Nicaragua versinkt im Chaos – 4 junge Menschen erklären uns die Lage

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„Wir können nicht mehr schlafen. Die Gewalt ist Alltag geworden.“

Nicaragua befindet sich im Ausnahmezustand: Bei den Protesten gegen die Regierung von Präsident Daniel Ortega sind bereits 139 Menschen ums Leben gekommen. Die Demonstranten nutzen inzwischen Straßenblockaden, um Teile des Landes lahmzulegen. Vermittlungsversuche durch die katholische Kirche sind bislang gescheitert. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

Doch wie konnte es für das kleine Land in Zentralamerika überhaupt so weit kommen? Und warum hört man hierzulande so wenig von der Krise?

Trauerzug in der Stadt Masaya: Hier erweisen Bürger einem 22-jährigen Demonstranten die letzte Ehre. Inzwischen sind weit über 100 Menschen bei den Unruhen gestorben. Foto: Carlos Herrera / dpa picture alliance

Nicaragua liegt in Zentralamerika, hat etwas mehr als 6 Millionen Einwohner und wird von Daniel Ortega regiert. Der 72-Jährige war schon im Jahr 1979 eine zentrale Figur der sozialistischen Revolution und trat seine aktuelle Amtszeit im Jahr 2007 an. Ihm und seiner Frau Rosario Murillo, die gleichzeitig Vize-Präsidentin ist, wird schwere Korruption vorgeworfen.

Die beiden sollen sich, wie auch andere Teile der Partei-Elite, systematisch bereichert und große Teile der Wirtschaft unter ihre Kontrolle gebracht haben. Die Wut dagegen hatte sich schon länger aufgestaut, doch seit einigen Wochen sind die Kämpfe zwischen Demonstranten und Regierung eskaliert. Ortega hat einen Rücktritt bislang kategorisch abgelehnt.

Wir haben vier junge Menschen aus Nicaragua gebeten, uns ihre Sicht der Geschehnisse zu schildern.

Nelson (25), Ingenieur

„Ich wünsche mir, dass unser Land eine echte Demokratie wird.“ Foto: Nelson Miranda / privat

„Die Proteste haben sich zunächst gegen Rentenkürzungen und die Erhöhung von Sozialabgaben gerichtet, aber nach der extremen Reaktion der Regierung wurde es zu einem allgemeinen Aufbegehren. Die Regierung hat null Toleranz gegenüber den Demonstranten gezeigt und die Nationalpolizei und paramilitärische Gruppen benutzt, um sie zurückzudrängen. Sie sieht jede Demonstration sehr ungern, das war schon immer so, seit sie an der Macht ist. Aber in diesem Fall war die Gewalt extrem und die Menschen wurden noch wütender, als die ersten Demonstranten getötet wurden. Danach ging es weniger um Sozialabgaben, mehr um Unterdrückung.

Ich habe das alles vom ersten Tag an sehr genau verfolgt. Ich habe gesehen, wie die paramilitärischen Kräfte der Regierung eine Gruppe von Demonstranten eingeschüchtert und attackiert haben. Am nächsten Tag habe ich mich den Protesten angeschlossen, aber die Reaktion der Polizei war brutal. Ich habe wirklich nicht verstanden, warum sie so gewalttätig und irrational vorgehen musste. Ich wurde glücklicherweise nicht verletzt, aber die Stimmung in der Stadt war angespannt. Viele Orte sahen aus wie Kampfschauplätze. Als sie anfingen, Menschen umzubringen, konnte ich nicht mehr schlafen.

Am nächsten Tag habe ich mit ein paar Freunden Lebensmittel für Studenten besorgt, die sich gegen die Angriffe gewehrt haben. Ihre einzigen Waffen waren Steine, Molotow-Cocktails und Morteros [eine Art improvisierte Mörser-Rakete, Anm.]. Die Polizei und die paramilitärischen Gruppen hatten dagegen richtige Waffen. Wir haben rund um die Uni Straßenblockaden aufgebaut, um uns vor den Attacken zu schützen.

In all den Wochen seitdem konnten wir in Nicaragua nicht mehr gut schlafen. Die Gewalt ist Alltag geworden. Ich musste wegen der Situation anfangen, von zu Hause aus zu arbeiten. Es gibt keine Ruhe mehr, wir sprechen jeden Tag darüber. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass so etwas jemals passieren würde.

Bevor das alles losging, hielten uns viele Menschen für eine eher passive Generation. Viele dachten, dass wir Jungen uns nicht ernsthaft für die Probleme unseres Landes interessieren würden. Aber inzwischen haben wir uns verändert. Diese soziopolitischen Umwälzungen sind von jungen Menschen angetrieben worden, insbesondere von Studenten.

