„Weißer Retter“-Gehabe à la West.

Eigentlich will man gar nicht mehr über Kanye West aka Ye berichten. Nicht über seine Trump-Kuschelei und sein krankes #Maga-Gehabe („Make America Great Again“), nicht über seine ziemlich wahrscheinliche bipolare Störung (er selbst streitet sie seit Neustem vehement ab), nicht über seine Diva-Eskapaden. Und irgendwie tut man es doch immer wieder, weil jede Aktion die vorherige an Schwachsinnigkeit toppt.

[Mehr dazu: So schafft Kanye West sich im Weißen Haus selbst ab]

Neuster Clou aus dem Hause West: Familienurlaub in Uganda. Mr. Ye hat sich mit Frauchen Kim und Töchterchen North ein komplettes Luxusressort am Nil gemietet, um endlich sein neues Album fertigzustellen. Kim postete am Wochenende schon nette Safari-Bilder und durfte sich dabei ein bisschen wie First Lady Melania Trump fühlen (die ja auch gerade in Ägypten im Safari-Look für Schlagzeilen sorgte), North hatte ihren Spaß, Kanye endlich etwas Sinnvolles zu tun. Alles war gut.

Bis das Paar entschloss, Ugandas Präsidenten Yoweri Kaguta Museveni zu treffen.

Für alle, die den Namen des umstrittenen Staatsmannes noch nie gehört haben, hier eine kleine Zusammenfassung dessen Politik: Museveni ist seit 1986 ununterbrochen an der Macht – Demokratie nennt er die hier herrschende Staatsform, Diktator wird er genannt.

Mit Menschenrechten hat es der ostafrikanischer Herrscher nicht so. Seit 2009 wird die Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle diskutiert, weil das bisher nicht durchging, kann Homosexualität seit 2014 mit einer vierzehnjährigen Haftstrafe geahndet werden. Regelmäßig werden Mitglieder der LGBTQ-Community politisch und gesetzlich verfolgt, verhaftet und gefoltert. Korruption, der intransparente Umgang mit Regimekritikern und die immer noch nicht unter Kontrolle gekommene Rekrutierung von Kindersoldaten (Stichwort: Joseph Kony) sind bis heute weitere, offenkundige Defizite des Staates.

Aber unter Museveni bist du nicht nur gefickt, wenn du homosexuell bist, die offensichtlich korrupte Regierung in Frage stellst oder Kind bist: Seit Juni ist es Motorradfahrern außerdem verboten, Hoodies zu tragen. WTF?!, warum ausgerechnet Kapuzenpullover? Weil diese von Kriminellen benutzt würden, um ihr Gesicht vor Überwachungskameras zu verstecken, so die schlaue Erklärung Museveni – in dessen Land die Kriminalitätsrate gerade wieder rapide steigt. Raub, Mord, Kindesentführung und Menschenhandel. Ein Hoodie-Verbot als Lösung.

Funny Fact: Natürlich trug Yeezy-Designer Kanye einen Hoodie beim Präsidentschaftsbesuch, festgenommen wurde er dafür leider nicht – dafür kam seine Berühmtheit dem mediengeilen Yoweri Kaguta Museveni viel zu gute.

Der twitterte stolz über den Besuch des Rappers, schließlich könnten die beiden gut und gerne Seelenverwandte sein – zumindest was ihre Liebelei mit Trump angeht: Denn in Museveni hat Kanye endlich jemand gefunden, der genauso gerne auf Kuschelkurs mit dem US-Präsidenten geht wie er selbst.

Trump bezeichnet Afrika und Haiti als „Shithole Countries“? Der ugandische Präsident liebt es. Laut BBC sprach er Trump nach dem Vorfall seinen vollen Support aus: „Ich liebe Trump, weil er den Afrikanern ehrlich sagt, was Sache ist. Die Afrikaner müssen ihre Probleme lösen, die Afrikaner sind schwach.“ Wow. Wäre er selbst nicht ein schwarzer Mann, man könnte ihm mindestens genauso viel Rassismus vorwerfen wie Trump selbst.

Doch über Politik sprachen Kaye und Yoweri Kaguta Museveni gar nicht – obwohl man das nach der skurrilen Rede des Rappers im Weißen Haus eigentlich erwartet hätte. Stattdessen: Gespräche über Tourismus und Kunst. Passend dazu gab es ein Paar weiße Yeezys für das Staatsoberhaupt. Der fühlte sich so geehrt, dass er Kanye gleich einen ugandischen Namen verpasste (als hätte er nicht schon genug): Kanyesigye – „Ich vertraue“. In was Ye aktuell vertraut, würden wir dabei wirklich gerne wissen. Auch Kim durfte sich einem neuen Namen erfreuen – „Kemigisha“, die von Gott gesegnete.

Auf Twitter sorgte der Besuch des Paares bei dem ugandischen Herrscher für starken Unmut – zurecht, bedenkt man, was für einen enormen Einfluss, was für eine Reichweite die beiden haben. Damit öffentlich einen diktatorisch regierenden Politiker abfeiern, der Schwule und Lesben am liebsten tot sehen würde und Menschenrechte nur so semi-wichtig findet? Ganz große Spitzenklasse.

Den nächsten gesellschaftlichen Fauxpas leistete sich das Kardashian-West Duo direkt im Anschluss.

Mit einem Helikopter, der dem Präsidenten laut „TMZ“ selbst gehören soll, flog das Promipaar zu einem Charity-Event in die Stadt Masulita – beladen mit Säcken voller Yeezys. Die wurden vor Ort an die Kinder verteilt, natürlich schön für Social Media in Szene gesetzt.

Versteht mich nicht falsch: Es ist wunderbar, dass die Kinder Schuhe bekommen – ihre freudigen Reaktionen unfassbar schön. Aber in einem Land, das von Dürre und Ernteausfällen geplagt ist, das mit Bürgerkriegen und Flüchtlingsströmen aus den Nachbarsländern zu kämpfen hat, gibt es definitiv essenziellere Dinge, die ein bedürftiges Kind benötigt als ein paar Markenturnschuhe. Essen, sauberes Wasser, eine Schuldbildung. Keine Schuhe, für das es vielleicht umgebracht wird, weil im Nachbarsdorf jemand auf die Idee kommt, ebendiese Sneaker zu klauen, um sie für Nahrung oder Waffen zu verkaufen.

Die ganze Aktion dann noch als geglückte Charity-Aktion auf Social Media zu verkaufen und den rettenden Helden zu spielen, ist einfach nur widerlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Schuhdesigner sein millionenschweres Bankkonto sicher nicht für seine achso großzügig verteilten Yeezy-Samples belasten musste.

Eine übergeordnete Vision für Uganda hat Kanye West übrigens auch schon: Das Land würde er laut „TMZ“ gerne zu einer Art Disney World oder Jurassic Park machen. Was den Menschen vor Ort ungefähr genauso nachhaltig zugute kommen würde, wie die Kinder-Yeezys und der kritische Präsidentschaftsbesuch. Nämlich gar nicht.

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Quelle: Noizz.de