Will das Ex-Playmate ins Europaparlament?

Ich hätte sie ehrlich gesagt gar nicht erkannt auf dem Plakat, das vor jenem U-Bahnhof hängt, aus dem ich auf meinem Heimweg jeden Tag einmal komme. Vielleicht liegt das an meiner Promi-Blindheit: Ich erkenne Celebrities im richtigen Leben einfach nicht. Vielleicht liegt's aber auch daran, dass ich Pamela Anderson in so einem Kontext nicht erwartet hätte: nämlich im Rahmen der Europawahl, die in Deutschland am Sonntag stattfindet.

Ich kenne sie aus den 90ern, aus der Kult-Serie "Baywatch", wo sie als C.J. Parker in einem knallroten Badeanzug Dinge sagte wie "Nenn' mich nicht Babe!". Außerdem weiß ich, dass sie ein gutes Dutzend Mal – so oft wie keine andere Frau – auf dem Cover des "Playboy" war.

Um so überraschter war ich, als mir gewahr wurde, dass die im Politikkontext überdurchschnittlich gut aussehende Blondine auf dem EU-Wahlplakat ebenjene Pamela Anderson ist. Sie trägt eine weiße Sonnenbrille, ein schwarzes Spitzenoberteil – und ihre Lippen sind immer noch so voll, wie ich sie von damals in Erinnerung habe. Große weiße Buchstaben verdecken ihren Oberkörper. Sie bilden die Worte "Green New Deal" (Damit ist eine ökologische Wende der Industrienationen gemeint).

Wer das Kleingedruckte liest, wird sofort entwarnt: "Pamela Anderson unterstützt den [Green New Deal]." Das heißt im Klartext:

Pamela Anderson tritt nicht bei der Europawahl an.

Hä? Was soll das? Warum hat die Partei "Demokratie in Europa" sie dann zu ihrem Postergirl erklärt? Aufmerksamkeit um jeden Preis?

Bei meinen Recherchen stolperte ich bei ARTE über ein neues "Durch die Nacht mit ..."-Video. In dem Format treffen seit Jahren Prominente verschiedenster Couleur aufeinander, navigieren zusammen durch eine Stadt, treffen spannende Leute, geraten in ungewöhnliche Situationen – manchmal gelingt das, manchmal nicht. (Schlimm war zum Beispiel die Folge, in der Lena Meyer-Landruth auf Casper traf.)

In der neuesten Folge trifft Pamela Anderson auf den kroatischen Philosophen Srećko Horvat und erkundet gemeinsam mit ihm Graz. Sie fahren mit der Märchenbahn im Schlossberg, trinken gemeinsam Champagner, essen in einem veganen Restaurant, gehen die berühmte Doppelwendeltreppe hoch und besuchen das interdisziplinäre "Elevate Festival". Währenddessen sprechen sie über Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit, Themen, die, wie ich erfahre, Pam seit Jahren beschäftigen.

Wer diese Seite von ihr ebenfalls verpasst haben sollte: Sie wohnt mittlerweile in Marseille, ist mit dem französischen Fußballnationalspieler Adil Rami zusammen, ist aktives PETA-Mitglied und bringt gerade ihren eigenen veganen Champagner namens "Amour Fou" auf den Weg. In der Sendung trägt sie eine vegane Handtasche aus Apfelabfällen. Man merkt: Es ist ihr ernst mit dem "New Green Deal".

Diese Ernsthaftigkeit leidet auch nicht unter der Puppen- und Phrasenhaftigkeit, mit der Pamela Anderson ihre Themen vorbringt. Die ganze Zeit leidet man nämlich ein wenig mit Srecko Horvat mit, der einem vorkommt wie bei einem Tinder-Date, bei dem beide sofort merken, dass es nicht funktioniert, aber trotzdem das Programm durchziehen – aus Langeweile oder Höflichkeit. Horvat nimmt Pam quasi an die Hand, moderiert durch die Nacht, ist sichtlich bemüht, das Experiment zu einem guten Ende zu führen.

