Lasst uns mit der AfD Stasi spielen

Silvia Silko

Pop, Kultur, Lifestyle
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Die AfD ruft dazu auf, Lehrer, die sich nicht ans Neutralitätsgebot halten, zu verpetzen Foto: Feliphe Schiarolli / Unsplash

...und dabei hoffentlich ihren Server in die Luft jagen.

Man kann sagen, was man will: Das mit den Innovationen hat die AfD drauf. Jüngste bahnbrechende Idee ist eine Meldeplattform im Internet auf der man nach Lust und Laune seine bespitzelten LehrerInnen an den Pranger stellen darf, sobald sich diese nicht parteikonform äußern. Ach Moment, das gab's doch schon mal – nur ohne Internet. Wie hieß das damals noch mal?! DDR? Oder war's das Dritte Reich?! Die AfD fand das Pilotprojekt in Hamburg so toll, dass es ähnliche Aktionen nun auch in Berlin und Brandenburg geben soll, wie die Funke Mediengruppe berichtet.

Dass die AFD das Zeiträdchen gerne wieder 80 Jahre zurückdrehen möchte, ist ja nichts Neues. Und so dürfen nun Hamburger SchülerInnen und deren Eltern auf der Homepage der AfD Stasi spielen: Wer gegen das Neutralitätsgebot für Lehrpersonal verstößt, kann nun via Maske und ganz anonym gemeldet werden. Die AfD höchstselbst kümmert sich dann darum, den Fall des / der besagte/n LehrerIn zu prüfen (wie genau, ist nicht bekannt. Wir vermuten aber, dass Hamburger Spitzen-AfDler Dirk Nockemann sich Undercover und mit glaubwürdiger Tarnung selbst unter die SchülerInnen mischt). Sollte beim Lehrpersonal tatsächlich keine Neutralität vorliegen, wird der Fall der Schulbehörde vorgelegt, die den Fall dann begutachten soll.

Nun kann man sich fragen, warum ausgerechnet die AfD Neutralität bei LehrerInnen fordert. Das Neutralitätsgebot an Schulen verbietet LehrerInnen nämlich, sich parteiisch zu äußern und so etwa eine bestimmte Partei zu promoten. Schülerinnen und Schüler sollen eine möglichst diverse Auswahl an Meinungen geboten bekommen und sich selbst eine politische Haltung bilden können. Derartige Seiten kennen wir von der AfD (oder wie wir sie auch gerne nennen: "Alte Nazis für Deutschland") ja noch gar nicht!

Bevor wir nun aber verwirrt sind: keine Angst! Die AfD ist nicht über Nacht demokratisch denkend geworden. Vielmehr suhlt sie sich mit ihrer dubiosen Melde-Plattform in Selbstmitleid. Nockemann und Konsorten fühlen sich von LehrerInnen der deutschen Bildungslandschaft ungerecht behandelt. So soll den rechten Parteifreunden zu Ohren gekommen sein, dass LehrerInnen die AfD im Unterricht in schlechtem Licht dastehen lassen. Ein Skandal!

Unser Problem mit der Sache: So richtig eingrenzbar ist die geforderte Neutralität bei LehrerInnen einfach nicht. Lehrpersonal besteht aus Menschen mit Meinungen und Empfindungen. Sich stets neutral zu verhalten, wird da schwierig. Natürlich sollten LehrerInnen den Anspruch haben, ihre Schützlinge nicht zu beeinflussen. Aber ein Lehrer darf die Meinung vertreten, dass Flüchtlingen geholfen werden soll. Er darf auch äußern, dass die AfD eine Partei ist, die derartige Hilfeleistungen ablehnt. Ist das nun schon gegen die AfD wettern? Oder noch neutrales Darlegen von Fakten und Meinungen? Und wo wir schon mal dabei sind: Ist eine Lehrerin, die jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fährt und sich im Bio-Unterricht für Klimaschutz ausspricht jetzt eine Grünen-Aktivistin, die die Kids zu ihrem Werkzeug macht? Was ist mit dem Deutschlehrer, der anhand von Brecht die Arbeiterklasse thematisiert? Der alte Sozi!

Wenn wir so recht überlegen: Jede Partei sollte eine solche Plattform auf ihrer Website einrichten – dann können sich auch endlich alle rund um die Uhr über ihre LehrerInnen beschweren. Passiert viel zu selten! Am besten sollte es auch Beschwerdestätten geben, bei denen man sich über zu lange Monologe bei Ethik-LehrerInnen, schlechte Witze bei Mathe-LehrerInnen und bunte Brillen und Holzschmuck bei KunstlehrerInnen beschweren darf. Irgendwo muss der Wutschüler seinen Frust ja ablassen.

Solange es das noch nicht gibt, hier unser Vorschlag: Wir spamen einfach die Plattform der AfD zu. Alles, was wir schon immer mal über unsere LehrerInnen sagen wollten, jede Beschwerde über eine doofe Unterrichtseinheit oder aber jeglicher Nonsens aus dem Alltag sollte bei der AfD eingehen – so lange, bis der Server dort zusammenbricht oder Beschwerden tatsächlicher AfD-Anhänger, die glauben Neutralitätslosigkeit beim Lehrpersonal ihrer Kinder beobachtet zu haben, untergehen. Denn – und jetzt sind wir froh, keine LehrerInnen zu sein und das Folgende ganz ohne Neutralität zu sagen – die AfD ist menschenverachtend, eine Bedrohung der Demokratie und in jedem Maße höchst ablehnungswürdig. Euch gefällt diese Meinung nicht? Dann beschwert euch doch bitte auf der Homepage der AfD darüber!

Quelle: Noizz.de

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