Über 39.000 Studierende haben bereits eine Petition für das "Kann-Semester" in Deutschland unterschrieben. Sie fordern gleiche Chancen für alle. Demnach soll im Sommersemester 2020 niemand aufgrund der aktuellen Umstände durch eine Prüfung fallen. Eigentlich eine super Idee, oder? Nein, finden viele Studierende und DozentInnen. Warum?

Die Unterschriftensammlung für das "Kann-Semester" kommt etwas spät: Das Sommersemester hat an den meisten Universitäten in Deutschland bereits begonnen. Trotzdem besteht die Möglichkeit nach wie vor, den neuen Uni-Alltag lockerer zu gestalten. Das "Kann-Semester" soll Freiraum schaffen und auf Freiwilligkeit basieren. Die Idee: Universitäten und Studierende sollen sich besser auf die Online-Vorlesungen und Kurse vorbereiten. Wer die Klausuren besteht, der darf sich freuen. Wer durchfällt, soll sie zum nächstmöglichen Zeitpunkt wiederholen können – ohne, dass dafür ein Fehlversuch angerechnet wird. Was für viele nach einer hilfreichen Idee klingt, stößt bei anderen auf Unverständnis.

Viele Universitäten scheinen nicht richtig vorbereitet zu sein

Dr. Marcus Kleiner ist Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Sciences und dort Vizepräsident für Kreativität und Interaktion. Er versteht den Sinn des "Kann-Semesters" nicht: "Wir haben die ganze Hochschule innerhalb von fünf Wochen auf Online gestellt. Wir können unseren Studierenden gewährleisten, dass sie ein Semester mit hoher Lehrqualität bekommen. Alle Prüfungsformen, die wir anbieten, sind durchsetzbar. Studierende können ihr Sommersemester wie geplant durchführen." Er sieht ein, dass nicht jede Universität so gut aufgestellt ist. "Das Kann-Semester ist eine Logik von Hochschulen, die nicht in der Lage waren, ihr System online abzubilden", sagt der 47-Jährige.

Genau das scheint für viele ein Problem zu sein: In einem Artikel des Handelsblattes von 2019 steht, dass Hochschulen schlecht für die Digitalisierung gerüstet seien. Bislang sind wohl nur wenige Universitäten wie etwa die RWTH Aachen oder die TU München auf digitalen Lernplattformen wie Coursera, edX oder Udacity präsent. Nun sind viele Universitäten gezwungen, sich doch mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. DozentInnen müssen ihre Vorträge online halten. Studierende sich in separaten Video-Chats zusammenfinden und Gruppenaufgaben digital erarbeiten. Das macht alles noch anstrengender, findet Sydney aus der Schweiz (die wie alle Studierenden aus Sorge vor Konsequenzen nur ihren Vornamen nennen möchte). Sie studiert an der Fachhochschule der Nordschweiz Primärschullehramt, Grundschule, auf Bachelor. Seit mehreren Wochen lernt sie alles online. "Es braucht noch mehr Selbstdisziplin als sonst. Zudem ist es so viel schwieriger, Dinge zu verstehen und Fragen zu stellen als in persönlich in Gruppen", sagt sie. "Ich habe dieses Semester Mathe. Sich neben dem Lernstoff noch an neue Unterrichtsarten zu gewöhnen, macht es nicht gerade leichter."

>> Studenten verklagen Uni, weil sie angeblich Geld mit Corona-Krise machen will

Die Schweiz als Vorbild für ein "Kann-Semester"?

NOIZZ.de liegt ein Dokument vor, dass die Eidgenössische Technischen Hochschule in Zürich per Mail verschickt hat. Dort heißt es: "Wird eine Leistungskontrolle (Semesterendprüfung, eine einzelne Sessionsprüfung, ein Prüfungsblock oder eine Semesterleistung) nicht bestanden, so wird dieser Fehlversuch annulliert. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um einen ersten oder einen zweiten Versuch (Repetition) handelt." Bedeutet: Wer eine Prüfungsleistung nicht besteht, kann sie einfach wiederholen – ohne dass sie als Fehlversuch angerechnet wird. Auch in Deutschland wird zwischen Prüfungs- und Studienleistung unterschieden. Letztere können beliebig häufig wiederholt werden. Sie werden nicht benotet. Es wird allein über "nicht bestanden" oder "bestanden" entschieden. Anders bei Prüfungsleistungen. Hier gibt es meistens nur zwei Versuche. Wer eine Note schlechter als 4 schreibt, fällt durch. Je nach Prüfungsordnung der jeweiligen Fakultät gibt es einen zusätzlichen "Joker", einen Drittversuch. Wer den nicht besteht, der ist endgültig durchgefallen und darf sich nie wieder für das Studienfach in dem jeweiligen Land immatrikulieren. Viele setzt das enorm unter Druck.

