Eine deutschlandweite Bewegung namens "Black History in Deutschland" fordert aktuell in einer Reihe von Petitionen: Im Schulunterricht müssen antirassistische Lehrinhalte Pflicht sein. NOIZZ sprach mit einer der Organisatorinnen.

Nicht nur die "Black Lives Matter"-Proteste fordern momentan mehr Aufmerksamkeit für Rassismus und die Aufarbeitung langjähriger diesbezüglicher Versäumnisse. In ganz Deutschland starten aktuell Petitionen, die mehr antirassistische Lehrinhalte fordern, so wie einen verpflichtenden Teil des Geschichtsunterrichts zum Thema Kolonialgeschichte.

Die erste dieser Petitionen, die sich nun zu der Bewegung "Black History in Deutschland" zusammengeschlossen haben, startete in Nordrhein-Westfalen. Mit Tuana, einer der Berliner Organisatorinnen der Petition, hat NOIZZ über Beweggründe, Erfolge und eigene Erfahrungen gesprochen.

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NOIZZ: Wer ist das Team hinter der Petition?

Tuana: Die Petition wird von Teams in verschiedenen Bundesländern geteilt, da der Lehrplan Ländersache ist. In Berlin sind es, einschließlich mir, drei junge Frauen, die sich aus der Uni kennen. Wir waren zwar generell schon immer politisch interessiert, wollten aber angesichts der "Black Lives Matter"-Proteste darauf aufmerksam machen, wo und wann Rassismus überhaupt entsteht. Wir wollten das Problem an der Wurzel packen. Dann sind wir auf eine Petition in England aufmerksam geworden, die gefordert hat, dass auch BIPoC-Quellen im Schulunterricht genutzt werden. Das haben wir weiterentwickelt und fordern dementsprechend in der Petition, dass Kolonialgeschichte richtig unterrichtet wird. Dass man Geschichte nicht nur aus der weißen Perspektive lernt.

Haben einzelne aus dem Team schon vorher etwas in die Richtung organisiert oder ist es für euch das erste mal, dass ihr selbst aktiv werdet?

Tuana: Für unser Berliner Team ist es tatsächlich die erste Aktion, die wir starten. Ein Teammitglied hatte sich aber schon einmal mit dem Erstellen von Petitionen beschäftigt, was sehr hilfreich war. Ich persönlich habe schon als Jugendliche bei politischen Aktionen mitgemacht, aber bisher keine selbst ins Leben gerufen.

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Würdest du sagen, die "Black Lives Matter"-Bewegung ist ein Weckruf für Menschen, die bisher nie selbst aktiv wurden, jetzt aber wie ihr selbst Aktionen starten?

Tuana: "Black Lives Matter" ist auf jeden Fall für viele Menschen ein Weckruf. Ich finde es schade, dass es diese Bewegung gebraucht hat, damit viele aufwachen und das Rassismusproblem erkennen – auch in Deutschland. Hierzulande tritt Rassismus vielleicht in anderen Formen auf, ist aber genauso zerstörerisch wie anderswo. Mir haben nach dem Start der Petition viele Leute geschrieben, dass sie durch sie inspiriert wurden, und bessere "White Allies" (Weiße Verbündete) werden wollen. Sie schrieben, dass sie jetzt häufiger zu Demonstrationen gehen wollen, einige haben sogar eigene Petitionen gestartet. Sie haben gemerkt: Ich kann selber etwas machen – Petitionen bringen wirklich etwas.

"Black Lives Matter" hat, wie ich finde, die sehr wichtige Auswirkung, dass man in Deutschland nun besser über Rassismuserfahrungen sprechen kann. Vor den Protesten war es teilweise so, dass Leute einem nicht geglaubt haben, wenn man über seine Erfahrungen geredet hat – ich hatte sogar teilweise das Gefühl, Weiße damit zu belästigen.

Meine Team-Kollegin Salimata vermutet, dass das Thema Rassismus erst jetzt so eine riesige Aufmerksamkeit bekommt, weil sich in letzter Zeit nicht nur die Anzahl rassistischer Tötungen gehäuft hat, sondern vor allem die unglaublich große mediale Aufmerksamkeit. Und während man früher nur durch die Nachrichten damit konfrontiert wurde, kann man den viralen Fotos und Videos in den Sozialen Medien heute kaum noch entgehen. Man ist plötzlich näher an den Ereignissen dran und emotional viel berührter.