Ich persönlich wünsche mir – und das wünschen sich wohl die meisten –, dass unser Land eine echte Demokratie wird. Wir möchten keine Leute, die Nicaragua für immer regieren wollen, keine Diktatoren. Wir möchten auch, dass junge Leute mehr in die Entscheidungen eingebunden werden, was jetzt noch nicht der Fall ist. Es sind hauptsächlich die Älteren, die sich an die Macht klammern. Wir brauchen neue Leute, Intellektuelle und frische Ideen.

Dazu brauchen wir eine neue Regierung und schnellstmöglich Wahlen, nicht erst 2022 [wie vorgesehen, Anm.]. Wir können keine Regierung behalten, die ihr eigenen Bürger umbringt und diese schreckliche Situation nicht in den Griff bekommt. Sie scheint ja nicht einmal zu wollen, dass es aufhört.“

Keyling (25), Boxerin im Olympia-Team

„Wir bleiben lieber drinnen, aus Angst, die Polizei könnte uns auf der Straße angreifen.“ Foto: Keyling Casanova / privat

„Die Menschen in Nicaragua protestieren, weil sie wollen, dass Daniel Ortega und Rosario Murillo von der Regierung zurücktreten und ihre Macht aufgeben. Das Regime hierzulande ähnelt dem, das Fidel Castro in Kuba aufgebaut hat. Die Wirtschaft ist schlecht. Die Gewinne, die Nicaragua normalerweise in einem Monat gemacht hätte, sind um die Hälfte zurück gegangen. Dazu kommt die neue Sozialreform.

Die Studenten protestierten zunächst friedlich gegen die Erhöhung der Beiträge. Nicht mit Waffen, sondern mit ihrer Stimme. Die Regierung reagierte aber brutal darauf und ordnete der Polizei an, die Menschen niederzustrecken. Dazu kommt jetzt auch noch die „Juventud Sandinista“. Das ist eine Jugendorganisation, die zur Partei gehört. Sie ist für den Tod vieler Jugendlicher verantwortlich.

Uns jungen Menschen geht es schlecht. Wir können uns nicht mehr frei über die Straßen bewegen, wir bleiben lieber drinnen, aus Angst, die Polizei könnte uns auf der Straße angreifen oder sogar töten.

Was ich mir am meisten für mein Land wünsche, ist Frieden und dass das Blutvergießen so vieler junger Menschen endlich aufhört. Sie kämpfen nur für ein besseres, freies Nicaragua. Der Kampf einiger ist die Zukunft vieler. Hier in Nicaragua fällt es uns schwer anzuschauen, wie unsere Jugend ermordet wird. Ich will, dass mein Nicaragua wieder zu einer Republik wird. Ich will, dass alles wieder so wird wie früher – oder sogar besser.“

Pablo (34), Zahnarzt

„Für mich ist diese ganze Situation sehr schmerzhaft gewesen.“ Foto: Pablo Cuadra Wayland / privat

„Es gibt etliche Gründe für die Proteste. Zum Beispiel existiert Unzufriedenheit gegenüber dem Autoritarismus der Regierung und dem ökonomischen Monopol des Präsidentenpaares. Diese Realitäten führen zu genereller Unruhe in der Bevölkerung, die aufgrund des Zerfalls und der schlechten Arbeit der Opposition nur von wenigen Personen angesprochen wurde.

Ein Wendepunkt war der 18. April, als um die 50 Demonstranten, unter ihnen Senioren und Studenten, im Zentrum der Hauptstadt zu Protesten zusammenkamen. Als die „Juventud Sandinista“ [paramilitärische, regierungsnahe Gruppe, Anm.] geschickt wurde, um die Demonstration zu zerschlagen, begann die Gewalt. Sie griffen jeden an, der dort war. Sie schlugen Frauen, ältere und jüngere Männer mit ihren Motorradhelmen, Stöcken und Rohren. Am selben Tag nahmen sie vielen freien Journalisten ihre Kameras weg und schlossen den Fernsehsender „100% Noticias“ einen Tag später landesweit. Das alles erfüllte viele Menschen mit Empörung, auch Personen, die zuvor mit der sandinistischen Regierung sympathisiert hatten.

An den drei darauffolgenden Tagen gab es Zusammenstöße zwischen Schutztruppen der Polizei, vereint mit dem Mob der Pro-Regierungsbewegung und hauptsächlich den Studenten und anderen Menschen der Bevölkerung, die in der Nähe der Universitäten wohnten. Als Konsequenz von alldem gab es viele Tote. So viele Tote zu sehen, hat bei der Bevölkerung eine totale, irreversible Ablehnung gegenüber der Regierung ausgelöst.

