"Niemand wusste, wer diese Frau war. Sie hatte sich einfach zu unserer Gruppe gesetzt und sagte nichts. Später stellte sich raus, dass sie ein Spitzel war."

Für mich gehörten Sätze, wie diese lange Zeit zu spannenden Einschlafgeschichten, die meine Mutter mir erzählte. Wenn ich abends nicht einschlafen wollte, dann sollte sie mir entweder ein Buch vorlesen oder "von früher" erzählen. Dass eines von beidem einmal Realität gewesen war, konnte ich noch nicht begreifen. Ich war ein Kind.

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Noch heute bin ich süchtig nach diesen Geschichten. Ich verstehe sie jetzt, weiß sie einzuordnen und habe aufgrund dieses Interesses sogar mein Studienfach ausgewählt: Geschichte. Für mein Studium bin ich aus Hannover nach Berlin gezogen – und lerne auf einmal nicht mehr nur aus Büchern, was der Mauerfall bedeutet.

Damit meine ich nicht die besprühten Mauerreste am Potsdamer Platz oder den Checkpoint Charlie, an dem ich jeden Tag vorbeikomme. Im geografischen Osten Deutschlands treffe ich endlich auf Menschen, deren Eltern oder sogar sie selbst in der DDR groß geworden sind. Sie erzählen lustige Geschichten vom kollektiven Aufs-Töpfchen-Gehen, der Jugendweihe – oder nicht so lustige Geschichten aus der Zeit vor und nach dem Mauerfall.

"Was? Nach dem Mauerfall waren nicht alle Menschen überglücklich?", fragt sich jetzt vielleicht mancher.

Zumindest ich stellte mir diese Frage, als mir zum ersten Mal eine ehemalige DDR-Bürgerin von ihren Problemen nach der Wende erzählte. Mit der Mauer brach ihr plötzlich die Heimat Weg. Denn Heimat ist mehr, als eine geografische Fläche.

Die Wende als negatives Ereignis – das hatte ich so noch nie gehört. Doch woher auch? Meine Mutter war Mitglied einer evangelischen Gemeinde, die eine Partnergemeinde in der DDR besuchte. Ihre Geschichten von damals sind auch deshalb so abenteuerlich, weil die Gemeindemitglieder aus der DDR sehr regierungskritisch und deshalb streng beäugt waren. Dass nicht sämtliche DDR-Bürger so streng bewacht und politisch bedroht waren, verstand ich einfach nicht. Auch in der Schule lernte ich die DDR über die Mauerschützenprozesse, die Lebensmittelknappheit und die Stasi-Gefängnisse kennen. Über all das Bescheid zu wissen, ist unglaublich wichtig.

Einen Einblick in den Lebensalltag eines durchschnittlichen DDR-Bürgers bekam ich jedoch nie. Und damit auch kein Verständnis für die Lebensrealität der Menschen dort vor und nach dem Mauerfall. Dementsprechend begegnete ich meinen heutigen Freunden und Bekannten aus dem Osten zunächst mit Unverständnis.

Kleines Beispiel gefällig? In meiner Heimat passiert es eher selten, dass Leute in sehr jungem Alter Kinder bekommen – gern gesehen ist das auch nicht gerade. Viele meine Freunde aus dem Osten jedoch erzählten, dass ihre Eltern sie mit Anfang zwanzig bekommen hätten – in der DDR durch gut ausgebaute Kinderbetreuung schlicht einfacher. Der Wunsch, selbst jung Eltern zu werden sei aufgrund der eigenen Erfahrung deshalb größer, sagten meine Freunde mir. Die junge Mutter: Im Westen asozial, im Osten ideal? So einfach ist es nicht. Doch auf jeden Fall ein gutes Beispiel dafür, wie grundlegende Lebensentscheidungen in Ost und West unterschiedlich bewertet werden.

Nicht nur die Familienplanung, auch unbekannte Wörter, Speisen oder Traditionen meiner Ost-Freunde wirkten auf mich zunächst befremdlich. Mehr als einmal wurde mir deshalb spaßhaft Wessi-Arroganz vorgeworfen. Doch wenn ich so darüber nachdenke, war es kein Überlegenheitsgefühl, das mich in solchen Momenten zögern ließ – es war Unwissenheit.

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall herrscht genau diese Unwissenheit noch immer auf beiden Seiten. Unwissenheit, die in Ablehnung überschlägt. Fragt eure Eltern nach ihren Geschichten aus der Zeit der DDR. Fragt, wie sie die "anderen" da drüben hinter der Mauer sahen. Und wie sie sie heute sehen. Fragt euch selbst: Welche Vorurteile habe ich aufgrund meiner Schulbildung oder den Geschichten meiner Eltern, die nie beide Seiten der Wahrheit beleuchten können?

Fragt wieder nach. Hört wieder zu.

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Quelle: Noizz.de