Ohne den 9. November 1989 gäbe es mich nicht.

Ich brauche keine hundert Dokus über den Mauerfall, die DDR oder das Ende des Kalten Krieges. Ich brauche keine "Sooo deutsch"-Kampagne. Ich brauche keine 200 Veranstaltungen in Berlin, die mich daran erinnern, dass der 9. November 1989 ein geschichtsträchtiger Tag war. Ich erinnere mich selbst daran. Denn mich gäbe es ohne den Mauerfall gar nicht.

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Gut, das ist ein bisschen überspitzt. Denn ich bin im März 1990 geboren. Meine Mutter kommt aus Dresden, mein Vater aus Mönchengladbach. Kennengelernt haben sie sich 1986. Nein, meine Mutter ist nicht in den Westen geflohen. Meine Eltern haben in der DDR geheiratet und danach einen Ausreiseantrag gestellt – ein Jahr bevor diese verdammte Mauer fiel. Sie hätten sich viel Ärger ersparen können.

Komplizierte Zeiten und eine ungewisse Reise

Meine Mutter hätte sich nicht aus dem Land, in dem sie groß geworden ist, ausbürgern lassen müssen und ihr Land in einem Zug verlassen müssen, ohne so richtig zu wissen, unter welchen Umständen sie ihre Familie in Sachsen noch mal wiedersehen kann. Es waren komplizierte Zeiten. Diesen komplizierten Weg sind meine Eltern gegangen, weil es 1988 unvorstellbar war, dass die DDR nicht mehr existieren würde und es irgendwann leichter werden würde, sich zu sehen. Für uns ist das heute unvorstellbar.

Meine Eltern, als meine Mutter nach ihrer Ausreise aus der DDR in NRW ankam. Foto: privat
Das Ausreise-Dokument meiner Mutter, sie war danach kurz staatenlos. Foto: privat

Wer sich fragt, wie sich meine Eltern kennengelernt haben, ihre Liebesgeschichte würde den klassischen Stoff für einen ARD-Dreiteiler bieten. Mein Großvater väterlicherseits kommt aus Schmölln, einem kleinen Ort in Thüringen. Damals, als es noch möglich war, zwischen der DDR und BRD zu Fuß hin und her zu wandern im Grenzgebiet, es muss irgendwann in den 50ern gewesen sein, hatte mein Opa – so erzählte man mir – irgendwie Streit mit seinen Brüdern. Zu Fuß ging er nach Bayern und dann Richtung NRW, denn da gab es genug Arbeit. So lernte er meine Großmutter väterlicherseits kennen.

DDR-Produkte, West-Mitbringsel und die ganz große Liebe

Den Kontakt zu seiner DDR-Verwandtschaft, die aber immer noch in Thüringen und Sachsen lebte, hatte er nie abgebrochen. Mein Vater ist aufgewachsen mit Sommerferien in der DDR, mit Zwangsumtausch, West-Mitbringseln für die Ostverwandtschaft und billigen DDR-Produkten. Dinge, die man sich gar nicht mehr vorstellen kann. 1986 heiratete seine Cousine in Dresden. Die war zufällig mit meiner Mutter befreundet. Und so verliebten sich beide – klischeehafterweise bei einer Hochzeit. Es war der Beginn einer Ost-West-Fernbeziehung.

Als ich geboren wurde, gab es die DDR offiziell noch als Staat. Erst am 3. Oktober 1990 wurde aus zwei Ländern eine BRD. Auch wenn ich in eben einem Deutschland groß geworden bin, für mich war es omnipräsent, dass es diese Vergangenheit gab.  

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Als ich klein war, sind wir regelmäßig nach Dresden gefahren in den Ferien. Auf dem Rasthof in Eisenach sah man noch die Grenzanlagen und Kontrollhäuschen der DDR-Grenzsoldaten. Als Kind konnte ich das natürlich nicht einordnen, aber es war eigenartig, neben dem frischeröffneten Orion-Sexshop auf dem Rasthof diese Relikte eines untergegangenen Staates zu sehen.

Meine Großeltern in Dresden wohnten in einem Altbau, der kurz nach dem Krieg wohl keinerlei Moderniesierungsmaßnahmen gesehen hatte. Es wurde mit Kohle geheizt, die Fenster waren einfach verglast. Ich kann mich jetzt noch an den Geruch von Kohle und Badusan, einem Badezusatz, den es noch zu DDR- und auch zu Wendezeiten gab, erinnern. Sobald wir in das Dresdener Stadtgebiet mit unseren Skoda fuhren, ging die Schüttelpartie auf dem Kopfsteinpflaster los. Meine Schwester und ich haben ein nerviges Spiel daraus gemacht – zum Leidwesen meiner Eltern: Wir haben die nervigsten Geräusche dazu gemacht, damit die möglichst absurd in der Schüttelpartie auf Kopfsteinpflaster klangen. Der Lebensstandard in Ost und West war für mich offensichtlich anders. Aber ich fand weder das eine noch das andere besser. Es war eben beides Familie.