Im Gegensatz zu der Schweiz fehlt es vielen Studierenden in Deutschland zudem an nötigen Informationen: "Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie das Semester ablaufen soll", sagt Marie von der Alber-Ludwigs-Universität in Freiburg. "Vielleicht ist das aber auch an mir vorbeigegangen." Sie hat momentan Schwierigkeiten, auf Prüfungen zu lernen, die wegen der Kontaktsperre nun online nachgeholt werden. Die 25-Jährige ist schwanger und hat ein Kleinkind zuhause, weil die Kindertagesstätten noch immer nicht geöffnet haben. Ihr Mann arbeitet ebenfalls. "Ich würde das Kann-Semester super finden. Nicht nur Studierenden, auch DozentInnen würde so ein wenig Druck genommen werden", sagt sie.

>> Corona-Katastrophe in den USA: Wie es so weit kommen konnte

Studierende sollen sich den Gegebenheiten anpassen

Professor Dr. Marcus Kleiner appelliert trotzdem an Studierenden, sich den Gegebenheiten anzupassen. "Man muss sich immer überlegen, wie man mit Sondersituationen umgeht. Corona ist ein akuter Notstand – aber nicht der einzige, der die Alltagsroutine unterbricht", sagt er. "Wir sind in einer Zeit, in der wir permanent unseren Alltag umstellen müssen – auch die Hochschule, die nun auf Online-Lehre setzt. Aber warum ist das so anders? Die ganze jüngere Generation verbringt so viel Zeit online, bei allem, was sie tut – selbst in den Kursen und Vorlesungen." Jede Universität hätte seiner Meinung nach die Möglichkeit, sich der Situation anzupassen. "Es gibt immer noch die Möglichkeit, bei dem Prüfungsausschuss einen Antrag auf Änderung der Prüfungsform zu stellen. Bei mir sind Online-Klausuren nicht möglich. Deswegen wird es nun ein Referat und eine schriftliche Ausarbeitung geben.“

Nicht nur Dozenten sind gegen ein "Kann-Semester". Ein Politik-Student, der weiterhin an der Uni Freiburg eingeschrieben ist, schreibt auf Anfrage: "Es ist eine Ausrede, um durchfallen zu können. Vor allem für diejenigen, die keine Disziplin hatten. Wer sich gut vorbereitet und sich trotz Corona um Alternativen gekümmert hat, steht dumm da. Ich sehe keinen Grund, wieso Hausarbeiten und Co. nicht normal bewertet werden können."

Ist das "Kann-Semester" nur für Faule?

Ob das "Kann-Semester" wirklich darauf abzielt, faule Studierende zu unterstützen, sei dahingestellt. Der freie Zusammenschluss der Studierendenschaft in Deutschland (FZS) hat die Idee ins Leben gerufen – und dabei wohl an etwas ganz anders gedacht. Gegenüber "Deutschlandfunk" sagt Sprecherin Leonie Ackermann, dass wohl keine Lehre auf dem Niveau der vergangenen Semester stattfinden wird. Demnach könne man von den Studierenden nicht die gleiche Leistung erwarten.

