Endlich sieht er aus wie ein Finanzfuzzi.

Politiker haben es in Sachen Stil nicht leicht. Geben sie für ihre Garderobe zu viel aus, wird ihnen Luxus vorgeworfen – eine Eigenschaft, die Volksvertreter allzu sehr vom Volk entfernt. (Das Volk lebt ja großteils nicht im Luxus.) Das bekam Ex-Kanzler Schröder zu spüren, als er sich zu Anzügen des italienischen Herrenausstatters Brioni bekannte; das ging SPD-Frau Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, so, als sie mit ihrer Rolex Datejust 36 flexte.

Auch wenn sie ihre schwarzen, dunkelblauen oder grauen Uniformen gegen farbenfrohere oder mutigere Versionen eintauschen, sorgt das für Kommentare – meist spöttische oder empörte, manchmal sexistische oder beglückwünschende. Merkels Bayreuther-Festspiel-Dekolleté bleibt genau so unvergessen wie Dorothee Bärs freizügiges, knalliges und teures (Achtung: Luxus!) Cosplay-Outfit bei der vergangenen Gamescom. Außenminister Heiko Maas trat Ende letzten Jahres in Lederjacke und hohen Nike-Sneakern vor die nationalen Kameras – das Magazin der Süddeutschen Zeitung nannte ihn daraufhin einen "Berliner Hipster".

(Als Hipster gilt man als Politiker schnell: CSU-Mann Alexander Dobrindt – der, so DIE WELT, "Hipster, der aus Bayern kam" – brauchte dafür nur einen karierten Anzug und eine schwarze Hornbrille. CDU-Gesundheitsminister und Hornbrillen-Träger Jens Spahn grenzte sich gegen das Hipstertum ab, indem er seinen Elitarismus kritisierte – und buhlte damit gleichzeitig um ihre Aufmerksamkeit und vielleicht auch Liebe.)

Zuletzt wurden vor allem zwei Stile besprochen – und zwar nicht nur äußerliche: der von "CDU-Zerstörer" und YouTuber Rezo (blaue Haare, Jugendrhetor) und der von CDU-Parteisoldat Philipp Amthor (das genaue Gegenteil von "blaue Haare, Jugendrhetor).

Äußerlichkeiten sind aus der Politik also nicht wegzudenken – so auch nicht bei einem der mutmaßlich einflussreichsten Menschen der Welt: dem Präsidenten der USA, Donald Trump.

Von Anfang an ist über seinen Auftreten geredet worden: vom genauen Farbton seiner Haare und natürlich der Föhnfrisur über seine überlange, rote Krawatte hin zu seinen teuren, aber schlecht sitzenden dunkelblauen Anzügen. Trump ist die Stillosigkeit in Person – das gleicht selbst das Ex-Model an seiner Seite nicht aus.

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Es ist also eine News, wenn Trump plötzlich mit neuer Frise auftaucht – so geschehen am Sonntag bei seinem Trauerbesuch in der McLean Bible Church im Bundesstaat Virginia, in der zwei Tage zuvor ein Amokläufer zwölf Menschen erschossen hat.

Trump bei der Gedenkfeier in Vienna, Virginia Foto: dpa picture alliance

Die Haare des US-Präsidenten sehen so aus, als ob er sie streng zurückgegelt hat. Im Deutschen nennt man so was "Gelfrisur", im Englischen "Slicked-Back". Vor allem US-Medien haben angemerkt, dass diese Frisur dem Kult-Buch "American Psycho" von Bret Easton Ellis entlehnt zu sein scheint. Darin schreibt sich der Ich-Erzähler und Protagonist Patrick Bateman einen solchen Haarstil zu.

Aber man braucht gar nicht so kulturhistorisch zu werden: Die Gelfrisur ist seit den 80ern die Frise der Wall Street, der Broker, der Finanzfuzzis, der Geldelite oder derjenigen, die gerne dazu gehören möchten (BWL-Studenten, Versicherungsvertreter, Kleinganoven).

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Summa summarum: Die Gelfrisur passt viel besser zu Trump als seine eigentliche Signature-Frisur. Sie offenbart sein wahres Wesen – oder zumindest seinen Wunschtraum. Donald Trump, der Finanzfuzzi auf dem Präsidentenstuhl. Der Typ, der Politik nach der Logik des Business-"Deals" betreibt. Der – wie Tom Wolfe den Typus in seinem Wall-Street-Sittengemälde "Jahrmarkt der Eitelkeiten" beschreibt – Master of the Universe. Oder der, der dies gerne sein würde – koste es, was es wolle.

Es folgt die schlechte Nachricht: Es wird gemutmaßt, dass es sich bei Trumps "neuer" Frisur um ein einmaliges, zufälliges Ereignis handelt. Höchstwahrscheinlich haben wir es hier mit sogenanntem "Hat Hair" zu tun – also "Hut-Haar". Dieses entsteht infolge des Tragens einer Kopfbedeckung, die das Haar an den Kopf presst und so die ursprüngliche Frisur zunichtemacht.

Bei der Veranstaltung hielt Trump ein "Trump"-Basecap in der linken Hand; kurz zuvor trug er sie auf dem Kopf – und war noch bis unmittelbar vor der Gedenkveranstaltung Golfen. Deshalb auch die Golfschuhe und das Poloshirt.

Vielleicht lernen wir aus seiner "neuen" Frisur also vor allem eins: Trump spielt lieber ein bisschen länger Golf, als sich vor einer Trauerfeier für die Opfer eines Amoklaufs noch mal frisch zu machen und umzuziehen. So gesehen bleibt alles beim Alten. Denn man muss keine Gelfrisur tragen, um gelfrisurig zu handeln. Und aufrichtige Anteilnahme gehört nicht zum Stil eines Masters of the Universe. Dafür ist der Deal einfach zu schlecht.

Quelle: Noizz.de