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Dass ich auch in meiner Erziehung und Sozialisierung Überbleibsel der DDR-Kindheit und –Jugend meiner Mutter Einzug fanden, wurde mir erst so richtig bewusst, als ich in die Schule ging. Ich hörte liebend gerne Litera-Märchen-Schallplatten, von denen hatten meine Klassenkameraden in Mönchengladbach nie etwas gehört und fanden sie vor allen Dingen eines: etwas gruselig. Da mag was dran gewesen sein.

Aber auch im Sprachgebrauch habe ich mich öfters geoutet, als "halber Ossi". Statt "kuscheln" habe ich oft “huscheln” gesagt, ein sächsisches Dialektwort. Mein Deutschlehrer in der fünften Klasse, da war die Wende bereits zehn Jahre her, strich mir das Wort "Broiler" für Brathähnchen als Fehler in einer Klassenarbeit an – es sei kein hochdeutsches Wort, auch wenn es im Duden stehe. Hat jemand das rheinische Dialektwort "Möp" genutzt, passierte das nicht. Eigentlich kein großes Ding, als Kind fühlt man sich dadurch aber schon angegriffen. Wenn meine Freunde gesagt haben "deine Mama spricht so anders", wusste ich nie was sie meinen. Dass sie sächselt ist mir nie aufgefallen, weil ich damit groß geworden bin.  

Wenn ich heute Bilder von der Nacht des 9. November 1989 sehe, kommen mir immer noch die Tränen

Es berührt mich, zu sehen, wie Menschen es friedlich geschafft haben, so etwas Großes zu verändern. Vielleicht bin ich auch aufgrund meiner durchtränkten Ost-West-Familiengeschichte zum Studieren in den Osten, nach Leipzig, dort wo die friedliche Revolution in der DDR ihren Anfang nahm, gegangen. Meinen West-Kommilitonen dort kam mein Ost-West-Background übrigens sehr zu Gute. Wer weiß wie häufig sie sonst bei der Uhrzeitangabe "Dreiviertel Zehn" zu spät gekommen wären. An jedem 9. Oktober findet in Leipzig das Lichtfest statt, dass an die erste große Montagsdemo erinnert. Auch das: immer ein Moment der Gänsehaut für mich in den fünf Jahren, die ich dort gelebt habe.  

Es ist Teil meiner Identität, die ich nicht missen möchte. Nach 30 Jahren sollten Unterschiede zwischen Ost und West eigentlich kein Unterschied mehr sein. Auch wenn ich mich immer häufiger dabei ertappe, wie mich die heutige Zeit und ihre politischen Kontexte immer mehr dazu zwingen, den Osten Deutschlands irgendwie verteidigen zu müssen. Weil ich beide Seiten erlebt habe. Der latente Fremdenhass und die Neonazi-Demos der 90er in Dresden und anderen sächsischen Orten habe ich als Kind am Rand auch wahrgenommen. Aber viel mehr in Erinnerung sind mir die herzlichen Menschen dort. Die etwas Neues aufbauen wollten und inspirierend gehandelt haben. 

"In Dunkeldeutschland wählen die eh alle AfD."

Wenn ich nun erlebe, wie Teile des Landes nach 30 Jahren immer noch abgeschottet sind und nicht die gleichen Voraussetzungen haben wie andere, macht mich das wütend. Ich kann den Frust dieser Menschen nachvollziehen und ich wünsche mir so sehr, dass mehr ihnen zuhören und nicht gleich denken: "In Dunkeldeutschland wählen die eh alle AfD." Denn das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Inzwischen lebe ich in Berlin. Der Stadt, die wie keine andere für die innerdeutsche Teilung steht. Als ich hierhin gezogen bin, habe ich in Moabit, also im Westen der Stadt gelebt. Mittlerweile lebe ich im Ostteil der Stadt, in Pankow. Ganz in der Nähe des Majowskirings. Dort haben früher die Parteibonzen der SED, der Einheitspartei der DDR, gelebt, ehe sie ihre Siedlung in Wandlitz bekamen. An den Villen finden sich Plaketten wie "Hier wohnte Wilhelm Pieck, Präsident der DDR" und es führt mir einmal mehr vor Augen, wie eigenartig es gewesen sein muss, hier zu leben, während über deinen Köpfen Flugzeuge Richtung Berlin-Tegel, im Westen der Stadt, flogen.  

Ich bin 29 Jahre alt, vor 30 Jahren fiel die Mauer. Es ist ein Stück Freiheit, dass sich die Menschen und auch meine Familie irgendwie zurückerobert haben. Das sollten wir uns von einer dusseligen Partei wie der AfD nicht kaputtmachen lassen. Denn wenn wir auf die hören, sind wir eher wieder da, was vor der DDR war. Auch nicht besser.

Wer weiß, wie das Leben meiner Familie verlaufen wäre, wenn es die Wende nicht gegeben hätte. Wir werden es zum Glück nie erfahren.

Quelle: Noizz.de