Für mich ist diese ganze Situation sehr schmerzhaft gewesen. Vor allem die Tode zu sehen und den Schmerz der Familien, die in den sozialen Netzwerken verbreitet wurden. Es ist ebenso schmerzhaft, den sozialen Verfall zu sehen, den wir gerade erleben. Zur Zeit existiert ein medialer Krieg und wir erhalten Fehlinformationen über das Internet und andere Kanäle, egal ob staatlich oder unabhängig. Man weiß nicht mehr, wem man glauben kann. In den sozialen Netzwerken sieht man einen Werteverlust und eine Konfrontationsstimmung, die anscheinend oberflächlich von den Nicaraguanern ausgehen.

Generell sind sich die jungen Menschen der Realität, in der sie leben, sehr bewusst und sind fest entschlossen, weiter friedlich zu demonstrieren, bis Daniel Ortega und seine Frau ihre Macht aufgeben. Das Problem ist, dass die Linie zwischen friedlichen und nicht friedlichen Protestanten sehr schmal ist. Die Mehrheit der Tötungen sind nicht während der friedlichen Proteste begangen worden, sondern dort, wo es Gewalt oder „Tranques“ gibt – das sind Barrikaden in den Hauptstraßen der Städte oder auf Autobahnen, die die Städte verbinden, von denen man weiß, dass es dort bewaffnete Personen gibt.

Ich würde gerne in einem Land leben, in dem wir, abgesehen vom ökonomischen Wachstum, welches wir eigentlich gehabt hätten, auch ein politisches und soziales Wachstum erleben, da wir in all diesen Aspekten rückständig sind. Ich hoffe, dass sich mithilfe des Dialogs, der zwischen der Zivilgesellschaft, der Regierung und der katholischen Kirche als Vermittler besteht, strukturelle Änderungen erreichen lassen, die uns bei der Demokratisierung des Landes helfen. Und dass es anschließend Wahlen geben wird, um dem Diktator einen harten Schlag zu verpassen.“

Jason (28), Architekt

„Die aktuelle Situation des Landes ist für mich sehr schwierig, frustrierend und verwirrend zugleich, weil ich im September letzten Jahres ein Airbnb eröffnet habe. Der Tourismus in Nicaragua ist gewachsen, und nach und nach bekam ich mehr ausländische Gäste. Mit der aktuellen Situation weiß ich nicht mehr, ob das weiterhin eine Einkommensoption sein wird. Davon abgesehen kann ich die offensichtliche Machtbesessenheit unseres Präsidenten nicht ignorieren. Er sieht seine Fehler nicht ein und interessiert sich nicht für die Leben der Nicaraguaner. Seine Lösung für die derzeitige Krise ist mehr Gewalt, und das Traurige ist, dass er die Armut in Nicaragua für sich ausnutzt, indem er vielen Menschen Geld anbietet, um auf die Straße zu gehen und ihn zu verteidigen.

Natürlich bleibe ich wie die Mehrheit der Nicaraguaner weiterhin besorgt, weil ich die Protestanten unterstütze. Aber gleichzeitig muss ich auch um meine eigene finanzielle Situation fürchten. Vor kurzem habe ich mich für einen Job beworben, und ich weiß nicht, wie die aktuelle Lage die Entscheidung der Firma beeinflussen wird, weitere Menschen einzustellen, in dem Wissen, in welcher Unsicherheit wir derzeit leben.

Ich denke, dass die Jugendlichen diejenigen sind, die es im Land im Moment am schwersten haben, da die Studenten für Nicaragua das Gesicht hingehalten und mit den Protesten begonnen haben. Die Mehrheit der Verletzten, Vermissten und Toten sind junge Menschen gewesen. Ich habe einen Cousin, der sein Studium unterbrechen musste und einen weiteren, der eigentlich schon fertig ist, aber seine Abschlussarbeit nicht vorstellen kann, weil die Uni, an der er studiert, geschlossen wurde.

Wir wollen, dass das alles so schnell wie möglich aufhört und Stabilität zurück ins Land kommt. Ich hatte das Gefühl, dass sich [vor der aktuellen Krise, Anm.] die Perspektive für unser Land zum Besseren gewendet hatte. Ich hatte in den Nachrichten gelesen, dass die Wirtschaft in Nicaragua das größte Wachstum in der Region hatte und vieles davon dem Tourismus, ausländischen Investitionen und einem Anstieg nicaraguanischer Exporte zu verdanken war. Jetzt haben wir den kleinen Fortschritt, den wir erlebt hatten, wieder verloren.“

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Nicaragua Mittelamerika Lateinamerika Ortega Proteste Demonstrationen
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