>> So gehen junge Menschen in Europa mit der Corona-Krise um

Ob die Online-Lehre tatsächlich schlechter sein wird, darüber wird gestritten. Während Professor Dr. Marcus Kleiner behauptet, dass die Online-Kurse seiner Hochschule genauso gut seien, bemängelt Pavlos Wacker fehlende Digitalisierungskenntnisse. Der 22-Jährige ist Landesvorsitzender der Juso in Baden-Württemberg und stimmt für ein "Kann-Semester". "Wir sehen, dass die Universitäten eben nicht auf dem technischen Stand sind, wie wir sie gerne hätten. Das wird ein Nachteil für Studierende im kommenden Semester", sagt er. "Leute, die auf Förderprogramme angewiesen sind, würde diese Idee helfen. Selbstverständlich ziehen faule Studierende Vorteile daraus. Die meisten wollen aber lernen und ihr Studium fortsetzen. Aber nicht jeder hat die gleichen Bedingungen. Zumal haben Fleißige keinen Nachteil. Wieso also nicht?"

Viele sind gegen ein "Kann-Semester"

Bei einer privaten Instagram-Umfrage von 26 Beteiligten, stimmen 62 Prozent für und 38 Prozent gegen ein "Kann-Semester". Viele finden, dass Studierende nach wie vor gute Möglichkeiten hätten, online zu lernen. "Wer fleißig ist, der schafft das" – so die Message. Andere verweisen auf Studierende, die unter der aktuellen Corona-Situation noch mehr als sonst leiden. So gibt es bestimmt den einen oder anderen, der keine funktionierende Kamera an seinem Laptop hat – oder sich um kranke Familienmitglieder kümmern muss. Das sind alles Probleme, die sich mit den jeweiligen DozentInnen besprechen lassen. Auch Professor Dr. Marcus Kleiner meint, dass er jederzeit bereit wäre, zu helfen und nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen.

Doch selbst wenn: Wer so ein schlechter Student ist, der wird wahrscheinlich irgendwann mal durch sein Studium fliegen. Wenn nicht in diesem Semester, dann vielleicht im nächsten. Er bekommt sein Abschlusszeugnis aber nicht wegen eines "Kann-Semesters" geschenkt.

Corona macht die Alltagsprobleme noch schlimmer

Es stimmt , dass es selbst ohne Corona problematische Alltagssituationen gibt – die viele Menschen meistern. Corona macht das aber alles nicht besser. Im Gegenteil: Viele Elternteile von Studierenden bangen um ihren Job. "Opfer häuslicher Gewalt haben im Corona-Lockdown wenig Chancen, unbemerkt Hilfe zu rufen“, schreibt auch der "Spiegel". Zudem hat nicht jeder genügend Mut, dem Dozenten oder der Dozentin seine aktuelle Lage zu erklären. Die Familiensituation zuhause, oder das fehlende Geld gehen schließlich nicht jeden etwas an. Natürlich kann jede*r zur Arztpraxis gehen und sich für die Prüfung krankschreiben lassen. Aber ist das die Lösung?

In einem Artikel von "Deutschlandfunk" sagt Peter-André Alt, der Vorsitzenden der Hochschulrektorenkonferenz, dass nicht von einem "Kann-Semester" gesprochen werden sollte. Er findet den Begriff wohl zu unverbindlich. "Wir brauchen die Sicherheit, dass die Studierenden gegebenenfalls ein Semester länger BAföG erhalten. Wir brauchen die Sicherheit, dass diejenigen, die in materieller Not sind, Unterstützung erhalten – möglichst ohne Darlehen", heißt es.

Es scheint keine Nachteile zu geben - warum nicht?

Mustafa Istif von der Universität Mannheim meint zu wissen, warum viele Studierende trotz der Vorteile gegen ein "Kann-Semester" stimmen. "Egoismus statt Sozialverhalten", sagt der 29-Jährige, der bereits eine Ausbildung abgeschlossen hat. "Es ist nicht mehr wie früher, dass man gemeinsam in einer Bande durch das Studium geht. Man lacht sich ins Fäustchen, wenn Leute Infos nicht bekommen, oder schlechter sind." Er geht davon aus, dass vor allem Leute, die bereits am Ende ihres Studiums sind, gegen diese mögliche Hilfe sind. Vielleicht aus Missgunst.

Feststeht: Die Universitäten scheinen sich nun alle endlich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Es gibt Lösungen für neu entstandene Probleme – die Frage ist, wem und ob sie überhaupt jemanden helfen. In einer Ausnahmesituation sollte man Ausnahme zulassen. Die Frage zum "Kann-Semester" bleibt nach wie vor: Warum nicht?

  • Quelle:
  • Noizz.de