Der potentielle CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz nutzt jeden öffentlichen Auftritt, um sich bei der jungen Wählerschaft unbeliebt zu machen. Zuletzt mit einer offenkundig homophoben Aussage, jetzt, bei Talk-Moderator Markus Lanz, durch arrogante Sturköpfigkeit.

Er ist sich seiner selbst so sicher: Wie er im perfekten, ein wenig deutsch-biederem Master-of-the-Universe-Anzug mit übereinander geschlagenen Beinen dasitzt und alles an sich abprallen lässt, auf nichts eingeht, nie der Buhmann ist, mit dem Finger immer auf die anderen zeigt. Kurz: der potentielle CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz bei Deutschlands TV-Moderator Nummer eins Markus Lanz (hier geht's zur Sendungs).

Merz hatte vor drei Wochen mit rückwärtsgewandten Aussagen für Schlagzeilen gesorgt: Es ging um Schwule und Arbeitende. Jetzt sitzt er in einer Talkshow, die schon vielen Großen als Beichtstuhl gedient hat. Auch wenn die Fernseheinschaltquoten längst nicht mehr das sind, was sie mal waren: Gefühlt schaut heute Abend die ganze Nation zu – zumindest all jene, die Merz für seine Zitate rügten.

Im Februar hielt Friedrich Merz bei einer Veranstaltung des Forums Mittelstand einen Vortrag mit dem Titel "Was nun Deutschland – (Aus-)Wege in eine gute Zukunft"

Was schnell deutlich wird: Hier sitzen sich zwei Alphas gegenüber: Alpha-Journalist Lanz und Alpha-Politiker Merz. Darüber vergisst man beinahe, dass ein weiteres Alpha-Tier zu Gast ist: "Emma"-Herausgeberin und Feminismus-Ikone Alice Schwarzer. Sie wird an diesem Abend erst eine schlechte, dann eine gute Figur machen. Der dritte Gast ist der Soziologe und Migrationsforscher Gerald Knaus, der mit seinem Buch "Welche Grenzen brauchen wir?" zwar auch hochaktuell ist, gegen die Trias Lanz-Merz-Schwarz aber freilich ordentlich blass wirkt.

Worüber hat Lanz mit Merz gesprochen?

Lanz und Merz besprechen in den ersten 40 Minuten der Show so gut wie alle Themen, die gerade heiß sind. Es ist gewissermaßen ein Abtasten des Kanzlerkandidaten. Zuerst stichelt der Moderator ein wenig, versucht, den Politik-Rückkehrer aus der Reserve zu locken: "Sie haben nichts zu sagen", knallt er ihm zum Auftakt vor den blau-weiß-gestreiften Latz.

Dann fragt er, wie es sich damals angefühlt habe, auf dem "Männerfriedhof Angela Merkels" (eine Formulierung von Alice Schwarzer) gelandet zu sein. Dann geht es um die Corona-Maßnahmen, und schließlich soll Merz noch Noten vergeben für die Leistung von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD).

Markus Lanz befragt Friedrich Merz

Lanz fährt seinen oft persiflierten, aber zuletzt auch häufig gelobten Stil auf, sein gespielt unschuldiges, hartes (Nach-)Fragen. "Ich stelle hier nur die Fragen", verteidigt er sich Mal aufs Mal. Er lässt sich von Merz' Ausweichmanövern nicht aus der Ruhe bringen, kommt immer wieder auf dieselbe(n) Frage(n) zurück, will die Nuss unbedingt knacken.

Die Nuss heißt an diesem Abend Friedrich Merz, und er gibt sich alle Mühe, sich nicht knacken zu lassen, was ihm oberflächlich betrachtet meistens auch gelingt. Man darf ja auch nicht vergessen: Der Typ hat viele Jahre in der obersten Polit-Liga mitgespielt, ist mit allen Wassern gewaschen, war unter anderem Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Mal ganz abgesehen von den Schlachten, die er als Wirtschaftsanwalt und Unternehmensberater geschlagen haben dürfte. So einen legt selbst ein Lanz nicht so schnell aufs Kreuz.

Dennoch: In einem Punkt überzeugt er nicht, in einem zweiten wird er sogar weich.