Was war der Auslöser dafür, dass ihr euch entschieden habt, sie ins Leben zu rufen?

Tuana: Für uns war "Black Lives Matter" tatsächlich der Auslöser. Und das häufige Gefühl der Machtlosigkeit, das wir überwinden wollten.

Welche Rolle spielten eure eigenen schulischen Erfahrungen bei der Zielsetzung der Petition?

Tuana: Für uns alle, nicht nur im Berliner Team, sondern auch in den anderen, spielten die eigenen schulischen Erfahrungen eine große Rolle. In unseren Teams sind zum Beispiel viele BIPoCs, die schon zu Schulzeiten viel Rassismuserfahrungen machen mussten und bis heute davon gezeichnet sind. Der Antirassismus-Aspekt in der Petition ist uns daher unheimlich wichtig: Kinder müssen von Anfang an antirassistisch erzogen und geschult werden. Auf viele Eltern kann man sich in der Hinsicht nicht verlassen.

Ich selbst kann mich noch an ein Erlebnis in der Schulzeit erinnern, das mich auch mit dazu gebracht hat, die Petition zu starten. Wir hatten bilingualen Geschichtsunterricht und in der einen Stunde ging es um Christoph Kolumbus. Und ich weiß noch, wie es mich damals aufgeregt hat, dass wir nichts darüber gelernt haben, dass die Ureinwohner Amerikas ermordet und wie systematisch ihre Kulturen unterdrückt wurden. Noch nicht einmal über die Versklavung von Menschen vom afrikanischen Kontinent haben wir detailliert gesprochen. Meine Team-Kolleg*innen erzählen Ähnliches aus ihrer Schulzeit.

So wie Priscilla, die das Bayerische Petitions-Team mit gestartet hat. Sie hat mir erzählt, dass ihre Schulzeit aus Rassismusgründen ein einziger Kampf war und sie trotz guter Leistungen von Mitschüler*innen und Lehrer*innen diskriminiert wurde. Durch die Petition will sie erreichen, dass Schüler*innen heutzutage nichts dergleichen erleben müssen.

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Habt ihr euch im Vorhinein mit Vertreter*innen aus dem Bildungssektor zusammengesetzt?

Tuana: Im Vorhinein haben wir das nicht getan, das machen wir aber jetzt. Wir treten gerade in Kontakt mit Personen aus dem Bildungssektor in unseren jeweiligen Landkreisen. Und das ist ganz schön aufwändig: Eine Petition zu starten ist nicht das Schwierigste, weiterzumachen ist der größte Aufwand.

Wie waren die Reaktionen auf die Petition?

Tuana: Die Reaktionen sind größtenteils positiv – was aber auch daran liegen kann, dass wir uns in einer antirassistischen Bubble befinden. Was mir aufgefallen ist, ist, dass die häufigsten Kritiker*innen der Petition Lehrer*innen sind, die eigentlich progressiv sein sollten. Dass sich Personen, die eigentlich daran interessiert sein sollten, Schüler*innen neue Perspektiven zu bieten, quer stellen und angegriffen fühlen, ist für mich unverständlich. Sie werfen uns vor, dass wir übersehen hätten, dass Kolonialgeschichte im Lehrplan steht – und übersehen dabei, dass das nicht wirklich verpflichtend ist. Wie dieses wichtige Thema unterrichtet wird und aus welcher Perspektive, sollte einheitlich festgelegt werden und von Lehrperson zu Lehrperson unterschiedlich ausgelegt werden.

Was hat es mit "Black History in Deutschland" auf sich?

Tuana: Die ganzen Petitionen in den verschiedenen Bundesländern haben sich zu einer Bewegung zusammengeschlossen. Wir connecten und unterstützen uns gegenseitig bei unseren Aktionen. Dazu haben wir auch eine Instagram-Seite.

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Was sind die Folgen der Petition – zeichnen sich schon Veränderungen im Lehrplan ab, Eure Forderungen umzusetzen?

Tuana: Bisher zeichnen sich leider noch keine Veränderungen im Lehrplan ab, deshalb schreiben wir auch gerade Entscheidungsträger*innen an, die das ändern sollen. Vielleicht ergibt sich nach den Sommerferien mehr?

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Quelle: Noizz.de