Dabei ist es eigentlich gar kein Experiment, denn die beiden kennen sich schon – man könnte sagen, vom EU-Wahlplakat. Horvat ist Kandidat der Partei "Demokratie in Europa", für die Anderson Werbung macht (und die aus dem europaweiten "Democracy in Europe Movement 2025" hervorgegangen ist). Die beiden saßen schon diverse Male zusammen talkend auf der Bühne – im Dienste von "DiEM25", wie die Bewegung abgekürzt heißt.

Streng genommen ist die "Durch die Nacht mit ..."-Folge also ein 52-minütiger kostenloser Wahlwerbespot. Das Timing ist perfekt: Die Doku erschien sechs Tage vor der Europawahl.

Es verwirrt im ersten Augenblick, dass glamouröse Prominente wie Pamela Anderson sich in den Wahlkampf einmischen, ihr Konterfei für Politik hergeben. Aber warum sollten sie nur Werbung für Autos, Burger und Banken machen? Ich nehme Pam ihr Engagement ab und glaube, dass sie für ihre Dienste in Sachen Europawahl kein Geld bekommen hat. In den USA ist es ja gang und gäbe, dass Promis Wahlempfehlungen geben. Als Taylor Swift sich bei den Präsidentschaftswahlen 2016 partout auf keine Seite schlagen wollte, wurde dies gar zum Politikum: "Wen wählt Taylor Swift" war damals laut "Washington Post" eine der wichtigsten Google-Suchanfragen.

Ganz neu ist dies auch in Deutschland nicht. In der deutschen Vergangenheit hatte es immer wieder Berühmtheiten gegeben, die sich für Wahlkämpfe einspannen ließen – allerdings eher vom Kaliber eines Literaturnobelpreisträgers namens Günter Grass (SPD). Auch bei den letzten Bundestagswahlen bekannten Promis Farbe: Sophia Thomalla und Lena Meyer-Landrut sprachen sich für die CDU aus, Klaas Heufer-Umlauf für die SPD. Aber keiner von ihnen ließ sich auf Plakate drucken, die dann in ganz Deutschland rumhingen. Auf den Plakaten prangten immer noch die Antlitze von Martin Schulz und Merkel.

Was, wenn wir nicht ihnen in die Augen geschaut hätten, sondern Lena Meyer-Landrut und Klaas Heufer-Umlauf? Oder Influencern wie Sami Slimani und Pamela Reif? Hätten mehr (vor allem junge) Leute gewählt? Wäre die Wahl anders ausgegangen?

Ich glaube nicht, dass in Zukunft auch andere Parteien Prominente auf ihre Plakate packen. Im Falle Pamela Andersons scheint mir das ziemlich random. Warum sie? Gab es niemand Anderen, Zeitgemäßeren – Europäischeren? Pam ist gebürtige Kanadierin und seit 15 Jahren Amerikanerin. Ihr Stern ist schon lange untergegangen (2018 war sie zu Gast bei "Willkommen bei Mario Barth") . Wahlberechtigte unter 30 kennen sie nur noch aus zweiter Hand.

Der Zufall hat es wohl so gefügt – und eine Partei, "Demokratie in Europa", deren Begründer für ungewöhnliche Polit-Ansätze stehen – unter ihnen der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis. Die Aufmerksamkeit – und mehr ist es erst mal nicht – kann "DiEM25" gut brauchen, um sich gegen die etablierten Parteien und althergebrachte Farben durchzusetzen.

In dieser Dimension ist ein ins Auge springender Prominenter auf einem EU-Wahlplakat vielleicht nicht das Schlechteste. Denn dadurch bekommt nicht nur eine unbekannte Partei Aufmerksamkeit, sondern auch die Europawahl als solche.

Fördert Pamela Anderson folglich nicht nur die "Demokratie in Europa", sondern auch die Demokratie in Europa? Erst mal eher Ja als Nein. Und auch wenn ich am Sonntag nicht Pam wählen werde – denn das geht ja leider (?) nicht –, finde ich es begrüßenswert, dass sie ihren Rest-Ruhm dazu gebraucht, für Demokratie im Allgemeinen und Umweltbewusstsein im Besonderen zu werben. Noch einen abgehalfterten Star, der sein Gesicht für Braucht-kein-Mensch-Produkte verscherbelt, braucht in Zeiten wie diesen kein Mensch.

Quelle: Noizz.de