zschäpe (36). Alle waren Mitglieder der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund ( NSU )". Bisher geklärte Vergehen: 10 Morde, Polizistenmord / Mord an Polizistin Michele K. / Kiesewetter (Ü22) am 25.04.2007 in Heilbronn, 14 Banküberfälle, Anschlag mit einer Nagelbombe in Köln am 09.06.2004

Ich bin großgeworden mit dem Credo: Jeder Mensch ist gleich

JEDER. Ich verneine Rassismus, es ist einer der Gründe, wieso ich Journalistin geworden bin. Ich finde es nicht fair, wenn jemand keine Wohnung findet, nur weil der Nachname "Yilmaz" lautet. Trotzdem erwische auch ich mich ständig dabei, wie ich unterbewusst rassistisch agiere, ein Teil des ganzen Systems bin, dass ich verachte.

Wenn ich es zum Beispiel seltsam finde, in einen Afroshop zu gehen, um Schaumfestiger zu holen – obwohl die wahrscheinlich die besten Produkte dafür weit und breit haben. Oder dass ich manchmal doch überrascht bin, wenn eine Frau im Hijab perfektes Hochdeutsch spricht. Wenn ich aus vollkommen irrationalen Gründen nachts ein mulmiges Gefühl habe, wenn ich alleine mit einem Schwarzen Mann unterwegs bin – der wahrscheinlich einfach nur ein vollkommen normaler Dude ist. Ich hasse mich dafür, dass ich kurzzeitig so einfältig bin.

Sogar in unserem Grundgesetz ist der "Rasse"-Begriff verankert. Das ist gleich in zweierlei Hinsicht traurig: Zum einen, weil es noch notwendig ist, das extra zu erwähnen. Zum anderen, weil dieser Begriff doch eigentlich unnötig ist, weil wir alle Menschen sind.

Zuschauer stehen bei einem Konzert unter dem Motto "#wirsindmehr" in Chemnitz 2018.

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Um das abzustellen, braucht es Einsicht und die Hilfe von allen. Wir müssen uns ständig daran erinnern, dass unsere gesellschaftlichen Privilegien als biodeutsche Kartoffeln ein willkürlich gewähltes Konstrukt sind. Nur dann, wenn jeder von uns, der auf eine Demo geht, sich bewusst ist, dass auch er und sie Teil des Problems sind, daran aktiv arbeitet und nicht nur den Zeigefinger Richtung Trump, AfD und Neonazis schiebt, kann sich etwas ändern.

Rassismus gibt es nicht nur bei den anderen. Er ist hier. Diese Wahrheit ist gleichzeitig ein erster Befreiungsschlag – und ist längst überfällig.

  • Quelle:
  • Noizz.de