Dabei geht es erstens um die beiden Aussagen, die ihm zuletzt auf die Füße fielen: sein von vielen als homophob verstandenes Zitat und seine Arbeitnehmer-feindlichen Äußerungen mit Blick auf den Arbeitsmarkt während und nach der Corona-Pandemie. Zweitens spricht Markus Lanz auch die Frauenquote (in der CDU) an – und bei der Gelegenheit schaltet sich natürlich auch Alt-Feministin Alice Schwarzer ein.

Alice Schwarzer bei Markus Lanz

Merz hatte vor drei Wochen kritisiert, dass das Kurzarbeitergeld bis Ende 2021 verlängert worden war. Er sagte damals, die Deutschen könnten sich daran gewöhnen, weniger zu arbeiten. Lanz: "Glauben Sie, dass sich Leute es damit gemütlich machen und nicht mehr arbeiten gehen?" – Merz: "Es könnte in manchen Branchen, ich rede extra im Konjunktiv, so sein, es könnte in eine falsche Richtung gehen."

Er bleibt also dabei und lässt sich auch nicht auf Nachfrage des Moderators von seinem Standpunkt abbringen. Kein Fußbreit. Stattdessen bringt er die älteste, langweiligste Ausrede aller Politik-Zeiten: Sein Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Was Merz bei Lanz zum Homophobie-Vorwurf sagt

Aber damit nicht genug. Lanz konfrontiert Merz auch noch mit seiner zweiten problematischen Aussage aus dem September. Im "BILD"-Politik-Talk "Die richtigen Fragen" war er gefragt worden, ob er sich einen schwulen Kanzler vorstellen könne. Er hatte zwar mit "Nein" geantwortet; auf die Nachfrage hin, ob das für ihn völlig normal wäre, fügte er jedoch hinzu: "Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft."

Der Vorwurf, den daraufhin viele erhoben – auch NOIZZ: Merz bringt Homosexualität mit Pädophilie zusammen.

Aber wie schon beim ersten strittigen Punkt wiegelt der CDU-Mann komplett ab, behauptet, andere seien schuld, hätten ihn falsch verstehen wollen, ihm böswillig etwas angedichtet. Mittlerweile kenne er die Akteure und die Spielchen, die da getrieben wurden. Er stehe weiterhin zu seiner Aussage: "Ich verstehe nicht, was ist daran falsch?"

Dann wird er auffällig emotional und gibt sich – als bekennender Katholik – schockiert ob der vielen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, die zuletzt in seinem Heimat-Bundesland Nordrhein-Westfalen ans Tageslicht gekommen sind.

Merz bei Lanz: Er habe nie etwas Schwulenfeindliches gesagt

Alice Schwarzer mischt sich ein, macht einen geradezu zahnlosen Eindruck. Und auch Lanz macht nicht mehr allzu viel Druck, zitiert zwar noch mal die anderen schwulenfeindlichen Merz-Aussagen der vergangenen Jahrzehnte, lässt ihn dann aber vom Haken.

Zuletzt kommt noch das Thema Frauenquote auf. Sowohl Lanz als auch Schwarzer – und plötzlich scheint sie hellwach und bissig – verweisen auf die wenigen weiblichen Parteimitglieder in der CDU. Zuletzt waren es 27 Prozent. Ob da nicht endlich eine Quote angebracht sei. Merz windet sich, behauptet, das sei nur die zweitbeste Möglichkeit, um den Prozentsatz an CDU-Frauen zu vergrößern, wird am Ende aber fast weich und lässt sich beinahe vor laufender Kamera ein Bekenntnis zur Frauenquote abringen. Wow!

Friedrich Merz und Alice Schwarzer bei Markus Lanz

Insgesamt gibt sich Merz bei Lanz aber unbelehrbar, gibt keine Fehler zu, sucht die Schuld ständig bei anderen. Denkt, er müsse das jetzt so tun, um als Kanzlerkandidat im Rennen zu bleiben. Immerhin merkt er, dass er zumindest die Frauenquote betreffend ein wenig von seinen altbackenen, überkommenen Überzeugungen abrücken muss, um für den weiblichen Teil der Gesellschaft – sollte es so weit kommen – wählbar zu sein.

Dennoch weiß ich nach dem Lanz-Auftritt nicht, wer so jemanden zum Kanzler haben will. Für mich macht Merz' gestriges Talkshow-Verhalten ihn einmal mehr zum "Unwählbar-Kandidaten".

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  • NOIZZ